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The Baseballs Kribbeliges gegen Kalorien

 ·  Animationen wie im Club Méditerranée: The Baseballs im Amphitheater Hanau.

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Als sich das deutsche Publikum in den fünfziger Jahren Hals über Kopf in den frisch aus Amerika importierten Rock’n’Roll stürzte, zerlegte es vor ungestümem Enthusiasmus noch ganze Konzertsäle in Einzelteile. Doch wo einst ungezügelte Leidenschaft herrschte, gelten inzwischen längst ganz andere Gepflogenheiten.

Auch das Vokaltrio The Baseballs, dem nun die Ehre zuteilwurde, die diesjährige Freiluftsaison im Hanauer Amphitheater zu eröffnen, bildet da keine Ausnahme. Anstatt für Tumulte und Randale zu sorgen, unterwirft sich das Auditorium, um sich domestizieren zu lassen. Zwischen künstlich auf Petticoat-Nostalgie geeichten Tages-Hits der Gegenwart gilt es, ein straffes Kalorienabbaupensum zu absolvieren. Animationen wie im Club Méditerranée sind zu beobachten: Arme senkrecht in die Höhe, kess die Hüften kreisen lassen, mit Schmackes in die Hocke und dann noch fehlerfrei „Hit The Road Jack“ skandieren.

Unterhaltungswert

Untätig bleiben die mit üppigen Koteletten, penibel aufgetürmten Haartollen, hautengen Röhrenjeans und aufgeknöpften Karohemden auf halbstark getrimmten attraktiven Endzwanziger auf der Bühne derweil nicht. Im Reißverschlussverfahren, aber auch im Duett oder im Trio drängeln sich die Kunstfiguren Sam, Digger und Basti um antik anmutende Kondensatormikrofone ins Rampenlicht und fragen neugierig: „Spürt ihr das Kribbeln?“

Für authentisches Fifties-Feeling sorgen identisch gekleidete Begleiter an Gitarre, Stehbass, Schlagzeug und Piano. Zu synchron choreographierten Elvis-Presley-Posen zimmert das Triumvirat, das sich mit seinem Debüt „Strike!“ vor zwei Jahren in halb Europa auf den vorderen Chartplätzen tummeln konnte, aus Blackstreets Soulhymne „No Diggity“ einen Muntermacher im Rockabilly-Stil. Im gleichen flotten Schnittmuster folgen Robbie Williams’ „Angels“, Meredith Brooks’ „Bitch“ und Scissor Sisters’ „I Don’t Feel Like Dancin’“.

Echten Fünfziger-Jahre-Veteranen mag das ohnehin von Dick Brave & The Backbeats abgekupferte Konzept als Spektakel erscheinen, das sich in Klischees und Halbwissen erschöpft. Allerdings lässt sich Sven Budja alias Sam aus Reutlingen, Rüdiger Brans alias Digger aus Rheine und Sebastian Raetzel alias Basti aus Magdeburg, die sich angeblich in der Gemeinschaftsküche eines Proberaumkomplexes in Berlin kennenlernten, eine gehörige Portion Unterhaltungswert nicht absprechen. Schließlich gelingt es dem Trio, selbst aus affigem Ausgangsmaterial wie „Quit Playing Games With My Heart“ von den Backstreet Boys oder aus 50Cents notorischem „Candy Shop“ reinrassigen Rock’n’Roll zu filtern. Nahtlos in die massenkompatible Formel fügt sich Selbstkomponiertes wie das a cappella gesungene „Hard Not To Cry“ ein. Lady Gagas „Born This Way“ zum Finale wirkt denn auch wie weit mehr als nur ein Lippenbekenntnis.

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Von Matthias Alexander

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