Das Geheimnis heißt Spinat. „Viel Spinat“, wie die kubanische Sängerin Siomara Valdés mit verschwörerischem Lächeln sagt. Den äßen ihre singenden und tanzenden Kollegen zeitlebens und hätten sich damit bis ins hohe Alter beeindruckende Fitness und Gelenkigkeit bewahrt. Spinat wird nun aber nicht unbedingt in Bars gereicht und stand gewiss auch im legendären „Buena Vista Social Club“ in Havanna nicht auf der Karte, weshalb der britische Regisseur und Produzent Toby Gough lieber Musik, Tanz, Tabak und Rum als Geheimnisse eines guten und langen Lebens preist und dabei auf die „Grandfathers of Cuban Music“ und damit die Stars seiner Erfolgsshow „The Bar at Buena Vista“ verweisen kann.
Welches Lebenselixier den 93 Jahre alten Sänger Reynaldo Creagh, den 85 Jahre zählenden Pianisten Guillermo „Rubalcaba“ Gonzáles, den achtzigjährigen Rumba-Tänzer Luis Chacon „Aspirina“ Mendive, den 73 Jahre alten Sänger Julio Alberto Fernández oder die nur ein Jahr jüngere Diva Siomara Valdés tatsächlich antreibt, noch immer viele Wochen im Jahr um die Welt zu reisen, Bühnen zu erklimmen und das Publikum zu unterhalten, wissen wohl nur sie selbst. Vielleicht ist es der Gedanke, den Lauf der Zeit an diesen Abenden zurückdrehen zu können und eine Vergangenheit lebendig werden zu lassen, die ihre Jugend war. Gewiss ist es aber die Liebe zur Musik, die - zumindest nach ihrer Meinung - nie mehr so gut war wie im Kuba der vierziger und fünfziger Jahre.
„Er ist das heimliche Zentrum“
Damals war die Welt zu Gast in Havanna, tanzte zu kubanischen Rhythmen wie Rumba, Cha-Cha-Cha und Son. In der Show werden diese Tänze noch immer aufs beeindruckendste dargeboten, schließlich ist in Eric Turro einer der besten und elegantesten Son-Tänzer und -Lehrer überhaupt mit von der Partie, doch abseits der professionellen Aufführung spielen sie in der Karibik keine Rolle mehr. Dort wird zu Salsa, Timba und Reggaeton getanzt, Stilen immerhin, die „alle ihre Wurzeln in Kuba haben“, wie Siomara Valdés mit einigem Stolz sagt.
Die resolute Sängerin, die einst zum legendären Cuarteto Las D’Aida gehörte, wird sicher selbst noch auf der Bahre das Hohelied des Son singen, doch ob dies auch für die Show „The Bar at Buena Vista“ gilt, ist ungewiss. Regisseur Gough, der mit weiteren Showproduktionen wie „Lady Salsa“ ebenfalls kubanisches Lebensgefühl auf die Bühnen zu bringen verstand, weiß um die Endlichkeit gerade dieses Projekts. „Sollte Reynaldo Creagh nicht mehr sein, wird es die Show nicht mehr geben“, sagt Gough. „Er ist das heimliche Zentrum“, lobt der Regisseur seinen ältesten Star, der noch immer den Hüftschwung beherrscht und sich eine kräftige Singstimme bewahrt hat. Von einer anderen zentralen Figur der Show hatte sich Gough schon vor Jahren verabschieden müssen. Es war Arturo Lucas, der Original-Barkeeper des „Buena Vista Social Club“, der als Erzähler zwischen den Musik- und Tanzeinlagen wirkte und mit Anekdoten an jene Zeit erinnerte, als Havanna das Las Vegas der Karibik war.
Gedanken an das gute Leben
Nach Lucas’ Tod und der schweren Erkrankung seines Nachfolgers hat Gough selbst nun die Rolle des Conferenciers und Erzählers übernommen. „Ich hätte einen Schauspieler suchen können, der Englisch und Spanisch spricht, der sich in die ganzen Geschichten einliest, um dann doch nur meinen Text aufzusagen. Dann kann ich es auch selbst machen“, erzählt Gough, der auf der aktuellen Frühjahrstour, die Anfang März in Wien startete, auf der Bühne zu sehen ist: zigarrerauchend, ein Glas Rum trinkend, Geschichten erzählend und immer noch staunend, während die Band aufspielt und die Tänzer durch die Gegend wirbeln. Dann denkt er an das gute Leben.