Als sich Jannis Kahlke an den linken Oberschenkel fasste und daraufhin seinem Gegner ein Zeichen gab, war auch die letzte deutsche Tennishoffnung dahin. Ende, aus, vorbei, der Hesse konnte nicht mehr laufen und musste sein Achtelfinalspiel beim Offenbacher ITF-Weltranglistenturnier der Jugend vorzeitig beenden. Vor einigen Wochen hatte er einen Muskelfaserriss erlitten, beim Spiel gegen Herkko Pollanen traten am Donnerstag die alten Beschwerden aufs Neue auf. „Es wäre heute sicher etwas für mich drin gewesen“, sagte Kahlke, nachdem er gegen den an Position zwei gesetzten Finnen, den er von gemeinsamen Übungseinheiten gut kennt, beim Stand von 3:5 aufgegeben hatte. Weil auf dem benachbarten Platz auf der Rosenhöhe fast gleichzeitig der Bielefelder Kevin Kaczynski verlor, wird das Offenbacher Nachwuchsturnier ohne deutsche Beteiligung zu Ende gehen: zum Leidwesen von Bundestrainer Peter Pfannkoch, der im Deutschen Tennis-Bund (DTB) für die männliche Jugend zuständig ist. Siebzehn DTB-Junioren in der ersten Runde gescheitert, zwei in der zweiten und die letzten beiden in der dritten - „das ist unterm Strich zu wenig“, sagte Pfannkoch.
Zufrieden war der Bundestrainer einzig mit jenem Spieler, der in den vergangenen Saisonmonaten noch nicht hatte überzeugen können. „Für Jannis Kahlke war es wichtig, dass er bei so einem Turnier einen Achtungserfolg errungen hat, damit er Selbstvertrauen gewinnt“, sagte Pfannkoch über die Auftritte des gebürtigen Marburgers. „Vor allem in seinem schwierigen Auftaktspiel hat er seine Emotionen gut im Griff gehabt.“ In der ersten Runde hatte Kahlke den ersten Satz 3:6 verloren, doch statt zu hadern, fokussierte er sich auf das Fortkommen. Er gab kaum noch Spiele ab, gewann letztlich locker in drei Sätzen und setzte sich auch in der zweiten Runde glatt durch. „Nach meinem Erstrundensieg konnte ich befreit aufspielen“, sagte Jannis Kahlke, der in Offenbach zu den ältesten Teilnehmer gehörte - aber nicht nur deshalb mit einer großen Bürde auf die Rosenhöhe gekommen war.
Bald kommen nur noch die gestandenen Profis
Bevor der 117. der Junioren-Weltrangliste zum vierten Mal beim Offenbacher ITF-Turnier antrat, hatte er nicht nur eine Garnitur Schläger im Gepäck, sondern wurde auch von Zweifeln begleitet. Dreimal war er zuvor gleich in der ersten Runde gescheitert. „Zweimal hatte ich starke Gegner, einmal war mein Spiel eine Katastrophe“, sagte Kahlke. Dass er zu Beginn dieses Jahres sang- und klanglos in der ersten Runde des Junioren-Wettbewerbs der Australian Open ausgeschieden war, lastete zusätzlich auf ihm. Und auch Bundestrainer Pfannkoch bemerkte in Offenbach: „Ein paar Ergebnisse hätte man sich von Jannis schon früher gewünscht.“ Vor allem, seit der Teenager seine mittelhessische Heimat hinter sich gelassen hat und zum Wahl-Rheinländer wurde.
Vor knapp zwei Jahren zog Jannis Kahlke fort, weil ihm die ständige Pendelei zwischen seinem Wohnort Marburg und dem hessischen Leistungszentrum in Offenbach zu viel wurde. Die mittlere Reife in der Tasche, wechselte er nach Köln zur Tennisakademie des früheren deutschen Profis Marc-Kevin Goellner. „Dort werde ich professionell betreut“, sagte Kahlke, der seine große Leidenschaft entdeckte, nachdem ihm die Patentante zum fünften Geburtstag einen Tennisschläger geschenkt hatte. In Goellners MKG-Akademie stehen für ihn morgens um acht Uhr die ersten Sprintübungen auf dem Programm, danach bis zu drei Stunden Tennistraining, am Abend folgen Konditionseinheiten. Nebenbei spielt Kahlke für den Kölner Regionalligaklub Stadion Rot-Weiss - seine bisherige Saisonbilanz ist mit 3:1 Siegen positiv - und versucht, sein Fernabitur zu machen.
Seine Jugendzeit wird der Teenager, der seit genau einer Woche volljährig ist, in drei Monaten endgültig hinter sich lassen. Noch ein Nachwuchsturnier in Berlin sowie die Junioren-Konkurrenz der US Open in New York, dann misst sich Jannis Kahlke nur noch mit gestandenen Tennisprofis. Bei drittklassigen Future-Turnieren tritt er schon seit einiger Zeit an, um Weltranglistenpunkte zu sammeln. Derzeit steht der Linkshänder auf Platz 1615, aber das soll noch nicht das Ende sein. Auch Pfannkoch erwartet von seinen Talenten, dass sie den Übergang in den Profizirkus ernst nehmen. Nicht die in der Juniorenzeit erworbenen Meriten zählten, so der Bundestrainer, „sondern die Folgeleistung. Sie müssen an ihren Stärken und Schwächen arbeiten, dann sind die Ressourcen gut eingesetzt.“ Nach seiner Genesung wartet auf Jannis Kahlke noch viel Arbeit.