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TV Großwallstadt Vom Rückraum in die Führungsspitze

 ·  Guido Heerstraß hat einst für den TV Großwallstadt in der Bundesliga gespielt. Nun versucht er, den Klub zumindest wieder in die Nähe alter Stärke zu bringen.

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Oben im dritten Stock des Handball-Leistungszentrums hat der TV Großwallstadt sein Domizil. 120 Quadratmeter, Büros, ein Besprechungsraum, eine offene Teeküche - das ist die Heimat des Handball-Bundesligavereins. Peter David, der Trainer des Traditionsklubs, ist auch gerade gekommen und steht plaudernd in Sporthosen und T-Shirt am langen Tresen in der Küche. Am Abend zuvor haben die Mainfranken beim gerade gekürten EHF-Pokalsieger Frisch Auf Göppingen ein 29:29-Unentschieden erkämpft. Kein Ergebnis von besonderer Bedeutung, da der Klub schon vor ein paar Wochen sportlich seine Erstklassigkeit gesichert hat. Am gleichen Tag hatte die Vereinszentrale am nördlichen Ortsrand von Großwallstadt eine wichtigere Nachricht erreicht. Die Handball-Bundesliga hatte dem Klub die Lizenz für die erste Liga erteilt. Diese war zunächst verweigert worden, da die Liga eine „Liquiditätslücke“ erkannt hatte. „Es war aber schnell klar, dass wir sie schließen können“, sagt Guido Heerstraß. Seit Oktober des vergangenen Jahres hat der 45 Jahre alte Diplom-Betriebswirt, gelernte Bankkaufmann und ehemalige Handballprofi beim TVG das Steuer in der Hand. Sein Vorgänger, Georg Ballmann, ist Aufsichtsratsvorsitzender, Heerstraß Geschäftsführer des inzwischen von der Rechtsform der AG zur GmbH gewechselten Profiklubs. Der Schritt von der einen zur anderen juristischen Daseinsweise sei auch der Grund für die Liquiditätslücke gewesen, erklärt Heerstraß. Vor fünfzehn Jahren trug der einstige halbrechte Rückraumspieler noch das Trikot des TVG und stand mit Weltklasse-Handballspielern wie Jackson Richardson und Nenad Kljaic in einer Mannschaft. Bis sich die Verletzungen häuften - ein Innenbandriss erwischte den Linkshänder schon 1995, zwei Jahre später beendete er seine erstklassige Karriere nach einem Kreuzbandriss. Auch danach in der zweiten Liga als Spieler von Groß Bieberau blieb ihn das Pech auf den Fersen, als er sich einen Bruch des Mittelfußes zuzog. Beruflich war Heerstraß später für international tätige Firmen aktiv und führte bis 2009 ein Marketing-Beratungsunternehmen, mit dem er auch am Konzept des Handball-Leistungszentrums in Großwallstadt beteiligt war.

Heerstraß übernahm die Führung des TVG in einer schwierigen Zeit. Knappe Finanzen und die Insolvenz des Handball-Leistungszentrums prägten die Stimmung. Schon früh hat der neue Großwallstädter Chef das Wort „Konsolidierungskurs“ bemühen müssen. Auf dem hält er den TVG noch immer. Sportlich ist es diese Saison noch einmal gutgegangen, auch wenn der Traditionsklub vorübergehend doch noch einmal in Abstiegsgefahr geraten war. Doch diese ist gebannt. Und wenn der TV Großwallstadt an diesem Samstag den TV Hüttenberg zum letzten Spiel der Saison empfängt (Aschaffenburg, 16.30 Uhr), geht es rein sportlich gesehen um nichts mehr. Hüttenberg steht als Absteiger fest, für Großwallstadt wird auch die nächste Saison erstklassig werden. „Wir wollen uns trotzdem mit einer anständigen Leistung von unseren Fans verabschieden.“ Rund 3500 Zuschauer, rechnet Heerstraß, werden in der Halle sein, darunter viele Hüttenberger Fans, die ihren Klub bei seinem vorerst letzten erstklassigen Gang begleiten wollen.

„Wir wollen den Verein stabilisieren und dann wieder international spielen“

Der neue Mann an der Spitze der Großwallstädter will mehr. „Im vergangenen Jahr war das Finale im EHF-Pokal gegen Göppingen ein toller Erfolg.“ Genau in diese Richtung will Heerstraß den TVG wieder führen. „Wir wollen den Verein stabilisieren und dann wieder international spielen.“ Und irgendwann vielleicht sogar wieder „an der Champions League kratzen“. Davon sind die Mainfranken freilich noch ein Stückchen entfernt, was ihre Möglichkeiten betrifft. Bei 3,5 Millionen Euro liegt der Etat für die gerade zu Ende gehende Spielzeit. Ob in der kommenden Saison mehr drin ist, kann die Klubführung noch nicht sagen. Zwar hat der Hauptsponsor, Fan Frankenstolz, gerade seine Zusage für die neue Spielzeit gegeben. Aber andere Verhandlungen „ziehen sich hin“, sagt Heerstraß. In Zukunft wolle er den Verein „breiter aufstellen“, die Erlöse und damit die wirtschaftlichen Möglichkeiten verbessern. Mit dem aktuellen Etat liegt Großwallstadt im unteren Mittelfeld der Liga, sportlich spiegelt sich diese Einordnung am 12. Tabellenplatz der Mainfranken wider. Aber ganz so einfach sei die Rechnung nicht, sagt Heerstraß. Mit zwei, drei Siegen mehr hätte man durchaus auch auf einem einstelligen Tabellenplatz landen können.

Wohin die Reise in der nächsten Saison führen wird, muss sich noch zeigen. Denn auch die Verhandlungen mit potentiellen Spielern zögen sich länger hin als erwartet, sagt Heerstraß. Immerhin ist der TVG offenbar auf einem guten Weg, was die Nachfolgefrage von Steffen Weinhold betrifft, der zur SG Flensburg-Handewitt wechselt. Zudem gilt es, Stefan Kneer und Moritz Schäpsmeier - beide werden für Magdeburg spielen - und Jens Tiedtke (Wetzlar) zu ersetzen. Eine wichtige Frage hat Heerstraß aber schon geklärt: „Der Trainer bleibt.“ Peter David wird auch in der kommenden Saison die Mannschaft betreuen. „Er hat das Team in schwierigen Zeiten übernommen und einen guten Job gemacht“, sagt Heerstraß. Die Entscheidung, ihm die Führung weiter anzuvertrauen, sei schon vor einer Weile gefallen. „Irgendwie hat bis eben noch nie jemand danach gefragt“, sagt Heerstraß. Vielleicht auch, weil die Antwort zu selbstverständlich erschien.

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Von Matthias Alexander

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