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Überforderte Studenten : Wackelkandidaten bitte zum Gespräch

Fehlkalkulation: Manches Fach erfordert mehr mathematisches Können als viele Studienanfänger mitbringen. Bisweilen fehlt es Abiturienten sogar an Mittelstufenwissen. Bild: plainpicture/André Schuster

Was tun mit Studenten, die für die Uni ungeeignet sind? Früh hinausprüfen, sagen manche. Ein Projekt der Uni Frankfurt setzt auf Beratung und das Aufzeigen von Alternativen.

          Es soll Abiturienten geben, die nicht wissen, was eine Gausssche Normalverteilung ist. Das sind jene Kandidaten, die Hans Peter Klein auf der schwachen Seite seiner eigenen Glockenkurve verortet. Sie beschreibt die Leistungen der Biologie-Lehramtsstudenten, mit denen Klein an der Uni Frankfurt zu tun hat: „20 Prozent sind top, das Mittelfeld mit rund 50 Prozent ist okay, aber bei mindestens 20 Prozent - Tendenz steigend - fragt man sich: Wie sind die jemals auf ein Gymnasium gekommen?“

          Sascha Zoske

          Blattmacher in der Rhein-Main-Zeitung.

          Für die ungute Entwicklung an der Flanke seiner Gauss-Kurve macht der Professor die Bildungspolitik verantwortlich. In den vergangenen zehn Jahren sei in den Schulen die Vermittlung von Fachwissen zugunsten des Erlernens sogenannter Schlüsselkompetenzen vernachlässigt worden. „Die Folgen sind vor allem in der Mathematik zu besichtigen. Manche Abiturienten beherrschen nicht einmal den Mittelstufenstoff.“

          Gründe für Studienabbruch

          Nicht alle von Kleins Kollegen teilen die Einschätzung, dass Studenten heute weniger wüssten und könnten als früher. Einig sind sich aber die meisten darin, dass der Anteil der Studienabbrecher an den Universitäten zumindest in bestimmten Fächern zu hoch ist. Wobei es gar nicht einfach ist, solche Quoten seriös zu ermitteln. Eine Schwierigkeit ist zum Beispiel, dass dabei nicht unterschieden wird zwischen Leuten, die die Hochschule ohne Abschluss verlassen, und solchen, die nur das Fach wechseln, wie die Frankfurter Uni-Vizepräsidentin Tanja Brühl erklärt.

          Trotzdem kann auch sie einige beunruhigende Zahlen nennen. Im Fachbereich Mathematik und Informatik etwa beendeten nur etwa 40 Prozent der Anfänger das Studium in der Sollzeit plus zwei Semester. „In der Regelstudienzeit plus vier Semester schaffen es 49 Prozent, aber auch das sind noch zu wenige.“

          Joybrato Mukherjee, Präsident der Uni Gießen, will keine Angaben zu den Schwundquoten in einzelnen Fächern machen. Er verweist lieber auf eine Umfrage an seiner Hochschule, der zufolge knapp 20 Prozent der Studenten schon einmal übers Aufgeben nachgedacht hätten. Ein Drittel der Zweifelnden habe Leistungsprobleme als Grund für die Abbruchüberlegungen angegeben. Die Frankfurter Vizepräsidentin Brühl hebt hervor, dass es außer Überforderung noch eine Reihe anderer Gründe gebe, einem bestimmten Fach oder gleich der Uni den Rücken zu kehren - Geldnot zum Beispiel, das Gefühl der Vereinsamung an einer Massenuniversität, bisweilen auch zumindest kurzfristig verlockende Jobperspektiven selbst für Abbrecher wie etwa in der Informatik. Manche dieser Faktoren kann eine Hochschule kaum beeinflussen. Wohl aber kann sie sich bemühen, Studieninteressierte gut über die Anforderungen eines Faches aufzuklären und Studenten vor allem zu Beginn ihrer Uni-Laufbahn möglichst intensiv zu beraten.

          Neues Projekt der Uni Frankfurt

          Was das betrifft, so tun die Universitäten schon einiges. Mit Online-Tests können Schulabgänger herausfinden, ob ein bestimmter Studiengang das Richtige für sie ist. Die Technische Universität Darmstadt etwa bietet ein solches „Self Assessment“ für mehrere Fächer an, und TU-Vizepräsident Ralph Bruder ist nach eigenen Worten mit der Resonanz zufrieden. Studienanfänger wiederum bekommen vielerorts Mentoren an die Seite gestellt. An der TU ist das laut Bruder inzwischen in den meisten Fächern üblich. Auch werde allen Studenten ein Beratungsgespräch nach dem zweiten Semester angeboten. „Das Problem ist nur: Die, die es nötig hätten, kommen oft nicht.“ Deshalb, so Bruder, lade die Uni Studenten mit besonders wenigen Leistungspunkten zu Pflichtgesprächen ein. Wer sich dann immer noch verweigere, werde für die nächste Prüfung gesperrt.

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