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Unesco-Welterbe : Keine Windräder im Zentrum des Rheintals

Wo das Mittelrheintal beginnt: Bingen und die Nahe-Mündung, von Rüdesheim aus gesehen Bild: Sick, Cornelia

Für das Unesco-Welterbegebiet ist ein übergeordneter Plan erstellt worden. Weiter umstritten ist die Brücke über den Fluss.

          So dick wie ein Telefonbuch und fast 1,8Kilogramm schwer. Zehn Jahre nachdem die Unesco den 67Kilometer langen Abschnitt des Mittelrheintals zwischen Rüdesheim/Bingen und Koblenz in die Liste der Welterbestätten aufgenommen hat, liegt nun ein umfassendes Konzept für die weitere Entwicklung vor. „Kein Werk aus dem Elfenbeinturm von Wissenschaft und Politik“, wie Wirtschaftsministerin Eveline Lemke (Die Grünen) in Mainz hervorhob, sondern „ein Produkt der Bürgerbeteiligung“.

          Oliver Bock

          Korrespondent der Rhein-Main-Zeitung für den Rheingau-Taunus-Kreis.

          Zwischen 60 und 90 Bürger beteiligten sich im vergangenen Jahr an den sechs Arbeitstagungen zur Erstellung des Plans, rund 170 an einer Zukunftskonferenz. Fristgerecht zum 1.Februar wurde das schwergewichtige, aber noch „informelle und unverbindliche“ Werk dem Unesco-Büro in Paris übersandt, und im Juni will sich die Weltkulturorganisation auf ihrer Jahrestagung in der kambodschanischen Hauptstadt Phnom Penh damit beschäftigen. Dort geht es dann auch um die Aufnahme der „Wasserspiele und die Herkules-Statue im Bergpark Wilhelmshöhe“ in Kassel.

          Der wichtigste Streitpunkt wird nicht unter den Teppich gekehrt

          Der sogenannte Masterplan ist ein informelles Werk und zugleich eine politische Willenserklärung, allerdings ohne rechtsverbindliche Wirkungen. Er soll mitsamt den zehn erarbeiteten „Visionen“ für das Tal mit einem „Umsetzungskonzept“ konkretisiert werden. Dafür wird die Struktur- und Genehmigungsdirektion Nord in Koblenz federführend zuständig sein. Nach Ansicht von Ministerin Lemke wird das Konzept der Regionalentwicklung neue Impulse geben. Als größte Schwächen des Oberen Mittelrheintals bezeichnete sie den Bahnlärm, die administrative Zersplitterung durch die Beteiligung von 48 Kommunen, vier Verbandsgemeinden, fünf Landkreisen und zwei Bundesländern sowie die gravierenden Folgen des demographischen Wandels: rückläufige Bevölkerungszahlen, Verlust an Arbeitsplätzen, leerstehende Immobilien und Verfall der Ortskerne.

          Es handelt sich allerdings um kein Konsenspapier, denn der wichtigste Streitpunkt wird nicht unter den Teppich gekehrt: die Rheinbrücke nördlich von St.Goarshausen. In der Brückendiskussion hatte die Unesco dem Land erst aufgegeben, den nun vorliegenden übergeordneten Plan zu entwickeln. Die Repräsentanten der Region, der Vorsitzende des Zweckverbands Oberes Mittelrheintal, Rhein-Hunsrück-Landrat Bertram Fleck (CDU), und sein Stellvertreter, Rhein-Lahn-Landrat Günter Kern (SPD), sprechen der Rheinbrücke weiterhin eine zentrale Rolle für das Tal zu, um die trennende Wirkung des Rheins zu überwinden. „Wir brauchen die Brücke“, sagte Fleck und verwies auf die 50 Brücken an der Mosel, die 26 Brücken über die Nahe und sechs Brücken über die Lahn. Die Zeit dränge, sagte Fleck, und er wolle nicht erst im hohen Alter mit einem Rollator über die Brücke gehen.

          Die Kernzone des Mittelrheintals bleibt tabu

          Ministerin Lemke verwies jedoch darauf, dass die Koalitionsvereinbarung mit der SPD in diesem Punkt nicht revidiert werde und dass die Brückenpläne bis zum Ende der Legislaturperiode 2016 auf Eis lägen. Stattdessen sei der Fährverkehr ausgeweitet worden, in absehbarer Zeit werde die Wirkung dieser Entscheidung evaluiert.

          Im Hinblick auf die Energiewende sagte Lemke, die Kernzone des Mittelrheintals bleibe für Windräder tabu. Für die Pufferzone werde ein Gutachten angefertigt, das den Kommunen Empfehlungen geben werde. Vertreter des Landes Hessen bestätigten, dass Hessen im Landesentwicklungsplan ähnliche Festlegungen treffen werde, die dann Rüdesheim und Lorch binden sollen. Das Gutachten zu möglichen Windradstandorten in der Pufferzone des Mittelrheintals werde im Laufe dieses Jahres vorgelegt.

          Ein gewachsenes „Wir-Gefühl“ im Tal

          Landrat Fleck gab zu, dass in den vergangenen zehn Jahren längst nicht alle Vorhaben verwirklicht worden seien. Dass es für die Region wegen der beiden unterschiedlichen Nahverkehrsverbünde immer noch kein Mittelrheinticket gibt, nannte Fleck bedauerlich. Viele Entscheidungen nähmen Jahre in Anspruch, Fortschritte seien nur langsam zu erreichen. Landrat Kern warf dem Rhein-Main-Verkehrsverbund vor, an einem Mittelrheinticket bislang kein Interesse gehabt zu haben. Insgesamt sei aber durch die Einführung eines Stundentakts auf beiden Rheinseiten und durch neue Züge auf den beiden Rheinschienen für die Attraktivität des öffentlichen Personennahverkehrs schon einiges erreicht worden.

          Als einen der größten Erfolge der vergangenen Dekade nannte Fleck ein gewachsenes „Wir-Gefühl“ im Tal. Mit einem ganzen Bündel von Maßnahmen und Projekten solle auf Basis des Hauptplans und des vom Zweckverband verabschiedeten Handlungsprogramms weiter an der Entwicklung des Welterbegebiets gearbeitet werden. Der Mainzer Regierungsbeauftragte für das Mittelrheintal, Staatssekretär Walter Schumacher, sagte, vieles von dem, was seit 2002 erreicht worden sei, wäre ohne die Entscheidung der Unesco nicht möglich gewesen.

          Quelle: F.A.Z.

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