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Tiertafel Lieber nichts essen als den Hund hungern sehen

 ·  Zur Tiertafel in Frankfurt kommen Menschen, die sich eigentlich kein Haustier leisten können. „Der Hund bedeutet mir alles“, ist zu hören. Die Filiale am Main ist jetzt ein eigener Verein.

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Eigentlich dürfte er gar nicht hier sein. Und doch kommt sein Frauchen alle zwei Wochen mit ihm vorbei. Auch diesen Samstagmorgen im Juni ist Rocky da. Der Boxer-Rüde ist erst zehn Monate alt. Zu jung für diesen Ort. Eigentlich. In der Tiertafel Frankfurt, der einzigen in ganz Hessen, bekommen Jungtiere für gewöhnlich nichts zu fressen. Conny Badermann, die Vorsitzende des jüngst selbständig gewordenen Vereins, sagt, dass „Neuanschaffungen“ nicht belohnt werden dürften. „Wer sich selbst nicht ernähren kann, sollte sich nicht auch noch ein Tier zulegen.“

Bei Rocky machen die Betreiber aber eine Ausnahme. Der junge Hund hilft einem schwerbehinderten Kind, das einen offenen Rücken und einen Wasserkopf hat, wieder Freude am Leben zu empfinden. Die Besitzer können sich den Hund im Grunde aber gar nicht leisten. Deshalb kommen sie zur Tafel. Jeden zweiten Samstag suchen sie das eingeschossige Backsteingebäude in Westhausen auf. Hier bekommen sie Trocken- und Nassfutter für Rocky. Genug für die nächsten zwei Wochen. Rocky ist hungrig. Gierig beschnuppert er die Tüten mit dem Futter. Unter seinem hellbraunen Fell zeichnen sich die Muskeln ab. Keine Anzeichen für eine Mangelernährung. „Viele Tierbesitzer achten mehr auf das Wohlergehen ihrer Lieblinge als auf sich“, sagt Badermann.

Im Zweifelsfall gibt es Spezialfutter

Sollte Rocky einmal krank werden, organisiert die Tafel Kontakte zu Tierärzten, die ihn für den niedrigsten Betrag behandeln. Tiertafelbesucher können zudem in Raten zahlen. Falls der Hund im Lauf seines Lebens Allergien entwickelt oder Diabetes bekommt, erhält er von der Tafel teures Spezialfutter. Und im schlimmsten Fall, wenn die Besitzer von Rocky sich entschließen sollten, ihn abzugeben - auch dann fände das Team der Tafel eine Lösung, wie Mitarbeiterin Inge Böhm sagt. „Wir weisen niemanden ab.“

Aus allen Ecken der Rhein-Main-Region kommen die Tierbesitzer zur Tafel. Manche verabreden sich, um samstagmorgens gemeinsam dorthin zu fahren. Im Schlepptau haben sie ihre Rollwagen, mit denen sie das Futter nach Hause transportieren. Auch wenn das Leben für sie sonst nicht viel Erfreuliches bereit hält, die Tiertafel bringt ein wenig Farbe ins Alltagsgrau.

Seit nunmehr fünf Jahren gibt es in Frankfurt eine Anlaufstelle für Hartz-IV-Empfänger, Frankfurt-Pass-Inhaber und Rentner mit kleinem Budget, die Haustiere haben. Sie müssen anhand von Impfpässen, Tierrechnungen oder sonstigem nachweisen, dass sie auch wirklich Tiere halten. Etwa 250 Haustierbesitzer besuchen den Verein an einem Ausgabetag. Seit dem 1. Juni ist er nicht mehr Teil der deutschlandweit bekannten Tiertafel. So sei gesichert, dass auch wirklich alle Spenden in Frankfurt blieben, erläutert die Vereinsvorsitzende Badermann.

„Der Hund bedeutet mir alles“

Früher sei das Geld von der Zentrale in Berlin auf die einzelnen Niederlassungen verteilt worden. Die Frankfurter, die sicher hätten sein wollen, dass ihre Spenden auch an Ort und Stelle eingesetzt würden, hätten immer wieder darauf gedrungen, den Verein auszugliedern. Und das Wort der Spender habe Gewicht: Schließlich sei die Tafel von privaten Zuwendungen abhängig. „Knapp wird es eigentlich immer“, sagt Badermann. Das große Lager leere sich jedes Mal schneller, als ihr lieb sei.

Zur Tiertafel kommen Menschen, die eigentlich kein Geld für ein Tier haben, aber es unter keinen Umständen hergeben wollen. So wie Waltraud Reinhard. Die arbeitslose Frau sagt, sie würde eher selbst nichts essen, als ihren Hund hungrig zu sehen. Ihr Mann, mit dem sie lange einen Handel für Tierfutter betrieben habe, sei vor drei Jahren schwer erkrankt und nun bettlägerig. Die Firma sei daraufhin pleitegegangen.

Aber ihren großen Husky könne sie deswegen doch nicht vor die Tür setzen, findet Reinhard: „Der Hund bedeutet mir alles.“ Nun kommt sie regelmäßig zur Tafel. Wie es wäre, wenn es dieses Angebot nicht gäbe, wolle sie sich gar nicht ausmalen: „Unvorstellbar.“ Irgendwann, so hofft die 60 Jahre alte Frau, werde sie vielleicht wieder in der Lage sein, für ihren Murphy zu sorgen. Dann lächelt sie, als könne sie selbst nicht so recht daran glauben.

Mit denen, die zur Tiertafel kommen, hat das Leben es oft nicht gutgemeint. Sie sitzen im Wartezimmer gleich neben dem Lagerraum, meist in Jogginghosen und dreckigen Turnschuhen, bis einer der Helfer ihnen die Beutel mit dem Futter bringt. Manche arbeiten Vollzeit und haben trotzdem nicht genug Geld übrig, um ihre Lieblinge zu versorgen.

Gegen zwölf Uhr wird es in dem Raum im Hinterzimmer, in dem das Futter lagert, allmählich hektischer. Vier Frauen und ein Mann räumen in Akkordarbeit Futterdosen, Trockenfutterpäckchen und hier und da ein Spielzeug in die mitgebrachten Wägelchen und bringen sie zu den Wartenden. Jedes Tier wird bei der Anmeldung auf einer Karteikarte notiert. Darauf steht, welches Futter es nicht verträgt oder etwa, ob es Seniorenfutter erhält. Es gibt spezielles Futter für leber- und nierenkranke Hunde, es gibt glutenfreies Futter und Futter für Hunde mit Durchfall. Für Katzen gibt es Whiskas mit Huhn und Rind, und es gibt Senioren-Whiskas.

Kontrastprogramm zum Beruf

Manch ein Halter beschwere sich dennoch, habe Extrawünsche, sagt Inge Böhm. Wie die anderen 20 Helfer ist sie freiwillig hier. Einige sind noch nebenbei berufstätig und opfern ihren Samstag. Außerdem kommen sie einmal alle zwei Wochen werktags, um das Futter abzupacken.

“Der Großteil der Leute ist dankbar, das entschädigt für den Aufwand“, berichtet Böhm. Die ehemalige Richterin suchte nach ihrer Pensionierung „das Kontrastprogramm“ zu ihrer beruflichen Tätigkeit, bei der sie es öfter mit Erbstreitigkeiten in Millionenhöhe zu tun hatte. Also kam sie in die Tafel. „Hier gibt es viel Elend zu sehen“, sagt sie.

Die meisten, die bei der Tiertafel mithelfen, sind mehr oder weniger zufällig auf den Verein aufmerksam geworden. Inge Böhm war vorher selbst Spenderin, Conny Badermann hat nach eigenen Worten einfach mal mitgeholfen und ist dann „dabeigeblieben“. Was sie eint, ist die Tierliebe. Und die Überzeugung, dass diese Liebe nicht am Geldbeutel scheitern sollte.

Weitere Informationen zur Tiertafel, Ludwig-Landmann-Straße 206, und Hinweise zu Spenden gibt es im Internet unter der Adresse www.frankfurter-tier-tafel.de.

Quelle: F.A.Z.
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