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Tierschutz Aggressiv und offensiv

 ·  Bekannt geworden ist Peta mit Kampagnen gegen Pelze. Heute kümmern sich die radikalen Tierschützer vor allem ums Essen. Auch in Frankfurt.

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Der Geruch ist das Schlimmste. Er kriecht in Hals und Lunge, verursacht Kopfschmerzen binnen Minuten, lässt seine Augen tränen. Noch Tage später hustet er. „Ammoniak. Das haut einen rückwärts um“, sagt Stefan Bröckling. Dass es in seinem Job stinkt, ist normal, denn Bröckling wühlt im Dreck. Der große Mann mit den ganz kurz geschorenen Haaren ist Rechercheur für den deutschen Ableger der Tierrechtsorganisation Peta. Seit 2008 arbeitet er hauptberuflich für die Organisation, in einem fünfköpfigen Team. Das steigt zum Beispiel heimlich in Betriebe mit Massentierhaltung ein, um Fotos und Videoaufnahmen zu machen. Die Bilder landen auf der Internetseite von Peta. Oder im Fernsehen.

„Das System Wiesenhof“ hieß ein Bericht, den die ARD im vergangenen August ausstrahlte, und was darin aus den Ställen des Geflügelproduzenten zu sehen war, war nichts weniger als ein Skandal. Von den Videos, auf denen Mitarbeiter der Firma Hühner treten, ihnen das Genick brechen, sie in Lastwagen schleudern und tote Tiere zu Dutzenden in Kadavertonnen entsorgen, hat einige auch Bröckling gedreht.

„Aber radikal sind wir nicht. Sondern konsequent“

In einem Frankfurter Café gießt Stefan Bröckling, 41 Jahre alt, schwarzer Kapuzenpullover, ein wenig Sojamilch in seinen Kaffee. Einbrechen, um aufzuklären, ist das seine Mission? „Einsteigen heißt nicht einbrechen“, sagt er. „Wir klettern über Zäune, kommen nachts und heimlich. Aber wir machen nichts kaputt und brechen auch nicht ein.“ Die Türen der Tiermastbetriebe, sagt er, seien meistens gar nicht verschlossen. „Wenn überhaupt, begehen wir Hausfriedensbruch. Das nehmen wir in Kauf.“

Peta, ein Akronym aus dem Englischen (People for the ethical treatment of animals) ist umstritten. Mit Hilfe von Prominenten und durch provokante Aktionen hat sich die 1980 in den Vereinigten Staaten von Amerika gegründete Organisation einen Namen gemacht: Nackte Körper, Kunstblut, Holocaust-Vergleiche und drastische Bilder hat Peta stets als legitime Mittel im Kampf gegen Tierquälerei erachtet. Seit 1994 ist die Organisation auch in Deutschland aktiv und hat hier nach eigenen Angaben etwa 30.000 Unterstützer. Weltweit sollen es rund drei Millionen sein. „Wir haben das krasseste Auftreten und machen definitiv mehr als einen Infostand in der Fußgängerzone“, sagt Bröckling. „Aber radikal sind wir nicht. Sondern konsequent.“

„Aber die Art und Weise, wie Peta vorgeht, ist verwerflich“

Das freilich sehen viele anders. Auch hessische Behörden bekommen das offensive Vorgehen der Aktivisten regelmäßig zu spüren. Erst Ende Februar ging eine Reihe von belastenden Unterlagen beim Frankfurter Ordnungsamt ein - gemeinsam mit einer Anzeige gegen die Stadt. Der Vorwurf: Eine Filiale der Systemgastronomie-Kette Kentucky Fried Chicken an der Frankfurter Hauptwache soll über Jahre hinweg vorsätzlich gegen Hygienebestimmungen verstoßen haben, ohne dass die Behörden angemessen eingegriffen hätten. Das Ordnungsamt weist die Vorwürfe von sich und gibt sich bezüglich Peta vage: „Wir gehen allen Anzeigen nach. Aber der Austausch mit einigen Tierschutzorganisationen klappt besser als mit anderen“, sagt ein Sprecher.

Der Leiter des für den Wetteraukreis zuständigen Veterinäramtes in Friedberg, Rudolf Müller, wird deutlicher. Peta hat Strafanzeige gegen ihn gestellt und wirft seinem Amt Versagen bei der Beurteilung eines kranken Elefanten im Zirkus Universal Renz vor. Das Tier ist mittlerweile gestorben. „Wir sind dankbar für jeden Hinweis“, sagt Müller, „aber die Art und Weise, wie Peta vorgeht, ist verwerflich.“ Schon bei der ersten Kontaktaufnahme hätten die Tierschützer Druck gemacht und mit einer Anzeige gedroht. Dabei, so Müller, sei der Elefant richtig gehalten, gepflegt und tierärztlich versorgt worden.

„Wir treten vielen Leuten auf die Füße“

„Wir erwarten, dass unsere fachlichen Entscheidungen respektiert werden, aber das tut Peta nicht“, sagt Müller und verweist auf die Zusammenarbeit seines Amtes mit der Organisation „Animal Angels“, die hervorragend funktioniere, „obwohl ich auch mal gerne ein Schnitzel esse.“ Der Seitenhieb gilt der von Peta propagierten vegetarischen, besser noch veganen Lebensweise. Im Fall der Elefantendame Maja sieht Müller Kalkül. „Peta ist strikt gegen Tierhaltung im Zirkus. Ich hingegen finde, man muss den Einzelfall prüfen“, sagt er und fügt hinzu: „Ich lasse mich nicht für deren Interessen einspannen.“

„Wir treten vielen Leuten auf die Füße“, sagt Bröckling, da mache man sich nicht beliebt. Erfahre Peta von Missständen, würden die Erkenntnisse meist sofort an die Veterinärämter weitergeleitet. Deren Reaktion sei fast immer enttäuschend. „Die klären das gerne im kleinen Kreis“, meint er, „wenn Landwirt und Amtstierarzt im gleichen Verein sind oder abends gemeinsam ein Bier trinken, wie soll das auch funktionieren?“ Zudem seien die Behörden oft überfordert und fachlich nicht in der Lage, exotische Tiere zu beurteilen.

„Facebook hat unsere Aktivisten versaut“

Mehr als solche Vorwürfe wird die Angesprochenen wohl stören, dass Peta oft ganz gezielt zuerst die Medien und dann erst die zuständigen Ämter informiert. „Weil wir wollen, dass die Verbraucher erfahren, was vor sich geht“, sagt Bröckling. Er ist der Ansicht, dass Politik und Behörden letztlich wenig am Leid der Tiere ändern werden - „das können nur die Verbraucher selbst“. Sie zu informieren ist sein Hauptanliegen. „Ich will niemandem seine Lebensweise diktieren, aber jeder sollte wissen, was in solchen Betrieben passiert.“

Die Bilder dazu liefern Bröckling und sein Team. Etwa 120 Hinweismeldungen auf Tierquälerei erhalten sie im Monat, gehen ihnen in ganz Deutschland nach. Erst vor ein paar Tagen hat Bröckling zwei Hunde und ein Huhn aus einem verlassenen Haus gerettet und ins Tierheim gebracht. „Ein kleines Erfolgserlebnis“, sagt er. Tatsächlich ist seine Arbeit oft frustrierend und bleibt ohne Ergebnis. Wenn er in Mastbetriebe geht, weil er gehört hat, dass dort etwas nicht stimmt, weiß er, dass er den einzelnen Tieren nicht helfen kann. „Aber wenigstens tue ich, was ich kann.“ Bröckling ist nicht der Typ, der gerne rumsitzt. Er verbringt viel Zeit auf der Autobahn, macht nie länger als eine Woche Urlaub und ist ständig unterwegs, um neues Bildmaterial zu sammeln. Er würde auch gerne mehr demonstrieren, so wie früher. Aber das Internet hat den Protest von der Straße in soziale Netzwerke geholt. „Facebook hat unsere Aktivisten versaut“, sagt Bröckling. Leute, die lieber auf Like-Buttons klicken, statt Jagden zu stören oder in Zirkussen zu demonstrieren, sind nicht sein Ding.

„Wir haben es per se nicht mit den nettesten Menschen zu tun“

Kinder hat Bröckling nicht und auch keine Tiere. „Das würde mich nur angreifbar machen.“ Seine Arbeit ist kein Geheimnis, sein Name und sein Gesicht sind bekannt. „Ich stehe zu dem, was ich tue.“ Ungefährlich ist das nicht. Schon öfters ist er verprügelt worden, Drohungen gehören ohnehin zur Tagesordnung. Mancher Tierhalter, der ins Visier der Tierrechtler gerät, schwört Rache. „Wir haben es per se nicht mit den nettesten Menschen zu tun“, sagt Bröckling und rührt im Kaffee-Soja-Gemisch; er ist schon lange Veganer.

An das, was er in den Ställen sieht, hat sich der gelernte Radio- und Fernsehtechniker, der an seiner ursprünglichen Arbeit keine rechte Freude fand, auch nach all den Jahren nicht gewöhnt. Ihm zuzuhören ist hart. „Ich habe genug Elend für drei Leben gesehen“, sagt er und erzählt von Schweinen, die sich die Gedärme aus dem Leib fressen, Puten, die wegen ihres Schlachtgewichts nicht mehr laufen können und den Schreien von Kälbern, die nach ihrer Geburt von der Mutter getrennt werden. „In den Medien sieht es oft so aus, als seien das Einzelfälle. Aber ich sehe das dauernd. Es ist die Regel, nicht die Ausnahme.“ Wenn er filmt, blendet Bröckling das Leid der Tiere aus und wird zum nüchternen Protokollanten. „Schlimm wird es, wenn ich später am Rechner sitze und alles auswerte und schneide. Dann kommen die Emotionen.“

Ob die Leute, die seine Bilder sehen, ihr Konsumverhalten aus Ekel oder moralischer Überzeugung überdenken, ist Bröckling egal. „Mir geht es nur darum, am Ende den Tieren zu helfen.“ Immer wieder ist die Rede davon, dass Peta Material fälsche. Bröckling streitet das ab, der Vorwurf macht ihn wütend. „Wir machen immer Außenaufnahmen, halten eine Tageszeitung ins Bild und nutzen GPS-Geräte, um die exakten Koordinaten unseres Aufenthaltsorts festzuhalten.“ Rohmaterial werde akribisch archiviert, bevor Peta-Filme im Fernsehen ausgestrahlt würden, hätten die Redaktionen sie geprüft, und vor allem: „Die Wirklichkeit ist schrecklich genug, da muss man nichts manipulieren.“

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