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Chinesische Touristen : Gucci lockt stärker als Goethe

  • -Aktualisiert am

Abmarsch: Die Paulskirche lassen einige chinesische Besucher links liegen. Sie steuern lieber gleich die Zeil an. Bild: Niklas Grapatin

Für Chinesen ist Frankfurt die Einkaufshauptstadt Deutschlands. Besonders Geschäfte an der Berliner Straße haben sich auf diese Shopping-Touristen spezialisiert.

          Die Einkaufstour beginnt an der Paulskirche. Dort parken die Reisebusse, oft sieben oder acht hintereinander. Die Touristen aus China steigen aus, und Reiseleiter Sun führt sie die Straße entlang. Nicht etwa in die Paulskirche hinein oder Richtung Römer. Er bringt sie bis vor die Schaufenster der Geschäfte und entlässt seine Schützlinge für eine gute Stunde in die Freiheit.

          Diese Stunde werden sie vor allem in den Läden an der Berliner Straße verbringen, denn dort gibt es genau das zu kaufen, was die Kunden aus China suchen: Töpfe, Messer, Kleidung, Koffer, Schmuck und Uhren. Große Schilder preisen die Marken an, vor allem deutsche wie Fissler und Zwilling – auch in chinesischen Schriftzeichen. „Chinesen glauben nur an ,Made in Germany‘“, sagt Sun. Die Markenartikel gebe es zwar auch in China, doch dort seien sie deutlich teurer.

          „Freizeit heißt für Chinesen Shopping“

          So viele Reisegruppen stehen an diesem Mittag auf dem Gehweg an der Berliner Straße, dass Passanten sich durch die Menge kämpfen müssen. Am Rand des Getümmels haben zwei junge Frauen Stellung bezogen. Außer dem „Wachturm“ auf Deutsch haben sie auch chinesische Broschüren dabei: Nicht nur der Einzelhandel, auch die Zeugen Jehovas haben die Touristen für sich entdeckt. Viel interessanter finden die Reisenden aber die Töpfe in den Schaufenstern. Die Schilder und Aufkleber auf den Produkten sind zweisprachig, und drinnen werden die Touristen von Landsleuten bedient. Hier verkaufen Chinesen an Chinesen, nur die Ware ist deutsch. Reiseleiter Sun sagt: „Für Chinesen heißt Freizeit Shopping.“ Zehn Tage lang zeigt er den 39 Männern und Frauen Europa, fast jeden Tag ein neues Land, da bleiben nur wenige Stunden Aufenthalt in einer Stadt. Am Morgen ist die Gruppe in Amsterdam losgefahren, am nächsten Tag geht es weiter nach Österreich.

          Dann werden sie, das zeigt die Statistik von Global Blue, viel Geld in Frankfurt gelassen haben. Das Logo von Global Blue hängt in vielen Schaufenstern an der Berliner Straße: Über den Finanzdienstleister können sich Touristen aus Ländern außerhalb der EU nach dem Kauf die Mehrwertsteuer erstatten lassen. Laut dessen „Tourist Barometer“ von 2014 sorgen Chinesen in Frankfurt für mehr Umsatz durch solche „Tax free“-Einkäufe als in jeder anderen deutschen Stadt. Bundesweit gaben Chinesen 514 Euro je Einkauf aus – in Frankfurt waren es 831 Euro. „Für uns werden die Chinesen immer wichtiger“, sagt Joachim Stoll, Sprecher des Frankfurter Handelsverbands. Früher seien asiatische Shopping-Touristen vor allem aus Japan angereist – doch wegen der Rezession dort sei diese Zahl stark zurückgegangen.

          Das „Einfallstor für Chinesen“

          Deutsche verirren sich nur selten in solche Läden. Nur einer von 20 Kunden sei kein Chinese, schätzt Wenyong Zheng. Das Geschäft leitet seine Frau, er selbst hilft immer wieder aus. Hier kosten die meisten Uhren um die 2000 Euro, einige auch das Zehnfache. Beide haben früher als Reiseleiter gearbeitet, die Angestellten stammen ebenfalls fast alle aus China. Die einzige Deutsche – sie pflegt den Kontakt zu den europäischen Herstellerfirmen – hat zumindest Sinologie studiert. Sonst würde sie sich ja langweilen, sagt Zheng. Im Laden habe sie schließlich den ganzen Tag mit Chinesen zu tun.

          Rund 131.000 Touristen aus China reisten im vergangenen Jahr nach Frankfurt. Das sei vor allem dem Flughafen zu verdanken, sagt Thomas Feda, Geschäftsführer der städtischen Tourismus und Congress GmbH. Der werde von allen drei großen chinesischen Airlines angeflogen und mache die Stadt am Main so zum „Einfallstor für Chinesen“ in Europa. Auch wegen der Messe sei sie bekannt, immer mehr Fachbesucher kämen aus China. Außerdem sei Frankfurt eine kompakte Stadt, es gebe viel zu sehen ohne lange Wege, anders als in Berlin oder in Hamburg.

          Einer der drei großen Zukunftsmärkte

          „Gucci und Goethe“, deswegen kämen solche Touristen nach Frankfurt. „Shopping ist das Reisemotiv Nummer eins“, sagt Feda. Die Berliner Straße liege eben sehr zentral, aber auch an der Zeil und an der Goethestraße gingen Chinesen gerne einkaufen. Dennoch wollten die Besucher auch etwas von der Stadt sehen, den Römerberg und das Goethehaus, die EZB und den Eisernen Steg mit den Tausenden von Liebesschlössern. Gruppenreisen seien in China relativ günstig zu haben, für rund 2000 Euro inklusive Flug. So bleibe mehr Geld fürs Einkaufen übrig. Immer öfter komme aber ein anderer Besuchertyp, 30 bis 45 Jahre alt, aus der wachsenden chinesischen Mittelschicht. Dieser „neue Tourist“, sagt Feda, organisiere seine Reise selbst und bleibe auch mehrere Tage in einer Stadt. In fünf Jahren rechnet er deshalb für Frankfurt mit jährlich 100.000 Übernachtungen mehr. „Von 1,4 Milliarden Chinesen reisen gerade mal 100 Millionen“, sagt Feda. Das Land sei deshalb neben Arabien und Südamerika einer der drei großen „Zukunftsmärkte“ für den Frankfurter Tourismus.

          Wenn man Taxifahrern in China sage, man komme aus Frankfurt, wüssten die sofort Bescheid. „Sagen Sie, Sie kommen aus Berlin, dann glauben die, Sie wollen was essen.“ Und Wenyong Zheng vom Uhrenladen an der Berliner Straße sagt: „Manche Chinesen glauben, Frankfurt ist die Hauptstadt von Deutschland.“

          Quelle: F.A.Z.

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