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Tenor Alfred Kim Pendler zwischen den Welten

10.01.2012 ·  Er mag Mahler, singt aber Verdi und Puccini: Alfred Kim ist als Tenor in Frankfurt und im Ausland gefragt.

Von Florian Balke
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Dass Berufsverkehr Stress bedeutet, kennt Alfred Kim aus seiner Heimatstadt Seoul. Da, sagt der koreanische Tenor, seien die Staus eine glatte Katastrophe. Frankfurt, die kleine Großstadt, kann seiner Meinung nach mit der koreanischen Metropole aber oft recht gut mithalten. Den Beweis erbringt sie ihm regelmäßig dann, wenn er mit dem Auto zur Arbeit fährt. Kim wohnt mit seiner Frau und seinen beiden kleinen Kindern seit vielen Jahren in Wiesbaden, gehört seit Herbst 2009 aber dem Ensemble der Oper Frankfurt an. Seit er ein Jahr zuvor, damals noch als Gastsänger, seine Teilnahme an einer Orchesterbühnenprobe absagen musste, weil er am Messegelände zwei Stunden lang einfach nicht vorwärtskam, weiß er, dass Frankfurter Staus trickreich umgangen sein wollen. „Ich versuche es mit verschiedenen Routen.“ Nach den Proben geht es für ihn dann so schnell wie möglich nach Wiesbaden zurück.

An den Rhein und den Main ist Kim vor einigen Jahren seiner Frau gefolgt, die ebenfalls eine Gesangsausbildung gemacht hatte und deren Lebensmittelpunkt damals in Mainz lag. Dabei hatte er seine erste längere Bekanntschaft mit Europa und Auslandsaufenthalten fern der asiatischen Heimat in Turin gemacht. Dorthin hatte die Leitung des Teatro Regio ihn engagiert, nachdem er 1998 den angesehenen Musikwettbewerb der ARD gewonnen hatte. Damals war er Mitte zwanzig. Geboren wurde er 1973 in Seoul, wo er auch zur Schule ging. Obwohl seine Mutter Klavier spielte, wurde in seinem Elternhaus nicht gesungen. Als Kim 16 Jahre alt war und eine Aufnahme von „Nessun dorma“ mit Placido Domingo hörte, dachte er sich trotzdem: „Ich kann so was auch singen.“

Zu Kims Repertoire zählen vor allem die Tenorpartien der italienischen Oper

Bis dahin hatte er vorgehabt, Medizin zu studieren und Arzt zu werden. Den Eltern waren die unvermuteten künstlerischen Flausen des Sohnes unheimlich. Plötzlich hatte er ein ihnen fremdes Ziel, also waren sie zunächst einmal dagegen. „Das ist unsere Kultur“, sagt Kim. „Die alte Generation war ganz starr.“ Er hingegen nahm sich vor, die Sache mit dem Singen einfach zu versuchen. Inzwischen, fügt er hinzu, zählten seine Eltern zu seinen größten Fans - und zu seinen schärfsten Kritikern. Wenn er sich in ihrer Gegenwart eine Intonationsschwäche erlaube, werde er von ihnen garantiert auf sie hingewiesen.

Zu Kims Repertoire zählen vor allem die Tenorpartien der italienischen Oper. In Frankfurt kennt man ihn als Carlo in Verdis „Räubern“, Ismaele in „Nabucco“ und Alfredo in „La Traviata“, aber auch als Offenbachs Hoffmann, eine Partie, die ihm viel bedeutet: „Ich mag ihn sehr. Lyrisch, jugendlich, heldisch, da ist alles dabei.“ Gesungen hat er in Frankfurt aber auch den Rodolfo in Puccinis „La Bohème“, als Cavaradossi ist er derzeit in der Wiederaufnahme von Andreas Kriegenburgs Inszenierung der „Tosca“ zu hören. Von Ende Januar an geht es für Kim dann auf eine Gastspielreise ins Ausland. Frankfurts Intendant Bernd Loebe gewähre seinen Sängern zur Pflege des Ensembles oft die Möglichkeit, sich durch Einsätze an anderen Häusern weiterzuentwickeln. Ende Januar singt Kim in Toulouse den Manrico in „Il Trovatore“, den er auch schon in Rio de Janeiro und Barcelona sowie an der Metropolitan Opera gegeben hat. Im März und April geht es für einige Aufführungen von „Nixon in China“ nach Paris, ehe die Spielzeit mit Bizets Don José in Santiago de Chile zu Ende geht. Im Herbst folgen dann zwei neue Verdi-Partien, zunächst der Alvaro aus „La forza del destino“ in Barcelona, anschließend in Basel der Riccardo aus „Un ballo in maschera“.

In drei Jahren den ersten Strauss

Obwohl Kim beim Einstudieren neuer Rollen gerne Aufnahmen Luciano Pavarottis und seiner perfekten Technik hört, umfasst sein Musikgeschmack mehr als die italienischen Partien, für die er so oft gebucht wird. Gerne würde er Mahler singen, dessen Lieder er bei Konzertauftritten in Korea und in Japan schon im Programm hatte, ebenso wie die von Richard Strauss. Leider, sagt er, komme augenblicklich niemand auf die Idee, ihm das „Lied von der Erde“ oder Mahlers achte Sinfonie anzubieten, deren Tenorpartien er gut singen könne. „Ich bin ein Verdi-Tenor, so ist das Vorurteil.“

Weil das so ist, hat man ihn für die Titelpartie in Verdis „Don Carlo“ in den vergangenen Jahren auch an das Royal Opera House in London, nach Oslo und an die Wiener Staatsoper gerufen. In drei Jahren jedoch, das steht schon im Terminplan, wird Kim seinen ersten Strauss auf der Opernbühne singen, den Apollon in „Daphne“, ein erster Ausflug ins deutsche Repertoire. Für die Zukunft könnte er sich auch Wagner vorstellen. „Lohengrin, Stolzing, Parsifal - solchen Wagner kann ich machen.“ Deutsch hat Kim, nach drei Jahren in der Schule, ohnehin auf der Bühne gelernt. Und er hat sich entwickelt, seit er während seines Engagements in Kassel zu Beginn des Jahrtausends in eine Stimmkrise geriet, die er nur durch abermaliges Gesangsstudium in den Griff bekam. Am Staatstheater Wiesbaden, dessen Ensemble er vor dem Wechsel nach Frankfurt angehörte, hatte die Stimme wieder ein sicheres Fundament.

Mit koreanischem Vornamen keinen Erfolg?

Kim lebt gerne in Wiesbaden, wo der Rheingau nahe ist. In Frankfurt, der Arbeitsstadt, hat er den Apfelwein noch nicht probiert, mit dem Rheingauer Riesling hingegen hat er in den vergangenen Jahren gute Bekanntschaft geschlossen. Als er nach Europa kam, sei ihm alles wie ein einziges unterschiedsloses Ausland vorgekommen. Inzwischen erkenne er nicht nur die Unterschiede, mittlerweile lebe es sich für ihn in Deutschland auch sehr viel leichter. „Manchmal bin ich woanders ganz enttäuscht.“

Zu Hause in Korea gibt Kim noch immer mehrere Konzerte im Jahr. Das Land, in dem die westliche klassische Musik als importierte Kunst erst Mitte der sechziger Jahre eine nennenswerte Rolle zu spielen begann, hat sich in den vergangenen Jahrzehnten rapide verändert. Heute, sagt Kim, gebe es allein in Seoul drei Opernhäuser, ein staatliches, ein städtisches und ein privates. Inzwischen habe das Land zudem mehr als 100 Sinfonieorchester, auch wenn nur drei von ihnen wirklich gut seien. Koreanische Sänger hingegen würden im Ausland mittlerweile gerne engagiert.

Trotzdem, berichtet er, habe ihm einer seiner Lehrer prophezeit, mit einem koreanischen Vornamen werde er im Ausland keinen Erfolg haben. Also nannte er sich nach seiner ersten Rolle, dem Alfred aus der „Fledermaus“. Sein eigentlicher Vorname ist Jae-Hyoung, der sich aus den chinesischen Zeichen für „Waage“ und „tragen“ zusammensetzt und in Kombination mit seinem Nachnamen - Kim heißt „Gold“ - einen Satz ergibt: Gold tragen auf der Waage. Leider habe er das bislang nicht geschafft. „Ich habe kein Gold.“ In seiner Freizeit hört er allerdings koreanischen Pop, komponiert selbst und hat schon drei Songs verkauft. Vielleicht wird es mit dem Gold ja doch noch etwas.

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Jahrgang 1972, Kulturredakteur in der Rhein-Main-Zeitung.

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