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„Tschick“ im Staatstheater Wiesbaden Zwei, die den Kokon der Kinderwelt aufbrechen

Zwei Außenseiter gehen auf Reisen: Wolfgang Herrndorfs „Tschick“ hat Dirk Schirdewahn mit umwerfend guten Schauspielern in Wiesbaden inszeniert.

© Obst, Lena Vergrößern Was sie tun, tun sie, weil sie es tun müssen: Fabian Stromberger (Maik) und Benjamin Kiesewetter (Tschick)

Maik und Tschick sind Außenseiter. Das merken sie spätestens, als außer ihnen die ganze Klasse zu Tatjanas Geburtstagsparty eingeladen ist. Vor allem für Maik, der seinem Schwarm in monatelanger Feinarbeit ein Bild gemalt hat, ist das ein Schock. Mit seinen vierzehn Jahren und einer Mutter auf Entziehungskur und einem Vater mit neuer Flamme muss Maik nun sehen, wie er mit den öden Sommerferien klarkommt.

Dennoch freut sich der Sohn aus gutem zerrütteten Hause keineswegs, als sein aus Russland stammender Klassenkamerad Andrej, den wegen seines unaussprechlichen Nachnamens alle nur „Tschick“ nennen, ihn im geklauten Lada zunächst nur zu einer kleinen Spritztour um den Block, dann aber fort aus Berlin ins Brandenburgische und Sächsische überredet. Was die beiden in ihrer chaotischen Ferienwoche erleben, wie sie den Kokon ihrer Kinderwelt aufbrechen, verblüffend positive, immer aber überraschende Erfahrungen machen, hat der Berliner Autor Wolfgang Herrndorf in seinem vor zwei Jahren erschienenen Roman „Tschick“ als spielerisch leichtes, dabei ungemein weises Jugend-Roadmovie erzählt. Seit seinem Erscheinen hat sich das Buch mehrere hunderttausend Mal verkauft.

„Tschick“ kann es sich leisten, ganz dicht beim Text zu bleiben

Es hätte der in Dresden im vergangenen Jahr uraufgeführten Bühnenfassung Robert Koalls nicht bedurft, um die ungeheure Vitalität dieser beiden Figuren zu offenbaren. Und doch schält das ganz auf Maik und Tschick fokussierte Theaterstück noch handfester, fühlbarer und vor allem unmittelbarer heraus, was sich beim Lesen des Romans nur sehr langsam fügt: Mit den beiden vierzehnjährigen Ausreißern sind dem 1965 geborenen Herrndorf Charaktere von zeitloser Kraft und Ausstrahlung gelungen, die in der deutschen oft so papierenen Gegenwartsliteratur Seltenheitswert haben. Und anders als viele derzeit so modische Theaterfassungen von Erzählwerken kann es sich „Tschick“ leisten, ganz dicht beim Text zu bleiben und dabei eine bühnenwirksame Dramatik zu entfalten.

Das funktioniert so gut, weil diesem Erzählen keinen Moment lang eine pädagogische Absicht innewohnt. Auch verkneift sich Herrndorf den sentimentalen Altherrenrückblick auf ach so rebellische Jugendsünden. Was Maik und Tschick tun, tun sie, weil sie es tun müssen, weil die Situation es gerade so hergibt, nicht weil damit irgendetwas gezeigt werden soll. Es ist diese unangestrengte Leichtigkeit, die den Text so spielbar macht, die dazu beiträgt, dass „Tschick“ am Staatstheater Wiesbaden zu einer vom Premierenpublikum frenetisch gefeierten Aufführung wurde.

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„Ich dachte einen Moment darüber nach, auch schwul zu werden“

Dazu bedarf es in der „Wartburg“ nicht mehr als ein paar Dutzend wild hingeworfene Autoreifen, eine Leinwand als Gefühls- und Landschaftsprojektionsfläche und zwei junge Darsteller, die trotz oder gerade wegen einiger Texthänger auf so sympathische Weise eins werden mit den beiden Figuren, dass man ihnen auch mehr als anderthalb Stunden hätte zusehen mögen. Fabian Stromberger (Maik) und Benjamin Kiesewetter (Tschick) erzählen ihre Geschichte so scheinbar spontan und spielerisch, wie man sie den Kumpels auf dem Pausenhof darbieten würde. Sie parodieren, sie ahmen Stimmen nach, sie machen sich über sich und andere lustig und führen ganz nebenbei auch vor, wie aus den beiden grundverschiedenen Typen Freunde werden, Vertraute im besten Sinne des Wortes.

Dabei spielt Stromberger seinen Maik als Bürgerkind, das oft staunend neben sich steht und das Neuartige der auf ihn einstürmenden Gefühlssensationen wie einen kostbaren Schatz betrachtet. Tschick, den vermeintlich dominanten groben Kerl, der ein Auto kurzschließen kann und einen Wall aus Verbalinjurien um sich errichtet hat, verkörpert Benjamin Kiesewetter als einen sich immer weiter öffnenden Jungen, der schließlich so weit geht, dem neuen Freund zu offenbaren, warum er sich nicht für Mädchen interessiert. Und mit nichts ist das Bezwingende dieser Jungenfreundschaft besser getroffen als mit Maiks lakonischem Geständnis: „Ich dachte einen Moment darüber nach, auch schwul zu werden.“

Es tut der Leistung Dirk Schirdewahns mit seiner zweiten Regiearbeit am Wiesbadener Staatstheater keinen Abbruch, wenn man den Erfolg seiner Inszenierung dem Elan seiner Hauptdarsteller zuschreibt, ihrem Spielwitz, dem schnellen Umschalten von knallig auf leise, von ruppig auf zart, von Kind auf Mann. Das macht beim Zusehen Spaß und klingt doch lange nach. Dieser „Tschick“ sollte lange auf dem Spielplan bleiben.

Nächste Vorstellungen heute, 15. und 23. November, 1., 3., 4., 14. und 25. Dezember, jeweils 20 Uhr.

Quelle: F.A.Z.

 
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