Ganz am Ende des Gesprächs ist Pirmin Schwegler dann doch noch kurz ins Schmunzeln geraten. Der Kapitän der Eintracht, der an diesem Abend nach dem Abgang vom Spielfeld wie alle seine Kollegen nicht wirklich glücklich dreinblickte, konnte sich ein knappes Lächeln nicht verkneifen, als er gefragt wurde, ob er angesichts des 1:1 gegen Ingolstadt und des bevorstehenden Restprogramms nun ein Gefühl der Angst verspüre, dass es mit dem geplanten Aufstieg vielleicht doch nichts werden könnte. „Wenn es so wäre“, antwortet der kleine Schweizer, der auch wegen seiner besonnenen Führungsqualität innerhalb der Kabine besonders geschätzt wird, „wäre ich hier fehl am Platz.“ Die Situation, so sprach er weiter ins Reportermikrofon, hätte nach dem 30. Spieltag besser sein können, ausgesprochen gut sei sie aber immer noch: „Wir sind fünf Punkte vor dem ersten Verfolger und nicht fünf dahinter“, sagte der Fünfundzwanzigjährige. Er empfahl daher, „auch auf den letzten Metern die Ruhe zu bewahren, die Schultern hoch zu nehmen und den Kopf oben zu behalten“ - denn es gebe aus seiner Sicht keinen Grund, „warum wir es nicht schaffen sollten“. Ruhe bewahren gilt in diesen Tagen der englischen Woche als erste Frankfurter Spielerpflicht.
Das Team liegt vier Spieltage vor Ultimo auf dem zweiten Tabellenplatz und hat schon an diesem Samstag in der nächsten Partie vor eigenem Publikum die Chance, es besser zu machen als gegen die bockigen Bayern, die durch viel Glück und ein wenig Geschick in Person von Ahmed Akaichi Torwart Oka Nikolov nur ein einziges Mal gefährlich nahe kamen - und ihn dabei zum für sie glücklichen Endstand (71. Minute) überwanden. So genügte der zwölfte Saisontreffer von Mohamadou Idrissou (46.) nicht zum elften Heimsieg, und die versprochene Wiedergutmachung für den vorangegangenen Ausrutscher in Duisburg (0:2) fiel aus. Das erhöht den Druck, nun gegen Erzgebirge Aue, einen weiteren Abstiegskandidaten, dreifach zu punkten, damit aus der Schwächephase kein Mini-Krise erwächst und die Mannschaft doch noch beginnt, an sich selbst zu zweifeln. Trainer Armin Veh sieht sich in diesen aufregenden Tagen der englischen Woche angesichts der wachsenden Nervosität insbesondere als Muntermacher und Pädagoge gefordert, der sein Team gegen eine von ihm schon lange als überzogen betrachtete Erwartungshaltung von außen in Schutz nimmt: „Ich sage es doch schon seit Wochen, wir sind noch lange nicht durch und müssen konsequent weiterarbeiten.“ Die Ausgangsposition sei „noch immer super, die müssen wir einfach nutzen“.
„Wir haben keinen Stress“
Aufgeregtheit sei dabei nicht angebracht, denn dass das Polster des Tabellenzweiten auf Fortuna Düsseldorf auf eine Handvoll Zähler zusammengeschmolzen ist, sei eine Momentaufnahme, die keinen grundsätzlich negativen Trend erkennen lasse: „Wenn mir das jemand vor der Saison gesagt hätte, hätte ich es sofort unterschrieben“, meinte Veh. Der Coach weiß jedoch um die Gefahr, dass die eigene Elf und das gewohnt erwartungsfreudige Umfeld bei einem weiteren unerwarteten Resultat schnell das Zittern und die Hektik befallen könnten: „Es ist ein Spagat zwischen höchster Konzentration und einer gewissen Lockerheit. Wenn du jetzt anfängst, über bestimmte Dinge nachzudenken, die passieren könnten, dann passieren sie auch. Also müssen wir ein bisschen locker mit den Dingen umgehen.“
Alexander Meier argumentierte in die gleiche Richtung: „Wir haben keinen Stress. Druck ist immer da, damit muss man umgehen können. Wir haben es immer noch in der eigenen Hand.“ Gegen das Team aus dem Erzgebirge, so der Top-Torjäger weiter, dürften sich die Unzulänglichkeiten vom Mittwoch nicht wiederholen. Vor allem an Konzentration und Durchsetzungsvermögen fehlte es, „und besonders ärgerlich ist, dass wir das eine Mal nicht gut aufgepasst haben“, so Meier. Ingolstadt, ultradefensiv eingestellt vom ehemaligen Trainer des FSV Frankfurt, Tomas Oral, verbarrikadierte sich in der eigenen Hälfte und lauerte nur hin und wieder auf einen Konter. Der Rest war totale Destruktivität - und der Eintracht fehlten vernünftige Ideen, um die massiven Verteidigungsketten gezielter zu sprengen. Sie versuchte es oft über den rechten Flügel, doch Sebastian Jungs Hereingaben hatten keine Präzision, genauso wie die „unheimlich vielen Standards“ (Veh), wechselweise getreten von Benjamin Köhler oder Schwegler, verpufften. „Die Durchschlagskraft hat gefehlt“, so der Trainer.
Keine Riesenfeier
Gegen Aue steht ihm möglicherweise der gegen Ingolstadt (und eigentlich für zwei weitere Begegnungen) gesperrte Constant Djakpa wieder zur Verfügung. Nach dem Einspruch der Eintracht gegen das Urteil des Sportgerichts des Deutschen Fußball-Bundes wird der Fall an diesem Freitag mündlich verhandelt - eine Begnadigung ist schwer vorstellbar, aber theoretisch denkbar. Der Verteidiger hatte in der Partie am zurückliegenden Samstag beim MSV dem am Boden liegenden Duisburger Bruno Soares auf den Bauch getreten. Schiedsrichter Florian Steuer hatte die Szene nicht beobachtet, weshalb der Kontrollausschuss nachträglich ermittelt und nach Ansicht der Fernsehbilder die Strafe beantragt hatte. „Für mich war das keine Tätlichkeit“, wiederholte Veh seine Überzeugung, während Vorstandschef Heribert Bruchhagen ausweichender reagierte und Djakpa so oder so riet, „sich zu hinterfragen, ob er im Sinne der Mannschaft gehandelt hat“.
Unabhängig von den eigenen personellen Wahlmöglichkeiten erwartet Veh auch beim Kräftemessen mit Aue eine Partie, die sich bei der Suche nach einer Lücke im gegnerischen Abwehrriegel als Geduldsspiel entpuppen werde, bei der die Eintracht-Profis nicht die Nerven verlieren dürften - „und die Unterstützung der Anhänger brauchen und keine Pfiffe“. Die frühen Unmutsbekundungen am Mittwoch von den Tribünen bewertet er als „nicht nachvollziehbar und wenig hilfreich“. Bruchhagen bezog auch in dieser Angelegenheit eine andere Position und zeigte Verständnis für die Enttäuschung mancher Besucher unter den 38000 Zuschauern: „Alle sind mit dem Herzen dabei und wollen, dass wir die Entscheidung erzwingen. Der eine pfeift da eben, der andere fasst sich an den Kopf. Das ist Ausdruck der Sorge, dass wir unser Ziel nicht erreichen“, sagte Bruchhagen. Er selbst teile die Befürchtung nicht.
Im Fall des angepeilten Aufstiegs, der frühestens beim Auswärtsmatch am Montag, dem 23. April, in Aachen perfekt gemacht werden kann, wird die Eintracht im Übrigen auf eine Party in der Innenstadt verzichten. „Es wird auf dem Römer keine Riesenfeier geben. Dazu besteht überhaupt kein Anlass“, kündigte Bruchhagen in einem Gespräch mit dem Hessischen Rundfunk an. Nach dem Abstieg im Mai 2011 sei die Rückkehr in den Kreis der achtzehn besten Klubs schlicht und ergreifend das, „was wir geplant haben“.