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Trampolin-WM Für den Höhenflieger wird die Luft dünn

 ·  Der Trampolinturner Christopher Schüpferling will endlich die Ernte des jahrelangen Trainings einfahren. Bisher ist er häufig an seinen Nerven gescheitert.

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© Kretzer, Michael Vergrößern Scheinbar schwerelos: Trampolinturner Christopher Schüpferling.

Es rasselt mechanisch in der Halle, in der die Trampoline dicht an dicht stehen. Kleine und große Höhenflieger werden kunstvoll hin- und hergerissen von Sprungtuch und Schwerkraft. In den Hallen des Deutschen Turner-Bundes an der Frankfurter Otto-Fleck-Schneise herrscht betriebsamer Trainingsbetrieb von früh bis spät. Die Jüngsten trainieren neben den Besten, siebenjährige Nachwuchstalente, die sich an den ersten Sprüngen üben, neben Christopher Schüpferling, der an seinem Paradesprung - Dreifachsalto mit anderthalbfacher Schraube - feilt. Schüpferling kann nur eines der Trampoline nutzen - jenes, über dem die Hallendecke großzügig erhöht wurde, damit er nicht mit dem Kopf anstößt. Denn der 23-Jährige fliegt acht Meter hoch während seiner Übung und landet immer genau auf der mit einem Kreuz gekennzeichneten Mitte des Tuches. Technik ist das eine, Höhe das andere in seiner komplexen Disziplin, in der das Vielfache des Körpergewichts auf den Athleten wirkt. „Es ist übelst cool, was man in der Luft alles hinkriegen kann“, antwortet Schüpferling, wenn man ihn fragt, was ihn zu täglich fünf bis sechs Stunden Training antreibt.

Es bedarf höchster Konzentration vor jeder Übung, selbst im Training. So locker und um keinen Spruch verlegen Schüpferling in den Pausen ist: Vor jeder Übung, wenn sich die Muskeln unter seinem Anzug spannen, wird sein Blick ernst, und er kehrt in sich. Der 1,64 Meter kleine Modellathlet, der zu den drei Besten seines Fachs in Deutschland gehört, steht in der wohl wichtigsten Saison seines Lebens. Das Fernziel lautet: Olympische Spiele 2016 in Rio de Janeiro.

Erst WM, dann Abiklausuren

Doch die größten Herausforderungen warten zunächst im Jahr 2013 - auf und neben dem Trampolin. Beim Deutschen Turnfest Ende Mai und bei weiteren Wettkämpfen können die Trampolinturner die ersten Punkte für die Qualifikation zur Weltmeisterschaft in Sofia (4./5. November) sammeln. Die WM ist das wichtigste Turnier dieses Jahres. Und wenige Tage nach der WM schreibt Schüpferling seine Abiturklausuren. Seit drei Jahren arbeitet der Sportsoldat parallel zu Training und Bundeswehrterminen an einem Frankfurter Abendgymnasium darauf hin.

„In diesem Jahr sollte es klicken bei mir“, sagt Schüpferling. Denn bislang ist das Bewegungstalent in den entscheidenden Momenten zu häufig an seinen Nerven gescheitert. Schon bei den Olympischen Spielen in London im vergangenen Jahr, so hatten es viele in der Szene vor einigen Jahren prognostiziert, hätte Schüpferling den Platz im deutschen Team einnehmen können. Doch war für ihn mangels internationaler Ergebnisse kein Vorbeikommen an dem „Altmeister“ und früheren Weltmeister Henrik Stehlik. „In der nächsten Zeit müsste er endlich ernten, was er sich erarbeitet hat“, sagt Bundes-Nachwuchstrainer Jörg Hohenstein, bei dem Schüpferling in Frankfurt trainiert. „Es wird auf seinen Kopf ankommen.“

Fehlende „mentale Festigkeit“

Schüpferling kämpft. Denn langsam wird die Luft dünn für den Höhenflieger. Zu lange gilt er schon als Versprechen für die Zukunft, als einer, der vieles mitbringt, aber zu wenig abruft. Allein vier Dreifachsalti hat Schüpferling in seinem Programm, er turnt die schwierigste Übung im Vergleich zur nationalen Konkurrenz. Schüpferling will den Druck nicht an sich heranlassen. Das habe er schon viel zu lange getan. Beispiel World Cup in Albacete im Vorjahr: Die Vorbereitung in Frankfurt lief sehr gut, doch nach der Ankunft in Spanien „wollte plötzlich nichts mehr funktionieren“. Als er die bärenstarken Chinesen und Russen trainieren sah, habe er sich nur gedacht: „Ach du meine Güte“ - und verkrampfte. Am nächsten Tag im Training daheim lief alles wieder bestens. „Ich bin einer, der alles schnell in sich hineinfrisst. Das ist der falsche Weg“, sagt Schüpferling, der in der Bundesliga die Verteidigung des deutschen Meistertitels mit den Frankfurt Flyers anstrebt. Er habe nun stark an der „mentalen Festigkeit“, wie er es nennt, gearbeitet, an der Harmonie von Körper und Geist auf dem Gerät. Er wolle nun den Fokus behalten, egal was um ihn herum geschehe, und „ganz bei mir bleiben“.

Es ist fast eine Ironie seiner Sportgeschichte, dass Schüpferling eine Disziplin ausübt, in der jeder kleinste technische Fehler bestraft wird und mit schierem Kampfgeist kaum zu beheben ist. Etwa zwanzig Sekunden sind die Trampolinturner bei Pflicht und Kür in der Luft. Da bleibt kaum Zeit, zu reparieren, wenn man sich „verflogen“ hat. Auf die Stärken besinnen, äußere Einflüsse ausblenden, nicht durcheinanderbringen lassen, keine Angst bekommen - so lauten die Ziele von Schüpferlings individueller Arbeit mit dem Sportpsychologen der Turner. „Christopher muss sich die Dinge erarbeiten, er verlässt sich nicht nur auf sein Bewegungstalent. Jetzt fehlt ihm nur noch die Cleverness bei großen Events“, sagt Trainer Hohenstein.

Vor knapp sieben Jahren kam Schüpferling, der in Erlangen aufgewachsen ist, nach Frankfurt. Er wohnte im Sportinternat an der Otto-Fleck-Schneise und begann eine Ausbildung zum Werkzeugmechaniker bei Opel. Die körperliche Arbeit hemmte zunächst die Qualität des Trainings. Doch er biss sich durch und möchte nun nach dem Abitur Sport und Mathematik auf Lehramt studieren. Als Zwölfjähriger turnte er einst bei der Jahrgangs-WM gegen die internationale Konkurrenz. Seine gleichaltrigen Gegner von damals aus China dominieren seit einiger Zeit das Trampolinspringen. „Die Chinesen haben seit 2007 alles gewonnen. Das muss aufhören, das treibt mich an“, sagt Schüpferling. Dafür will er nun endlich die Ernte des jahrelangen Trainings einfahren.

„Ich will mich etablieren und bei der WM einen sauberen Vorkampf turnen“, sagt er. Für den Einzug ins Finale müsste er seine Bestleistung steigern. Warum nicht? Wenn der Kopf mitspielt. Schüpferling kämpft.

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