Ernst May wirkte nur fünf Jahre in Frankfurt, von 1925 bis 1930. Und doch verhalf der Architekt der Frankfurter Großsiedlungen gemeinsam mit Martin Elsaesser, damals zuständig für städtische Großprojekte wie Schulen, Krankenhäuser, Schwimmbäder und die Großmarkthalle, dem „Neuen Frankfurt“ zu einem bis heute anhaltenden Ruhm. Die May-Siedlungen könnten nun mit dem begehrten Prädikat Unesco-Welterbe geadelt werden. Dabei soll ein kleiner Trick helfen: Um das langwierige und ungewisse Bewerbungsverfahren zu umgehen, könnten die Frankfurter Großsiedlungen als Ergänzung zu den Berliner Siedlungen der Moderne auf die Unesco-Liste rutschen.
Ein Arbeitskreis, bestehend aus Vertretern der Denkmalpflege des Landes und der Stadt, dem Deutschen Architekturmuseum (DAM), dem städtischen Kultur- und Planungsdezernat, der Wohnungsbaugesellschaft ABG, der May-Gesellschaft und der Elsaesser-Stiftung, will das Gesuch voranbringen. Ob ein Antrag tatsächlich erfolgversprechend ist, wird derzeit geprüft. Im Februar, wenn im DAM eine Schau zum Welterbe in Deutschland geplant ist, soll ein Ergebnis vorliegen. „Zu diesem Termin wollen wir damit rausgehen“, sagt DAM-Direktor Peter Cachola Schmal. Er warnte aber vor übereilten Schlüssen. „Man kann diesen Weg nicht in fünf Minuten gehen. Ein Antrag muss gut vorbereitet sein.“ Dem Präsident des Landesdenkmalamts, Gerd Weiß, zufolge läuft ein Ergänzungsantrag außerhalb des normalen Verfahrens, für das die Bewerbungsfrist schon am 1. August endet.
Der „einmalige universelle Wert“ muss belegt werden
„Da brennt nichts an“, sagt er. May, in den zwanziger Jahren der Kopf des „Neuen Frankfurt“, wollte die Menschen in Zeiten der Wohnungsnot nicht nur behausen. Der Stadtbaurat wollte mit seinen Großsiedlungen, die wie ein Kranz die Innenstadt umgeben, einen neuen Lebensstil schaffen. Die genormten Kleinwohnungen für das Existenzminimum verzichteten auf dekorativen Schmuck und gaben mit ihrer einheitlichen Farbgestaltung nach außen ein homogenes Bild ab. Die ästhetische Form verband sich mit einem sozialen Anspruch: Jeder Bewohner verfügte über ein Stück Garten, um sich versorgen zu können. Mays Konzept machte Furore und wirkte bis nach Russland und Afrika. Insgesamt baute er zwischen 1919 und 1970 auf drei Kontinenten mehr als 100.000 Wohnungen. In Frankfurt umfasste sein Bauprogramm 15.000 Wohnungen. Bis 1930 entstanden entlang dem Niddatal die Siedlungen Römerstadt, Westhausen in Praunheim, Höhenblick am Ginnheimer Hang und Bruchfeldstraße in Niederrad, ferner die Siedlung Am Bornheimer Hang und etwas später die Hellerhofsiedlung im Gallus.
Um die strengen Kriterien der Unesco zu erfüllen, muss auch für die May-Siedlungen der „einmalige universelle Wert“ belegt werden. Problematischer als die wissenschaftliche Untersuchung scheint aber der Umstand, dass die Siedlungen vielfach umgebaut worden sind. Die Ansprüche der Unesco, was die Authentizität betrifft, sind aber hoch. DAM-Direktor Schmal zufolge muss man wohl eine Auswahl treffen. Gerade einzelne Siedlungen in privater Hand sähen aus „wie Kraut und Rüben“.
Das Erscheinungsbild der Stadt soll nicht leiden
Um den Welterbe-Titel zu erlangen, müsste die Stadt eine Art Managementplan vorlegen, der kurzfristige, mittelfristige und langfristige Ziele im Umgang mit den Siedlungen enthält. Das könnten zum Beispiel Gestaltungsregeln wie die Rückführung der Gebäude auf die Farbgebung von May oder eine Erhaltungssatzung sein. Außerdem müsste sich die Stadt überlegen, wie sie die Wohnhäuser energetisch sanieren kann, ohne dass das Erscheinungsbild leidet. Pilotprojekte zu diesem Thema gibt es schon.
Der Großteil der Siedlungen befindet sich in der Hand der städtischen Wohnungsgesellschaft ABG. Deren Geschäftsführer Frank Junker unterstützt das Ansinnen und plädiert dafür, die weitgehend intakte Siedlung Römerstadt und die Siedlung Zickzackhausen in Niederrad auszuwählen. Er verweist auf ein Konzept zur denkmalgerechten Sanierung, das schon angewendet werde. Gegebenenfalls müsse das noch verfeinert werden.
Wie in der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung berichtet, unterstützen auch die Grünen im Römer das Bemühen um den Welterbe-Status. Die kulturpolitische Sprecherin Heike Hambrock meint, dass ein Ausstellungsraum zum „Neuen Bauen“ die Chancen erhöhen könnte. Aus zwei Retrospektiven im DAM zu Elsaessers und Mays Schaffen sind Modelle vorhanden. Offen ist allerdings noch, wo sie und Dokumente dauerhaft präsentiert werden können. Schmal winkt ab, im DAM gebe es keinen Platz. Er und Vertreter der May-Gesellschaft favorisieren die Römerstadt. Junker zufolge gibt es dort eine nicht vermietete Ladenfläche an der Hadrianstraße. Das hätte den Reiz, das Gruppen in der am besten erhaltenen May-Siedlung das Ernst-May-Musterhaus besichtigen und sich zugleich über das „Neue Bauen“ informieren können.