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Trainer-Wechsel passé Kämpfende Kickers kippen Drehbuch

Eigentlich war Arie van Lents Abschied aus Offenbach schon beschlossene Sache. Nach dem Erfolg im Pokal soll der Trainer nun mindestens bis zum Saisonende bleiben.

© Jan Huebner Vergrößern Ovationen der Spieler für ihren Trainer: Kickers-Coach Arie van Lent genießt den Moment des Pokaltriumphs gegen Düsseldorf.

Den direkten Weg zum Offenbacher Erfolgstrainer Arie van Lent hat Frank Ruhl am späten Dienstagabend nicht gesucht. Stattdessen zögerte der Vereinspräsident im Moment des Triumphs und schaute im Medienraum auf dem Bieberer Berg verunsichert um sich, bis er schließlich doch auf ihn zuging. „Eine ganz große Leistung. Sagenhaft“, sagte Ruhl zu van Lent. „Eindeutig“, antwortete der Coach, der mit seinem Team einen überraschenden 2:0-Erfolg im Fußball-Pokal-Achtelfinale gegen Fortuna Düsseldorf gefeiert hatte. Am vielsagendsten waren die Blicke. Während van Lent aus einem Gefühl der Stärke heraus Ruhl herausfordernd fixierte, war die Verlegenheit des Kluboberhaupts spürbar.

Eigentlich war das Drehbuch schon geschrieben - mit dem Trainer in der Opferrolle. Der Drittligaverein, der im Liga-Alltag enttäuscht hatte, wollte sich von ihm trennen, unabhängig vom Ausgang des Pokalduells mit dem Bundesliga-Klub. So war es noch am Spieltag aus Präsidiumskreisen zu hören. Aber das 2:0 und vor allem die Machtdemonstration der Spieler für ihren Trainer, die sich nach den Toren von Mathias Fetsch und Stefan Vogler und im Anschluss an die mitreißende Partie auf ihn stürzten, lösten eine neue Regieanweisung von oben aus: Van Lent bleibt mindestens bis zum Saisonende, hieß es nun. Neunzig erfolgreiche Pokalminuten reichten aus, um ihn wieder als vollwertiges Mitglied in die Kickers-Gemeinschaft aufzunehmen - so, als wäre nichts gewesen.

Der Rückhalt für van Lent kam abrupt

Durch den Einzug ins wirtschaftlich lukrative Viertelfinale fühlten sich alle als Gewinner. Es gab jedoch auch einen Verlierer: die Vereinsführung. Aufgrund ihres Wechselspiels der Ansichten in kurzer Zeit. Vor der Offenbacher Sternstunde, die offenbar kaum einer auf dem Zettel hatte, entzog sie van Lent noch die Rückendeckung. Das ging so weit, dass auch der Trainer mit seiner Ablösung rechnete. Und Abwehrspieler Marc Stein berichtete nach dem Husarenstück des Außenseiters mit einem Schmunzeln, dass er auf der Fahrt zum Stadion im Radio von der bevorstehenden Trennung vom Trainer gehört habe. Aber weit gefehlt: Die Vorführung von van Lent über Tage endete mit einem abrupten Wendemanöver. Plötzlich stärkten ihm die Verantwortlichen den Rücken. „In vielen Bereichen macht Arie einen guten Job“, sagte Oliver Roth mit heiserer Stimme. „Die Mannschaft ist nicht tot, er erreicht sie noch.“

Für den Sportdirektor hatten die Turbulenzen auf Biebers Höhen sogar ihr Gutes. Denn: „Man ist jetzt eine Einheit. Die Gruppendynamik wurde 24 Stunden geschult.“ Ein Trainingslager in der Wintervorbereitung hält Roth endgültig für verzichtbar. Nicht aber Änderungen bei der Außendarstellung des Vereins, „da haben wir Verbesserungsbedarf“, gab er zu und stieß mit der Kritik bei der Mannschaft auf offene Ohren. „Im neuen Präsidium sind auch nur Menschen, denen man Zeit geben muss“, sagte Kapitän Sead Mehic am Mittwoch. Und weiter: „Bei uns gab es nie eine Diskussion über den Trainer.“

Van Lent: „Das Verhältnis zur Mannschaft war immer intakt“

Van Lent kostete den größten Erfolg in seiner Trainerkarriere aus. Wie es seiner Art entspricht, vor allem mit Humor. Er verwies auf seine „kaputte Lippe“, die er bei den Solidaritätsbekundungen seiner Spieler im sprichwörtlich verschworenen Haufen davongetragen habe. „Es ist eine Riesenfreude“, sagte der Deutsch-Holländer. „Das Verhältnis zur Mannschaft war immer intakt.“ Hätte der Verein ihm den Laufpass gegeben, hätte er sich gegen seine Spieler gestellt. Dieses Wagnis wollte keiner eingehen, zumal die Bosse beim spielenden Personal wohl an Glaubwürdigkeit eingebüßt haben. Mit der Pokalsensation im Rücken erlaubte sich van Lent nur einige kleine Spitzen, er sagte: „Wir brauchen nicht herumzuheulen. Wir tun alles für den Verein. Jetzt soll jeder begreifen, dass Sport nicht so einfach ist, wie man glaubt.“

Mit Spannung wird nun erwartet, ob der Klub den Vertrag mit van Lent über diese Saison hinaus verlängert. „Wenn wir mit dem Trainer auf einen gemeinsamen Nenner kommen, spricht nichts dagegen“, sagte Roth. „Das heißt aber nicht, dass er einen Zehnjahresvertrag bekommt.Die Mannschaft muss sich weiterentwickeln.“ Unter auch in Zukunft schwierigen finanziellen Bedingungen - trotz der mittlerweile stolzen Mehreinnahmen im Pokal. „Wir werden nicht wegen Reichtum schließen“, kündigte Roth an, der Neuverpflichtungen im Winter ausschloss. „Den Verein auf wirtschaftlich gute Füße zu stellen, ist unser Job Nummer eins.“

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Am Tag nach der Pokalsensation lud van Lent seine Mannschaft in der Kabine zu einer warmen Mahlzeit ein. Das hatte er sowieso vorgehabt. Viel hätte nicht gefehlt, und es wäre sein Abschiedsessen geworden. „Ich weiß nicht, ob Arie nach dem Mist noch mit uns zusammenarbeiten will“, sagte Roth am Dienstag. Der Trainer, der Haltung zeigte, will, weil: „Ich verzeihe alles. Hier ist das scheinbar der ganz normale Wahnsinn.“

Quelle: F.A.Z.

 
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Veröffentlicht: 20.12.2012, 07:00 Uhr

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