„Möööp!“ Dieses Geräusch will niemand hören. Nicht nur, weil es wie eine südafrikanische Vuvuzela-Tröte klingt. Insider auf einer Pferderennbahn wie in Frankfurt-Niederrad wissen da schon Bescheid. Der Ausgang des Rennens muss überprüft werden. Für das Publikum warnt der Rennbahnsprecher: „Bitte werfen sie keine Wettscheine weg!“ Die Entscheidung über Sieg oder Platz Zwei beeinflusst nicht nur die Bilanz von Rennpferden - sie kann auch jemand zum Bettler oder Toto-King machen. Im Fußball reicht ein Pfiff für Ärger - aber nach Sekunden ist der Fall entschieden. Im Galoppsport kann es schon etwas länger dauern. Minuten, die einem wie Stunden vorkommen. Dann die Entscheidung: „Liebestraum hat gewonnen. Wegen Behinderung wurde Blue Note auf Rang zwei eingestuft.“ Wettscheine werden zerknüllt. Eleganten Damen mit Hut geben derbe Flüche von sich.
Otto Lins blättert in seinem Notebook. Nein, kein elektronisches. Der langjährige Frankfurter Fahrensmann im Renngericht (seit 1970 ist er dabei) schwört auf klassische Dokumentation: Ein dickes Notizbuch mit Handschrift. Er hat alles erlebt, kennt jeden Jockey, jeden Trainer, jeden Trick. Auch jene aus den Zeiten vor dem Internet, als man die Rennen von Lester Piggott noch am Radio verfolgte. 1974 gab es im Europa den wohl legendärsten Wettbetrug aller Zeiten. Quasi Eins-zu-Eins übernommen aus dem Film „Der Clou“. In Frankreich wurden Rennkommentatoren sowie ein Redakteur einer Rennzeitung bestochen, falsche Startzeiten für Rennen anzugeben und das Ergebnis um zwei, drei Minuten zu verzögern. Während der deutsche Rennkommentar noch scheinbar „live“ in den deutschen Buchmacherläden ertönte, waren die Rennen in Frankreich längst gelaufen. Dort gab ein Komplize verschlüsselt die Ergebnisse schnell an Strohmänner durch. Dieses Betrugssystem funktionierte fast ein halbes Jahr, bevor es aufflog. Der„Clou“ flog nur durch einen Zufall auf. Heute wäre das unmöglich. Aber es gibt andere Möglichkeiten. Und dabei geht es nicht um Positiv-Doping, wie es lange in den Vereinigten Staaten gang und gäbe war.
„Junge Pferde sind wie Teenager“
„Viel gefährlicher ist das Zurückhalten von Pferden“, erklärt Otto Lins, der gemeinsam mit Wilfried Metzler und Volker Marbs das dreiköpfige Frankfurter Renngericht bildet. Gemeint ist das „Verhindern von Siegchancen“. Insider nennen es auch das „Baden-Baden-Fieber“. Dazu muss man wissen: Die beiden Meetings in Baden-Baden im Frühjahr und Herbst sind die am besten dotierten Wochen des Jahres. Und es geht um das so genannte Handicap. Ein Pferd, das erfolgreich war, wird im Gewicht hochgestuft. „Ein Kilo Aufgewicht ist kein Problem, fünf Kilo sind es schon“, sagt Lins. Die Spanne geht von 51 bis 64 Kilogramm. Welten im Galoppsport. So werden Pferde aus taktischen Gründen im Wettkampf gehalten und zurückgehalten. Trainer und Besitzer neigen dazu, vor den Rennen in Baden-Baden ein Pferd zwar laufen zu lassen, aber es „runter zu reiten“ - es also beispielsweise nur ein sechsten Platz laufen zu lassen. Und schon darf das Pferd später in Baden-Baden mit weniger Gewicht starten. Galopp-Arithmetik von Bedeutung. Kein Zufall, „dass ich früher beim TÜV war“, erzählt Otto Lins schmunzelnd, „das Prüfen liegt mir im Blut.“ Längst ist der 76-Jährige pensioniert, aber der Rennsport lässt ihn nicht los. In den sechziger Jahren waren er Radrennfahrer, später wurde er Trainingsreiter beim Frankfurter Altmeister Hans-Georg Thalau.
Die Startglocke läutet. Oben auf dem Rennrichterturm werden die Ferngläser justiert. Markus Graff schaut besonders gut hin. Der 46-jährige Verwaltungs-Jurist - „ich wollte schon mit zehn Jahren Jockey werden, wurde aber dann zu groß“ - ist „Azubi“ in Sachen Rennleitung. Zwanzig bis dreißig Rennen muss er unter Anleitung beobachten, bevor er die entsprechende Prüfung beim Dachverband „Direktorium für Vollblut-Zucht&Rennen“ ablegen kann. Doch der Start eines Rennens ist nur das zweite Drittel für den Bergen-Enkheimer, der auch ein großer Eishockeyfan ist: „Wir überprüfen sogar das Aufwärmen im Führring. Wie verhält sich ein Pferd. Normal oder untypisch.“ Früher, in den dreißiger Jahren, wurden schon mal Pferde vertauscht. Heute ist das ausgeschlossen. Abgesehen vom Pferdepass - vergleichbar mit dem Personalausweis bei Menschen - tragen in Europa Rennpferde seit fünf Jahren Chips mit allen Daten an der linken Halsseite.
Und es gibt noch andere Tricks, etwa wenn ein Galopper einen Konkurrenten abdrängt. Nicht immer mit Absicht. „Junge Pferde sind wie Teenager - die machen manchmal, was sie wollen“, sagt Otto Lins. Aber es wird genau geschaut. Die ehemalige Jockette Karin Ortlieb zum Beispiel ist in Frankfurt für die Doping-Proben zuständig. Unterdessen überprüft die Rennleitung die Peitschenschläge. „Maximal sieben Hits auf die Hinterhand zur Motivation sind erlaubt - mehr nicht“, sagt Markus Graff. Im Zweifelsfall gibt es eine peinliche Befragung. Die Uefa könnte davon lernen. Es wird in den Video-Raum gebeten, mit glasklaren Beweisen. Im Wiederholungsfall wird ein Jockey gesperrt, er oder sie wird „an den Zaun gestellt“, muss also zuschauen. Eine Strafe, die finanziell weh tut. Kein Ritt, kein Verdienst. Der TÜV des Galoppsports funktioniert. Zu 99,9 Prozent.