Allein an einem langen Tisch im vierten Stock der Universitäts- und Landesbibliothek Darmstadt sitzt Maria Steinbach. Blonde Haare, dunkle Brille, etwas müder Blick. Die 24 Jahre alte Frau studiert Bauingenieurwesen im ersten Semester und zeichnet an einem Entwurf. „Die Kollegen haben sich mit der Frist vertan“, sagt sie. Ihre Mitstudenten hätten getrödelt, daher habe sich ihr gemeinsames Projekt verzögert. Morgen früh sei Abgabe. Sie versucht zu lächeln.
Es ist drei Uhr morgens, durch die hohen Fenster kann man hinaus in die Nacht sehen, und immer noch sitzen einige Studenten in der Bibliothek. Seit zwei Wochen hat sie 24 Stunden durchgehend geöffnet und ist damit eine von bundesweit fünf Bibliotheken, in der Studenten rund um die Uhr lernen können. In Hessen ist das einzigartig. „Wir haben längere Öffnungszeiten geprüft, aber sehen dafür derzeit keinen Bedarf“, sagt ein Sprecher der Universität Frankfurt. Die dortige Bibliothek schließt um 22 Uhr.
Keine Kaugummis, sondern Ohrstöpsel
Zu dieser Uhrzeit kommen manche erst in die Darmstädter Bibliothek. Ein Jahr lang will man hier den Vierundzwanzig-Stunden-Betrieb testen. „In der Zeit schauen wir, ob die Öffnungszeit ökonomisch sinnvoll ist“, sagt Bibliotheksdirektor Hans-Georg Nolte-Fischer. 120 000 Euro jährlich koste das. Neulich, in einer Sonntagnacht, seien um zwei Uhr morgens noch 150 und um vier Uhr noch 70 Studenten anwesend gewesen. An einem Wochentag oder besser in einer Nacht wie heute ist deutlich weniger los. Im ersten Stock sitzt Faisal Farooq über seinen Büchern. Der 29 Jahre alte Pakistaner ist seit 2011 für „Electrical Power Engineering“ eingeschrieben, einen internationalen zweijährigen Masterstudiengang. Im Lehrbuch lese er gerade etwas über Elektrizitätsmodule von Motoren, erklärt er höflich in eigenwilligem Englisch. Jetzt, wo er keine Kurse mehr habe, sitze er oft nachts in der Bibliothek und bereite sich auf seine Prüfungen vor.
Im Erdgeschoss steht ein Automat, der aussieht, als könne man sich dort Kaugummis ziehen. Tatsächlich gibt es hier Ohrstöpsel zu kaufen. Aber die braucht keiner, es ist sehr ruhig, nur die Lüftung ist zu hören. Die meisten Besucher tragen Kopfhörer. Keiner hat, ermattet vom Lernen, den Kopf auf die Tischplatte sinken lassen.
Zwischendurch ein wenig schlafen
Der Neubau der Unibibliothek Darmstadt wurde erst Anfang November eröffnet. Die Einrichtung ist karg, weiße Lampen, weiße Stühle, weiße Metallregale, viele davon leer. Auf der einen Seite gibt es kleine Gruppenlernräume mit großen Flipboards darin, auf die man schreiben kann. Wie in einem Bürogebäude wirkt das, in dem rund um die Uhr gearbeitet wird, und vielleicht sagt der Trend zur 24-Stunden-Bibliothek ja auch etwas aus über die Bedingungen, unter denen heute studiert wird. Aus einem der Zimmer dringt Licht, Stimmen sind zu hören. Drei junge Männer mit weißen Hemden und kurzen Haaren stehen darin und diskutieren. Es ist jetzt halb vier Uhr morgens. Sie sprechen über Banken und Zinsen, wer wie viel bekommt, wenn er soundsoviel anlegt. Sie haben sich offenbar für die Nacht gestärkt - in ihrer Nähe stehen drei leere Energiegetränke-Dosen.
An dem Tisch mit dem Schild „Zentrale Information“ informiert von 22 Uhr an niemand mehr. Die Bibliotheksmitarbeiter haben längst Feierabend. Im Erdgeschoss sitzen drei Angestellte eines privaten Sicherheitsdienstes. Etwa dreißig Besucher seien heute Nacht hier, sagt einer der Wachmänner. Um sechs Uhr morgens gingen die Letzten, und spätestens um sieben seien schon wieder die Ersten da.
Über die Treppe schlurft einer, seinen Laptop unter dem Arm, dem Ausgang entgegen. Sirgis und Carol, die ihre Nachnamen nicht nennen wollen, harren noch aus. Sie sitzen zu zweit über ihren aufgeschlagenen Lehrbüchern der Elektrotechnik und murmeln leise miteinander. „Wir kommen hier nachts her, weil es so ruhig ist“, sagt Sirgis. Dafür haben sie einen eigenwilligen Rhythmus entwickelt: Nach den Vorlesungen legten sie sich ein wenig zum Schlafen hin, erzählt er. Von zehn Uhr abends bis morgens um vier lernten sie dann in die Bibliothek, um vor Beginn der Vorlesungen nochmals zu schlafen. Kurz vor vier stehen die beiden auf. Gehen sie jetzt endlich ins Bett? Nein, sagt Sirgis, sie holten sich nur etwas zu essen.
Eine gute Lösung
Friedrich Ewald (FriedrichEwald)
- 02.02.2013, 12:14 Uhr