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Holz als Werkstoff für Fahrrad : Augenschmeichler aus Arnsburger Eiche

Der Tischler und sein Stolz: Martin Schlimbach mit Holzfahrrädern Bild: Wolfgang Eilmes

Tischlermeister Martin Schlimbach baut Fahrräder aus Holz. Mit seinem Prototypen hat er einen Gestaltungspreis errungen. Der Markt ist aber noch sehr klein.

          GRÜNINGEN. Per Rad aus Mittelhessen über Luxemburg bis hinunter nach Spanien - diese Radtour hat sich Jacques Gengler vorgenommen. Nun fahren viele Radler ähnlich lange Strecken, weshalb der Trip auch nicht sonderlich erwähnenswert wäre - hätte sich der junge Mann aus Luxemburg nicht ein Fahrrad aus Holz ausgesucht. Genauer gesagt: ein in Handarbeit aufwendig gefertigtes sportliches Langstrecken-Bike mit Holzrahmen. Entstanden ist das Rad in der Werkstatt von Martin Schlimbach im Dorf Grüningen unweit von Butzbach. Drei Räder haben Tischlermeister Schlimbach, Gengler und ein früherer Praktikant aus Holz gebaut. Ein Exemplar, „Woodbike 46“ genannt, ist von den hessischen Handwerkskammern mit dem Gestaltungspreis 2016 ausgezeichnet und als „Augenschmeichler“ gepriesen worden.

          Thorsten Winter

          Wirtschaftsredakteur in der Rhein-Main-Zeitung.

          Diese Kreation zog derart viel Aufmerksamkeit auf sich, dass sie selbst auf Tour ging und in verschiedenen Städten ausgestellt wurde. Mitte Oktober war sie in der Villa Metzler in Frankfurt zu sehen und davor etwa in Kassel. Nun hat Schlimbach als Inhaber der Firma „Teamwerk 46“ das Rad wieder bei sich zu Hause auf der Hofreite - „Gott sei Dank“, sagt er spontan. Schließlich kommt dem in rund 250 Arbeitsstunden entstandenen Prototyp nicht nur ein ideeller Wert zu. Im Verbund mit einem edlen Ledersattel von Brooks, der sich dem Gesäß des Nutzers anpasst, Ledergriffen, der Shimano-Schaltung und Scheibenbremsen vorne wie hinten hat es seinen Preis: Um die 5000 Euro kostet ein solches Rad, wie Schlimbach sagt.

          „Da braucht man keinen Taunus-Panzer“

          Wie aber ist er überhaupt auf die Idee gekommen, ein Rad aus Holz zu bauen? „Ich sehe das Rad als ideales alternatives Fortbewegungsmittel in der Stadt an - da braucht man keinen Taunus-Panzer“, sagt der Endvierziger, der im karierten Hemd und mit den grauen, fast schulterlangen gewellten Haaren wie ein später Student aussieht. Und er fügt mit einem Lächeln hinzu: „Ein Holzfahrrad erzielt mehr Aufmerksamkeit als ein Porsche.“ Würde es aber deshalb nicht umgehend gestohlen, selbst wenn es der Besitzer an einen Laternenpfahl am Straßenrand ankettete? „Das kann man doch gut mit ins Büro nehmen“, kontert er die Bedenken. „Das ist für die Straße viel zu schade, das gehört ins Wohnzimmer“, meint sogar ein Mann, der das Rad im Kurznachrichtendienst Twitter entdeckt hat, in einem Tweet.

          Holz bietet sich aber auch in Schlimbachs Augen nicht nur aus praktischen Gründen und der Ästhetik wegen als Rohstoff für Fahrradrahmen an: „Holz hat so schöne schockabsorbierende Eigenschaften“, sagt er. Auch wächst dieser Rohstoff nach, die Ernte schadet nicht der Umwelt, zumal die benötigen Mengen überschaubar sind. Nicht zuletzt ist es sein Werkstoff schlechthin - der Grüninger ist seit einem Vierteljahrhundert als Tischler selbständig. Hat er den Prototyp noch mit seinem kleinen Team aus Nussbaumholz gebaut, so gibt er Arnsburger Eiche vom Rande der Wetterau nun als bevorzugten Werkstoff an.

          Schlimbach trocknet Holz selbst

          „Wir holen die Stämme selbst aus dem Wald und schneiden sie selbst ein“, berichtet er. Außerdem verfügt Schlimbach über eine eigene Trockenkammer, die dem jeweiligen Holz nach und nach Feuchtigkeit entzieht. Die Trockenkammer betreibt der Tischlermeister mit Solarstrom. Und wie viel Restfeuchte muss das Holz enthalten, um ideal für den Fahrradbau zu sein und etwa eine schön geschwungene Gabel für das Hinterrad daraus formen zu können? Wieder zeigt der Handwerker sein feines Lächeln, schüttelt dann aber den Kopf und sagt: „Da müsste ich ja mein Fachwissen verraten.“

          Dafür verrät er aber, dass sich außer Eiche auch Nussbaum und Esche gut eignen - sowie Apfel und Zwetschge. Wobei Schlimbach als Oberhesse nicht Zwetschge, sondern „Kwetsche“ sagt. „Aus nur einem Kwetsche-Baum aus dem Garten kann ich ein Rad machen“ - im Zweifel auch mit einem Eigenbau-Lenker aus Holz statt mit einem zugekauften aus Stahl. Auch Schutzbleche fertigt Schlimbach aus dem natürlichen Material - gerne nach Kundenwunsch: „Wir wollen customized arbeiten.“ Noch sucht er seinen Markt. Klar ist aber schon: Holzräder sind eine sehr kleine Nische, auch wenn das erste Rad für Erwachsene zu Anfang des 19. Jahrhunderts weitgehend aus Holz gefertigt wurde und Holzlaufräder für Kinder beliebt sind.

          Die Kieler Firma Myboo baut dieses Jahr eine mittlere dreistellige Zahl von Fahrrädern aus Bambus. Die Rahmen kommen aus Ghana, wo rund 30 Frauen und Männer einer Kooperative an Ort und Stelle gewachsenen Bambus nutzen, wie ein Myboo-Sprecher sagt. Zu haben sind die Räder der Kieler etwa über die Hilfsorganisation Plan Deutschland. Auf ihre Alltagstauglichkeit sind sie auch schon getestet worden. Ein Paar aus Hamburg ist auf Myboo-Rädern 18 000 Kilometer weit nach China gefahren. „Bambus ist hart, aber flexibel und damit ideal für Fahrräder - und dabei leichter als Holz“, heißt es beim Hersteller.

          Schwer sind jedoch auch Schlimbachs Woodbikes nicht. Weil er das Rahmenholz hohl fräst, wiegen sie 14 bis 15 Kilogramm. Alu-Räder sind leichter, solche aus Stahl schwerer. Im Zweifel könne er das Gewicht auch noch senken, meint Schlimbach. Gengler ist sein Langstreckenrad nicht zu schwer. Auch hat es ihn sicher bis ins spanische Baskenland getragen. Für die Strecke bis nach San Sebastian hat er knapp zwei Wochen gebraucht. Ein Bild am Ziel zeigt ihn im T-Shirt, das Rad über dem Kopf in die Höhe gestemmt.

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