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Traditionsunternehmen Leica Rückkehr zu den Wurzeln

Der Kamerahersteller Leica baut für 60 Millionen Euro eine neue Unternehmenszentrale in Wetzlar. Dort soll eine Erlebniswelt für Besucher entstehen.

© Rosenkranz, Henner Vergrößern Objektiv: Der Neubau greift die Form von Produkten der Leica Camera AG auf.

Zurück zu den Wurzeln: Wo Oskar Barnack vor 100 Jahren die Kleinbildkamera entwickelte und Ernst Leitz vor 90 Jahren mit der Serienfertigung der Erfindung seines Mitarbeiters begann, wird die Leica Camera AG künftig wieder Produkte entwickeln und herstellen. In Wetzlar entsteht derzeit die neue Firmenzentrale des börsennotierten Unternehmens, die Ende dieses oder Anfang nächsten Jahres eröffnet werden soll.

Produktion, Verwaltung und Kundenservice dieser Institution der optischen Industrie in Deutschland sind bislang im benachbarten Solms angesiedelt. Rund 650 der weltweit knapp 1300 Mitarbeiter von Leica Camera betrifft der Umzug. Fast 60 Millionen Euro verschlingt das Großprojekt. Als Investor und Bauherr fungiert die Leitz-Park GmbH, eine eigens für den neuen Standort gegründete Gesellschaft, die Grundstück und Gebäude an Leica vermietet.

Neubau statt Modernisierung

Die Fertigungsbedingungen am bisherigen Firmensitz in der Kleinstadt Solms genügten den steigenden Ansprüchen der Hochtechnologie nicht mehr. Zudem fehlt es dort an Platz. Mitte der achtziger Jahren waren die auf mehrere Produktionsstätten in und um Wetzlar verteilten Werke der Leica Camera AG in Solms zusammengeführt worden. Die Leica Camera AG ging als Fotosparte aus dem Wild Leitz Konzern hervor, der wiederum aus der Fusion des Schweizer Optikunternehmens Wild Heerbrugg mit der Ernst Leitz Wetzlar GmbH entstand.

Auf der Suche nach Abhilfe für die Unzulänglichkeiten in Solms stellte sich bei Kalkulationen heraus, dass Umbau, Modernisierung und Erweiterung am gegenwärtigen Standort eben soviel kosten würden wie ein Neubau. Also entschied sich die Geschäftsführung für letzteres. Ein geeignetes Grundstück fand das Unternehmen in Wetzlar. Die Stadt ist gerade dabei, ein neues Gewerbegebiet in Nachbarschaft zur ehemaligen Spilburg-Kaserne auszuweisen. Das frühere Bundeswehrareal am südöstlichen Stadtrand floriert seit den neunziger Jahren und gilt als eines der herausragenden Beispiele für gelungene Konversion in Hessen. Firmen unterschiedlicher Branchen, Behörden und Bildungseinrichtungen haben sich auf dem etwa 60 Hektar umfassenden alten Militärgelände angesiedelt. Also bot sich die Erweiterung um benachbarte Flächen an. Zu den Vorzügen dieses Areals, die auch Leica bewogen, sich dort niederzulassen, zählt neben viel Platz die gute Verkehrsanbindung, insbesondere mit dem neuen Autobahnanschluss Wetzlar-Süd.

Eine Erlebniswelt der Unternehmensgeschichte

Bei den Planungen für den Neubau ging es nach den Worten von Andreas Kaufmann, Aufsichtsratsvorsitzender, nicht nur darum, eine moderne Fertigungs- und Verwaltungsstätte zu schaffen. Vielmehr solle in Wetzlar eine Art Erlebniswelt entstehen, in der Gäste und Besucher Einblicke in die Geschichte des traditionsreichen Unternehmens und seiner Produkte sowie den Werdegang der optischen Industrie in Mittelhessen bekommen. Denn Leica Camera besitzt eine Vielzahl von Dokumenten und technischen Exponaten zu diesem Themenkomplex, zudem eine Akademie, die zu den ältesten Fotoschulen weltweit zählt. All das lockt viele Besucher nicht nur aus der Region. Auch die Repräsentation litt zuletzt unter einem Mangel an adäquaten Räumen. All dies wurde bei den Planungen für den Neubau berücksichtigt, wie Wolfgang Kisselbach, Geschäftsführer der Leitz-Park GmbH, erläutert.

Nach den Entwürfen des Frankfurter Architekturbüros Grube & Kleine-Kraneburg entsteht nun ein Gebäudekomplex, der mit rund 28000 Quadratmetern Nutzfläche etwa doppelt so viel Platz bietet, wie in Solms zur Verfügung steht. Der Flachbau trägt schon durch ungewöhnliche Gestalt dem Wunsch des Unternehmens Rechnung, am neuen, alten Standort Wetzlar Akzente zu setzen. So symbolisieren die Konstruktionen der Kernbauten des Ensembles Objektiv und Fernglas. Verbunden werden diese Baukörper mit einem dreigeschossigen Flachbau, der vor allem durch seine Länge von rund 150 Metern auffällt. Damit die neue Leica-Zentrale auch Treffpunkt für Fotofreunde wird - Kaufmann rechnet mit mehreren zehntausend Gästen im Jahr -, beansprucht der Besuchertrakt, der den Produktionshallen vorgelagert ist, gut ein Fünftel der gesamten Grundstücksfläche.

Gläserne Fabrik

Im Mittelpunkt steht das Leica-Museum mit Arbeiten bedeutender Fotografen. Ein Laden für Kameras und optische Geräte, Museumsshop, Fotostudio und Gastronomie ergänzen den Besucherbereich, hinter dem sich die Fertigungsstätten für Kameras, Linsen und Objektive, Ferngläser, Zielfernrohre und Vergrößerungsgeräte anschließen. Ein gläserner Besuchergang ermöglicht Blicke auf die Präzisionsarbeit an den Werkbänken. In den oberen Stockwerken sind Entwicklungsabteilungen, Marketing und Verwaltung untergebracht.

Besonders aufwendig ist es auch, den Gebäudekomplex nach aktuellen Standards mit Energie zu versorgen. So waren nach Angaben von Kisselbach rund 80 Bohrungen in bis zu 120 Meter Tiefe erforderlich, damit die Zentrale mit Erdwärme versorgt werden kann. Zwei Blockheizkraftwerke sollen zusätzlich einheizen und zusammen mit Sonnenkollektoren auf 10000 Quadratmeter Dachfläche den Bedarf an Strom decken.

Ein zentraler Platz mit Pavillon und Gelegenheit zum Verweilen im Freien schafft eine architektonische Verbindung von der neuen Leica Camera-Zentrale zu den benachbarten Firmenbauten von Viaoptic GmbH und Weller Feintechnik GmbH, beides Unternehmen für Spezialprodukte der optischen Industrie. Mit dem rund 15 Hektar umfassenden Leitz-Park bekommt Wetzlar also ein neues Aushängeschild für seinen neben der Eisenverarbeitung wichtigsten Wirtschaftszweig.

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Mit neuen Investoren aus dem Tal

Der Name Leica hat unter Freunden der Fotografie einen legendären Ruf. Doch davon allein kann kein Unternehmen leben. Das hat auch Leica Camera, 1986 aus der Aufspaltung des Wetzlarer Optikherstellers Leitz hervorgegangen, zu spüren bekommen. Im Frühjahr 2005 machte das seinerzeit börsennotierte Unternehmen mit einer finanziellen Schieflage von sich reden.

Leica hatte längere Zeit die Entwicklung moderner Kameratechnik eher beobachtend verfolgt und war deshalb am Markt ins Hintertreffen geraten. Die Wende zum Besseren wurde erst durch den Einstieg österreichischer Investoren, der Familie Gebrüder Kaufmann, eingeleitet. Die Leica-Liebhaber beteiligten sich 2004 an dem Unternehmen und stockten im Herbst 2006 ihre Anteile auf, indem sie die bei dem Luxusgüterhersteller Hermès liegenden Aktien übernahmen. Über ihre Holding ACM kauften sie weiter zu, bis sie Ende 2007 auf 96,5 Prozent der Anteile kamen.

In der Folgezeit stabilisierte sich Leica Camera, nicht zuletzt dank neuer Produkte. Davon zeugt auch die Aufwärtstendenz bei Mitarbeiterzahl, Umsatz und Gewinn. Das Geschäftsjahr 2009/10 beschloss die Firma mit einem Umsatz von gut 158 Millionen Euro, einem Gewinn vor Zinsen und Steuern von 7,4 Millionen Euro und knapp 1100 Mitarbeitern, nachdem es im Herbst 2007 noch knapp 1000 gewesen waren. Bis zum Ende des Geschäftsjahrs 2011/12 kletterte der Umsatz auf annähernd 300 Millionen Euro und der Gewinn vor Zinsen und Steuern auf fast 60 Millionen Euro. Die Zahl der Mitarbeiter wuchs auf 1200.

Leica Camera soll noch weiter wachsen. Zu diesem Zweck hat sich ACM im vergangenen Oktober den amerikanischen Finanzinvestor Blackstone an die Seite geholt. Blackstone hält 45 Prozent der Anteile am Leica-Hauptaktionär Lisa Germany Holding, an der ACM zu 55 Prozent beteiligt ist. (thwi.)

Quelle: F.A.Z.

 
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