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Familiengesundheitszentrum : „Leere-Wiege-Kurs“

  • -Aktualisiert am

Was soll damit geschehen? Auch dieser Frage müssen sich die Eltern nach dem Tod eines Kindes stellen. Bild: Your Photo Today

Nicht jede Schwangerschaft endet immer auch im Babyglück. Gabriele Kemmler bietet Frauen, die ihr Kind verloren haben, Hilfe bei der Trauerarbeit an.

          Eva Niemanns Tochter sollte jetzt ein halbes Jahr alt sein. Doch das Kind starb im siebten Monat im Bauch der Mutter. Einfach so. Niemand weiß, wie es zu dem Tod kam. Klar ist nur, dass die Schwangerschaft bis dahin ohne Komplikationen verlaufen war. Dann spürte Niemann, die ihren richtigen Namen nicht in der Zeitung lesen möchte, ihr Kind nicht mehr und ging zum Arzt. Einen Tag später hatte sie einen Geburtstermin. Die Entbindung verlief gut, nur das Kind blieb stumm. Während Niemann im Mutterglück schwebte, wurde das tote Baby im Nebenraum aufgebahrt. „Es war eine schöne Geburt“, sagt Niemann heute.

          Was unglaublich klingt, ist vollkommen natürlich, sagt Gabriele Kemmler. Die 63 Jahre alte Sozialpädagogin und Geburtshelferin mit den grauen Locken gibt seit zwanzig Jahren Rückbildungskurse für Frauen, die ihr Kind während oder unmittelbar nach der Schwangerschaft verloren haben. Dass viele Mütter, die ein totes Baby auf die Welt bringen, trotzdem sagen, die Geburt sei schön gewesen, liegt an den Hormonen, die ausgeschüttet werden. „Das Oxytocin, das die Wehen macht, ist auch ein Liebeshormon. Viele Eltern haben schöne Gefühle während der Geburt, aber die werden dann irgendwann gekappt.“

          Bakterieller Infekt

          Um mit der Trauer, die unweigerlich folgt, umgehen zu können und sich mit Frauen auszutauschen, die Ähnliches erlebt haben, gibt Kemmler einmal in der Woche den „Leere-Wiege-Kurs“ im Familiengesundheitszentrum im Nordend. Anderthalb Stunden reden die Frauen dort über ihre Gefühle und Ängste. Danach gibt Kemmler eine Stunde Rückbildungsgymnastik. Kemmlers Engagement geht weit über den Kurs hinaus. Da sie die Einzige im Rhein-Main-Gebiet ist, die solche Kurse anbietet, kommen die Frauen oft von weither.

          Viele Kliniken und Beratungsstellen kennen Kemmlers Programm und leiten die Frauen an sie weiter. Anfang September erhielt sie für ihre Arbeit den Olympe-de-Gouges-Preis der Arbeitsgemeinschaft Sozialdemokratischer Frauen Hessen-Süd. Die Sozialpädagogin und Geburtshelferin hat auch außerhalb ihrer Arbeitszeiten ein offenes Ohr für Eltern, die ihr Kind verloren haben.

          Aline Severijns wusste erst nicht, wie es weitergehen sollte. Doch mittlerweile kann die junge Frau mit den schulterlangen hellen Haare und den großen braunen Augen offen über den Tod ihres Kindes sprechen. Vor drei Jahren brachte die 31 Jahre alte Yogalehrerin und Musikerin Marieke auf die Welt. Die Schwangerschaft verlief ohne Komplikationen, das Kind war gesund. Anfang 2016, an einem Freitag um 15.03 Uhr wurde dann Severijns zweite Tochter Ella per Notkaiserschnitt geboren. Sie kam drei Monate zu früh auf die Welt. Elf Tage später starb sie an einem bakteriellen Infekt.

          „Teil aus dem Herzen gerissen“

          Mit Marieke zusammen fuhren Severijns und ihr Mann in die Klinik, um von Ella Abschied zu nehmen. „Wir hatten keine Zeit, uns zu überlegen, wie wir Marieke die Situation erklären.“ Manche Eltern entscheiden sich dagegen, ihren Kindern zu sagen, dass das Geschwisterchen tot ist. Severijns und ihr Mann wählten den anderen Weg. „Ich habe nicht darüber nachgedacht, ich habe einfach zu Marieke gesagt: ,Ella ist jetzt auf einem Stern, sie ist halt von oben deine Schwester.‘“

          Acht Wochen dauert der Rückbildungskurs bei Gabriele Kemmler. Bis zu zehn Teilnehmerinnen habe sie manchmal. „Das klingt viel, man muss dabei aber berücksichtigen, dass die Frauen aus dem gesamten Rhein-Main-Gebiet kommen“, sagt Kemmler. 545 von 100.000 Kindern wurden laut einem Gesundheitsbericht des Bundes im Jahr 2014 in Deutschland tot geboren oder starben innerhalb der ersten Woche nach der Geburt. Dabei nicht erfasst wurden die Kinder, die bei der Geburt weniger als 500 Gramm wogen.

          Wenn das Kind vor der 25. Schwangerschaftswoche stirbt, haben die Frauen keinen Anspruch auf Mutterschutz. Sie haben dann nur die Möglichkeit sich krankschreiben zu lassen. „Manche machen dann den Deckel drauf und gehen direkt wieder arbeiten“, sagt Kemmler. „Manchmal kommt eine Frau dann nach der zweiten oder dritten Fehlgeburt zu mir in den Kurs, um die Verluste zu verarbeiten.“ Kemmler selbst hat vor fünf Jahren ihren Mann verloren. Trotzdem sei das nicht vergleichbar. „Mir hat mal jemand gesagt: Einen Partner zu verlieren ist, als würde einem etwas von der Seite gerissen. Wer ein Kind verliert, dem wird ein Teil von sich selbst aus dem Herzen gerissen.“

          Es könnte wieder etwas schiefgehen

          Umso wichtiger ist es, die Trauer der Eltern ernst zu nehmen. Besonders, weil nicht jeder so offen mit dem Verlust umgehen kann wie Aline Severjins. Eva Niemann hat außerhalb des Kurses bisher nur mit ihrer Familie und einigen engen Freunden über ihren Verlust gesprochen. Unter ihrem Langarmshirt wölbt sich ein neuer Babybauch. Im Mai hat die 25 Jahre alte Frau erfahren, dass sie wieder schwanger ist. „Viele haben mir gesagt, dass ein Zweitkind der richtige Schritt ist“, sagt sie, während sie über ihren Bauch streicht.

          Die meisten Mütter wünschten sich früher oder später ein weiteres Kind, sagt Kemmler. „Wenn eine Frau ein Kind verliert, hat sie sich auf das Kind eingestellt, die Muttergefühle waren da und sind nicht mehr einfach rückgängig zu machen.“ Das gelte für viele vom ersten Tag der Schwangerschaft an. Auch Eva Niemann hat diese Erfahrung gemacht. „Mit jedem Tag, den du länger schwanger bist, entwickelst du so eine extreme Liebe.“ Auf das zweite Kind freue sie sich nun genauso wie auf ihre erste Tochter. Nur, dass sie jetzt mit der Angst lebt, es könnte wieder etwas schiefgehen. In einigen Tagen ist sie wieder in jener 25. Schwangerschaftswoche, in der ihr erstes Baby starb.

          Erfahrung nutzen und anderen helfen

          Der „Leere-Wiege-Kurs“ gibt den Frauen nicht nur die Möglichkeit, ihre Erfahrungen mit dem Tod ihres Kindes zu teilen. Kemmler thematisiert auch wichtige Fragen, die daraus folgen: Welche Auswirkung hat der Verlust auf die Beziehung mit dem Partner? Wie wird das Kind begraben? Wie verhalten sich andere Menschen den Frauen gegenüber und umgekehrt? „Man sieht plötzlich nur Babys und glückliche Mütter. Als ob die ganze Welt schwanger wäre“, sagt Aline Severijns. Zu erfahren, dass es anderen genauso geht, habe ihr sehr geholfen.

          Für Eva Niemann ist die größte Hilfe, dass Kemmler geduldig zuhört, aber auch Rat geben kann. „Denn wenn einem jemand gegenübersitzt, der ratlos ist, dann hat man das Gefühl, wirklich am Ende angekommen zu sein.“ Dass sie jetzt wieder schwanger ist, hilft ihr, ihre Aufmerksamkeit nicht mehr nur auf das verstorbene Kind zu richten. „Wenn die eine nicht gegangen wäre, wäre die andere nicht bei mir“, sagt sie und versucht zu lächeln.

          Severijns fühlt sich noch nicht wieder bereit für ein Kind, sie hat andere Pläne, um Ellas Tod zu verarbeiten. Anfang 2017 wird sie eine Ausbildung zur Familienbegleiterin beginnen, um ähnliche Kurse wie Gabriele Kemmler zu geben. Sie will Ellas Tod nicht verdrängen, sondern die Erfahrung nutzen, um anderen Frauen zu helfen. „Ich habe jetzt zwei Töchter, und die eine ist in den Sternen und in meinem Herzen.“

          Quelle: F.A.Z.

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