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Tokio Hotel in der Batschkapp : Im Äpplerglas brennt noch Neonlicht

  • -Aktualisiert am

So stark gealtert ist Bill Kaulitz (Mitte) nun auch wieder nicht: Die Gesichtsmasken in der Batschkapp demonstrieren den Kunstwillen von Tokio Hotel. Bild: Wonge Bergmann

Einst waren sie die Lieblinge der Teenies, jetzt sind die Zwillinge von Tokio Hotel erwachsen. In der Frankfurter Batschkapp üben sie sich in unterkühlter Selbstfindung.

          Ein Moment des Zweifels: Bin ich hier richtig? Die Uhr zeigt kurz vor acht, das Konzert soll in wenigen Minuten beginnen, doch es ist seltsam ruhig in der Frankfurter Batschkapp. Die Sanitäter stehen plaudernd am Eingang des Clubs, die meist weiblichen Fans schlendern gelassen in den nicht gerade überfüllten Saal, aus dem bloß sanftes Gemurmel ins Foyer dringt. Dauergeschrei, Massentumulte, Sehnsuchtstränen, Ohnmachtsanfälle: was vor wenigen Jahren bei Konzerten der Band Tokio Hotel normal gewesen wäre, bleibt mittlerweile aus.

          Von außen betrachtet, mag dies wie ein heftiger Karriereknick wirken. Allerdings ist er von den vier Magdeburger Musikern, deren steiler Aufstieg 2005 begann, bewusst herbeigeführt worden. Ausgelaugt von dem hysterischen Rummel um die Gruppe, sind die Fan-Lieblinge Bill und Tom Kaulitz vor sechs Jahren nach Los Angeles gezogen, um den Nerven und der Band etwas Ruhe zu gönnen. Seitdem haben sich Tokio Hotel zunehmend von ihrem Teeny-Star-Status emanzipiert. Ihre Songs schreibt und produziert das Quartett jetzt selbst.

          Beinahe kindlich anmutende Ansagen

          Einen Reifeprozess haben derweil auch die Anhänger durchlaufen. Längst sind die meisten von ihnen volljährig, ihre überhitzte Fanliebe scheint nostalgischem Wohlwollen gewichen. Ein kollektiver Euphoriestoß entlädt sich dennoch lautstark, als das Saallicht ausgeht. Die Zuschauer recken die Handys in Richtung Bühne und filmen den schwarzen Vorhang, hinter dem wenig später ein gleißendes Neon-Interieur zum Vorschein kommt. Auf dem mittigen Podest, das mit seinem Rautendesign an ein übergroßes Apfelweinglas erinnert, stehen regungslos die Musiker in futuristischen Anzügen und mit schimmernden Visieren vor dem Gesicht. „I can see something new, do you feel that, too?“, säuselt der mittlerweile blondierte Bill Kaulitz, zunächst ebenfalls hinter einer Maske verborgen, von seiner Lichtkanzel herab. Eine rhetorische Frage. Denn natürlich ist der stilistische Wandel offensichtlich.

          Hatten Tokio Hotel schon auf dem 2014 erschienenen Album „Kings of Suburbia“ heftig mit elektronischen Klängen geflirtet, huldigt ihre aktuelle LP „Dream Machine“ völlig ungeniert einem fluoreszierenden Synthie-Sound. Gitarre, Bass und Schlagzeug sind kaum mehr zu hören und wirken auch auf der Bühne eher wie zierende Accessoires. Meist bedienen Tom Kaulitz, Georg Listing und Gustav Schäfer lieber Keyboards, Sequenzer und Drum Pads, denen sie pluckernde Beats und sphärisches Gesumme entlocken. Bill Kaulitz, dessen Ansagen zwischen den Songs beinahe kindlich anmuten, singt dazu mit überraschend laszivem, doch letztlich unnahbarem Gestus.

          Ein deutschsprachiger Song übrig

          Tokio Hotel empfinden dieses unterkühlte Auftreten offenbar als stilistische Selbstfindung: „We Found Us“, verkünden sie doppelsinnig ihren Fans in dem gleichnamigen Stück, das wie der Rest des 90 Minuten langen Konzerts unter einer wenig nuancierten Abmischung leidet. Allerdings scheint es eher, als hätte das Quartett vor allem andere Bands entdeckt, die für die Entwicklung und Inszenierung elektronischer Popmusik wegweisend waren: Kraftwerk, Depeche Mode und Daft Punk. Leider erweist sich diese professionell gestaltete Zitatshow als recht gleichförmig, auch wenn Tokio Hotel versuchen, den Auftritt abwechslungsreich zu gestalten.

          „Black“, eine der wenigen Nummern aus ihrer Anfangszeit, spielen sie in einer angemessen düsteren Akustikversion, für „Automatic“ kommen einige Fans auf die Bühne, die nur zaghaft mitsingen wollen, dafür aber umso ausgelassener umherspringen. „Durch den Monsun“, mittlerweile der einzige deutschsprachige Song auf der Setlist, mobilisiert in der Zugabe noch einmal das übrige Publikum, bevor wenig später das Licht angeht und die Zuschauer Richtung Ausgang strömen. Ganz in Ruhe.

          Quelle: F.A.Z.

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