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„Treffpunkt“ für Schoa-Überlebende : Nur die Leidensgenossen können alles verstehen

Zeitzeugin Trude Simonsohn, hier neben Frankfurts OB Peter Feldmann (Mitte) und dem Vorsitzenden des Zentralrats der Juden, Dieter Graumann (links), hat den „Treffpunkt“ mit angestoßen Bild: dpa

Sie eint die Erinnerung an grausame Tage in der Nazi-Zeit. Im „Treffpunkt“ kommen Schoa-Überlebende in Frankfurt zusammen. „Alle wart ihr in Lebensgefahr - deshalb seid ihr heilige Menschen“, sagt Rabbiner Klein.

          Damals, als sie in ein Getto gesperrt, in ein Konzentrationslager deportiert oder zu mörderischen Arbeitseinsätzen abkommandiert wurden, waren diese Männer und Frauen jung. Einige sogar noch Kinder. Nun sind sie alte Leute, manche traumatisiert, von schlimmen Erinnerungen geplagt, vereinsamt. An diesem Nachmittag im Restaurant Sohar des Jüdischen Gemeindezentrums im Westend sind freilich alle bösen Gedanken für drei Stunden wie weggeblasen. Denn heute ist ein Freudentag für die Holocaust-Überlebenden in Frankfurt. Ihr „Treffpunkt“, mittlerweile für viele eine Ersatzheimat geworden, wird zehn Jahre alt. Wenn das kein Grund zur Freude und zum Feiern ist.

          Hans Riebsamen

          Redakteur in der Rhein-Main-Zeitung.

          „Ihr müsst etwas für die Holocaust-Überlebenden tun“, hatte der 2004 verstorbene Karl Brozik, Chef der in Frankfurt ansässigen Claims Conference und selbst ein Schoa-Überlebender, einst immer wieder von der Zentralwohlfahrtsstelle der Juden in Deutschland verlangt. Deren Chef Benjamin Bloch hat denn auch vor zwölf Jahren zusammen mit Trude Simonsohn und anderen Überlebenden sowie jüdischen Aktivisten eine Initiative mit dem Ziel gegründet, ein Konzept zur Versorgung und Betreuung von Holocaust-Opfern zu entwickeln.

          „Alle wart ihr in Lebensgefahr“

          So ist der „Treffpunkt“ in der B’nai B’rith Frankfurt Schönstädt Loge an der Liebigstraße entstanden. Einmal in der Woche treffen sich dort Überlebende bei Kaffee und Kuchen, sie lauschen Vorträgen oder künstlerischen Darbietungen. Vor allem aber reden sie miteinander. In diesem geschützten Raum können sie über ihre Erlebnisse und Ängste sprechen, die, so sagen sie immer, nur verstehen kann, wer den Holocaust selbst erlebt hat. Um diesen „Treffpunkt“ herum wurde ein Beratungszentrum aufgebaut, das den Überlebenden soziale und psychotherapeutische Angebote macht. Mit Isidor Kaminer und Kurt Grünberg konnte der „Treffpunkt“ zwei geschulte Therapeuten gewinnen.

          Aus elf verschiedenen Nationen kommen die Überlebenden. Bei der Feier im Sohar lauschen sie dem Geigenspiel einer Dame, die früher beim hr-Sinfonieorchester mitgewirkt hat. Die gemeinsame Sprache ist Deutsch, ausgerechnet die Sprache des einstigen Feindes. Doch welche andere Sprache sollen sie hier in Deutschland auch benutzen, um sich zu verständigen? „Alle wart ihr in Lebensgefahr - deshalb seid ihr heilige Menschen“, sagt der Frankfurter Rabbiner Menachem Halevi Klein. Der liebe Gott, so bittet er, möge allen ein langes Leben bescheren.

          Am Ehrentisch sitzt Trude Simonsohn. Der liebe Gott hat ihr tatsächlich ein langes Leben geschenkt. 91 Jahre alt ist die aus der Tschechoslowakei stammende Frau, die Theresienstadt und Auschwitz überlebt hat. Sie hat den „Treffpunkt“ mitbegründet. Aber sie geht selten dorthin. Denn Trude Simonsohn ist gelungen, was den meisten Überlebenden verschlossen blieb. Sie konnte öffentlich über ihren Leidensweg sprechen. Unzählige Male hat sie vor Schülern und Erwachsenen ihre Geschichte erzählt, ohne Hass und ohne Vorwürfe. Zuletzt gestern in der Paulskirche beim Gedenken an die Pogromnacht vom 9. November 1938. Simonsohn braucht keinen Therapeuten, sie ist selbst eine Art Therapeutin. Wie vielen jungen Menschen hat sie geholfen, wenn sie sagte: „Ihr tragt keine Schuld, aber ihr habt die Verantwortung dafür, dass sich das Morden nicht wiederholt.“

          Unterstützt von der Aktion Mensch

          Den meisten anderen Überlebenden war nicht das Glück beschieden, sich wie Trude Simonsohn vom Trauma der Verfolgung frei zu machen. Für diese Holocaust-Opfer ist der „Treffpunkt“ geschaffen worden. Das Frankfurter Pilotprojekt, finanziert von der Claims Conference, unterstützt von der Aktion Mensch und der Stiftung „Erinnerung, Verantwortung, Zukunft“, ist zum Vorbild geworden. Mittlerweile sind in sechs weiteren deutschen Städten derartige Treffpunkte eröffnet worden.

          Dem ersten Treffen haben damals Noemi Staszewski und Ania Hadda, die beiden engagierten Leiterinnen des „Treffpunkts“, mit Bangen entgegengesehen. Sie sorgten sich, ob überhaupt jemand komme, und ob die gewählte Form des Kaffeenachmittags die Überlebenden anspreche. Tatsächlich bekamen sie nach dem Treffen gleichzeitig Lob und Kritik zu hören. Lob, dass ein solcher „Treffpunkt“ nun gegründet worden, Kritik, dass dies erst so spät geschehen sei.

          Im Kreise von Schicksalsgenossen

          Der „Treffpunkt“ sei für sie eine Stätte, wo sie sich mit ihresgleichen austauschen könne, sagt Franziska Heuberger. Sie und die anderen Besucher hätten die Grausamkeit des Holocaust in verschiedenen Formen und jeder in einer anderen Art erlebt. „Da unser Leben durch Vergangenheit durchspickt ist, und wir viel in der Vergangenheit leben, können wir uns nur mit denen austauschen, die dasselbe erlebt haben.“

          Wie immer bei Geburtstagen wird auch bei der Zehnjahresfeier des „Treffpunkts“ unendlich viel gedankt. Benjamin Bloch überreicht außerdem Urkunden an ehrenamtliche Helfer. Als der offizielle Teil der Feier vorbei scheint, erhebt sich ein alter Mann und tritt vor die fröhliche Runde. „Es ist ein Glück für uns, dass wir solche Hilfe haben“, sagt Siegmund Pluznik. 88 Jahre alt ist er mittlerweile. Er stammt aus Bedzin in Polen, jener Stadt, in der auch der in diesem Sommer gestorbene Frankfurter Historiker Arno Lustiger geboren wurde. Ja, sagt Pluznik, er habe Lustiger gekannt, habe mit diesem sogar damals die Schulbank gedrückt. Lustiger hat in seinem letzten Buch dem Klassenkameraden ein eigenes Kapitel gewidmet: „Meine Flucht von Bedzin nach Palästina“. Es ist die Geschichte einer wundersamen Rettung. Solche Geschichten können freilich fast alle Überlebenden hier erzählen. Sie tun es normalerweise nicht in der Öffentlichkeit, sondern meistens nur im „Treffpunkt“. Im Kreise von Schicksalsgenossen.

          Quelle: F.A.Z.

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