Home
http://www.faz.net/-gzg-6yzqc
HERAUSGEGEBEN VON WERNER D'INKA, JÜRGEN KAUBE, BERTHOLD KOHLER, HOLGER STELTZNER

Uni-Klinikum Gießen/Marburg Verhärtete Fronten am Uni-Klinikum

Trotz hoher Investitionen und Ertragswende steht der Haupteigentümer Rhön AG in der Kritik. Stellenabbau und ein ständiger Wechsel zeigen sich in der Gießener Chefetage. Die Landesregierung wirkt verärgert - und hilflos.

© dpa Die Universitätsklinik Gießen gehört zum Rhön-Klinikum und soll mit verkauft werden

Kann das im Februar 2006 privatisierte Universitäts-Klinikum Gießen und Marburg wieder vollständig in den Besitz des Landes überführt werden? Die FDP im Landtag winkt ab: Schon juristisch sei dies nicht möglich, meinen die liberalen Privatisierungsbefürworter. Ungeachtet dieser Einschätzung ist es bemerkenswert, dass über die „Rolle rückwärts“ in Mittelhessen überhaupt wieder diskutiert wird. Zeigt die Debatte doch, wie sehr die Fronten verhärtet sind zwischen dem Mehrheitseigentümer des Klinikums, der börsennotierten Rhön-Klinikum AG, und den Privatisierungskritikern. Bemerkenswert ist auch, wie schlecht bei so manchem das Langzeitgedächtnis arbeitet, wenn es um die Rolle des Landes beim Betrieb der ehedem eigenständigen Uni-Kliniken in Mittelhessen geht. Zumal die Landesregierung zwar verärgert auf die Wirren am Uni-Klinikum reagiert, aber auch recht hilflos erscheint.

Thorsten Winter Folgen:

Auslöser der abermaligen Diskussion war die Nachricht, Rhön wolle in Gießen und Marburg bis zu 500 Stellen abbauen. Als Grund führten Sprecher von Rhön und Uni-Klinikum an, dieses Jahr fehlten in Gießen und Marburg gut zehn Millionen Euro in der Kasse - nach einem Gewinn von 15 Millionen im vergangenen Jahr. Ob der Gewinn sich ohne die Kostensenkung nur verringerte oder das Großklinikum einen Verlust schriebe, blieb dabei offen. Angesichts des Protests von Arbeitnehmervertretern und Landesregierung ist zwar von 500 Stellen nicht mehr die Rede. Und Rhön beteuert, nur Kosten im Volumen von 500 Arbeitsplätzen einsparen zu wollen. Aber der Arbeitgeber in Gestalt des Mehrheitseigentümers und des Uni-Klinikums selbst dringt damit nicht durch, und das hat er sich auch selbst zuzuschreiben.

Mehr zum Thema

Die Lage muss prekär sein

So wechselt Rhön die Spitze des Uni-Klinikums zum dritten Mal seit Frühjahr 2009 aus. Nach Gerald Meder, seinerzeit auch zweiter Mann im Rhön-Konzern, war der Schweizer Klinikmanager Joseph Rohrer gut zwei Jahre lang Vorsitzender der Geschäftsführung, bevor Rhön-Vorstandsmitglied Irmgard Stippler vor knapp einem Jahr das Ruder übernahm. Sie scheidet jetzt aber ebenso aus wie die kaufmännische Geschäftsführerin in Marburg, Doris Benz, die seinerzeit mit Rohrer nach Mittelhessen gekommen war. An die Position von Stippler rückt Martin Menger. Er ist seit elf Jahren für Rhön leitend tätig. Menger will mit einer neuen Mannschaft daran arbeiten, das Vertrauen von „Mitarbeitern, Patienten, Klinikdirektoren, Betriebsrat, Personalrat, Dekanen, Universitätspräsidenten und niedergelassenen Ärzten zurückgewinnen“, wie es heißt. Allein schon die Aufzählung zeigt, wie prekär die Lage sein muss.

Der Arbeitgeber verwundert aber nicht nur mit überraschenden Personalentscheidungen. Rhön verschickte auch eine Mitteilung zu „Fakten und Kennziffern“ seit der Privatisierung. Daraus geht hervor, dass der Konzern in Gießen und Marburg seit Februar 2006 mehr als 367 Millionen Euro investierte und die Zahl der Mitarbeiter auf 9700 stieg. Sie liegt also um etwa 200 höher als vor Jahresfrist. Außerdem seien 13 Millionen Euro in Forschung und Lehre mit Schwerpunkt patientennahe Forschung geflossen. Der Arbeitgeber verweist auch auf anhaltend steigende Patientenzahlen und die Ertragswende: Das Klinikum hat demnach 2005 einen Verlust von 15 Millionen Euro und im Jahr der Übernahme von 7,4 Millionen erwirtschaftet. 2011 hingegen erreichte es nach Angaben des Minderheitseigentümers Land Hessen einen Gewinn in Höhe von rund 15 Millionen Euro.

1 | 2 Nächste Seite   |  Artikel auf einer Seite
 
()
Permalink

Hier können Sie die Rechte an diesem Artikel erwerben

Weitere Empfehlungen
Klinikum Höchst in Frankfurt Wird Höchst das neue Offenbach?

Frankfurt will sein Klinikum unbedingt in kommunaler Trägerschaft halten. Vorbild für die Sanierung könnte dennoch ein privates Krankenhaus sein. Mehr Von Mechthild Harting, Rhein-Main

30.07.2015, 10:18 Uhr | Rhein-Main
Autobahnkreuz Weinsberg 700 Millionen Euro gegen den Stau

Seit mehr als 20 Jahren steht das Autobahnkreuz Weinsberg auf der Planungsliste der Bundesregierung. Doch nichts passiert. Eine Privatinitiative will die nötigen 700 Millionen Euro für die Instandsetzung jetzt selber aufbringen, damit der 60 Kilometer lange Autobahnabschnitt endlich aus den täglichen Staumeldungen im Radio verschwindet. Mehr

12.02.2015, 09:54 Uhr | Wirtschaft
Al-Wazir zur Energiewende Ohne neue Netze wird es nicht funktionieren

Neue Netze, neue Lampen, neue Studie: Mit 15 Millionen Euro will Wirtschaftsminister Al-Wazir die Energiewende innerhalb von vier Jahren beschleunigen. Was Al-Wazir mit dem Geld genau vorhat. Mehr Von Ewald Hetrodt, Wiesbaden

29.07.2015, 06:19 Uhr | Rhein-Main
Rundgang Linssen Grand Sturdy

Ein Video-Rundgang auf der Linssen Grand Sturdy, dem nagelneues 1,5-Millionen-Euro-Flaggschiff des Unternehmens. Alles sehr gediegen, sehr praktisch, traditionell durch und durch. Niederländischer geht es nicht. Mehr

10.02.2015, 17:00 Uhr | Technik-Motor
Mittelhessen Holztransporter reißt Fußgängerbrücke mit sich

Wenn ein Holzlaster mit seinem Ladekran über Land fährt, sollte der Mann am Steuer um die Höhe seines Fahrzeugs wissen. Andernfalls drohen Unfälle wie jener, den es gerade nahe Marburg gab. Mehr

20.07.2015, 13:48 Uhr | Rhein-Main

Veröffentlicht: 06.04.2012, 20:58 Uhr

Schwieriger Rollenkonflikt

Von Rainer Schulze

Die Mietpreise sind Streitthema zwischen dem Frankfurter Wohnungsunternehmen ABG und dem Oberbürgermeister. ABG will die Miete moderat anheben, Feldmann den Preisstopp. Die ABG sollte nicht Opfer politischer Machtspiele werden. Mehr 0