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Tennis-Profi Rainer Schüttler im Gespräch „Auf dem Platz dreht man leicht durch“

 ·  Rainer Schüttler ist neuerdings entspannt. Nach dem Ende seiner Tenniskarriere hat der 36-Jährige das ATP-Turnier in Düsseldorf gekauft. Der Hesse spricht über seinen Dickkopf, seinen Geschäftspartner Tiriac und seine gescheiterte Bewerbung als Davis-Cup-Kapitän.

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Im Oktober haben Sie Ihren Rücktritt als Tennisprofi erklärt. Nehmen Sie den Schläger überhaupt noch in die Hand?

Beim Londoner ATP World Tour Finale im November habe ich mit Janko Tipsarevic noch ein bisschen gespielt. Aber ehrlich gesagt, vermisse ich das Tennisspielen gar nicht. Es war eine schöne Zeit, aber jetzt ist man in einem anderen Trott. Es ist entspannter, zu Hause zu sein und zwischendurch ein Fitnessprogramm einzubauen.

17 Profijahre lang standen Sie fast unermüdlich auf dem Tennisplatz. Wie geht’s Ihrem Körper heute?

Eins a. Ich hatte in meiner Karriere Glück: einmal eine Knieoperation, einmal Pfeiffersches Drüsenfieber.

Wie haben Sie gemerkt, dass es Zeit ist aufzuhören?

Das war ein schleichender Prozess. Für mich war Tennis mein Leben, ich habe es genossen, auch wenn ich auf dem Platz mal durchgedreht bin oder geschimpft habe. Es war für mich mehr Spaß, so lange zu spielen. Ich habe mir immer Ziele gesetzt: Erst habe ich gesagt, ich höre mit 30 auf. Dann wollte ich 2008 bei den Olympischen Spielen in Peking aufhören, habe dann aber kurz davor in Wimbledon das Halbfinale erreicht und mir gedacht, es wäre ja blöd, wenn du jetzt Schluss machst. Dann habe ich mir vorgenommen, mit 35 aufzuhören, dann haben mein Trainer Dirk Hordorff und ich bis Olympia in London geplant. Doch im Herbst 2011 verletzte ich mich beim Turnier in Bangkok an den Adduktoren, dann noch einmal kurz darauf in Tokio. Da war für mich der Punkt erreicht, an dem ich gefragt habe: zweimal Adduktoren an der gleichen Stelle. Olympia ist weg, habe ich noch genug Motivation, oder wird es jetzt Zeit aufzuhören? Im Winter habe ich vier Wochen lang die komplette Saisonvorbereitung mitgemacht, ich war topfit, habe aber nie gespürt, dass ich noch mal Vollgas geben will. In der Qualifikation bei den Australian Open habe ich gegen den Russen Alexander Kudrjawtsew 6:8 im dritten Satz verloren und meinen Schläger einem Kind gegeben. Auf dem Heimflug von Melbourne war für mich im Kopf klar, das war’s. Ich habe noch etwas abgewartet, ob ich noch mal einen Rappel bekomme. Irgendwann war der Zug aber endgültig abgefahren.

Waren Sie das Reisen leid? Jetzt leben Sie nicht mehr ständig aus dem Koffer, haben in der Nähe von Zürich einen festen Wohnsitz.

Es ist schön, den Kleiderschrank aufzumachen und zu schauen, was ziehe ich heute an, anstatt aus der Tasche zu leben und immer die gleichen T-Shirts zu tragen. Aber das Reisen hat mir immer Spaß gemacht und mir viel gegeben, weil ich unheimlich viele Freunde in aller Welt kennengelernt habe. Wenn ich jetzt reise, dann ist es stressiger als früher, als ich bei Turnieren eine Woche am selben Ort war. Ich reise zwei, drei Tage irgendwohin und wieder zurück oder gar morgens hin und abends zurück.

Eine Turnierreise verlief für Sie besonders erfolgreich: 2003 erreichten Sie bei den Australian Open das Finale, verloren dort gegen Andre Agassi. Was das der Höhepunkt Ihrer Karriere?

Das war eines der Highlights. Ein unglaubliches Turnier für mich war auch Doha 1999, als ich vier Top-20-Spieler und drei Top-10-Spieler wie aus dem Nichts geschlagen habe. Das war ziemlich genial für mich. Das Wimbledon-Halbfinale 2008 gehört auch zu den Höhepunkten, auch die Silbermedaille bei den Olympischen Spielen 2004. Das Finale in Athen war mein schlimmstes und schönstes Match überhaupt. Ich habe mich nach einem Spiel noch nie so todtraurig gefühlt wie nach dem verlorenen Doppel mit Nicolas Kiefer. Aber im Nachhinein habe ich realisiert, dass es eine Mega-Sache war.

Auffällig ist, dass viele Tennisherren auch jenseits der dreißig noch erfolgreich sind, während junge Talente das Nachsehen haben. Wie schafft die Ü30 so ein Pensum?

Generell hat sich die Karrierezeit nach hinten verschoben. Sehr früh sehr hoch zu kommen wie einst Michael Chang, das ist heute fast unmöglich, das müsste schon ein extremer Ausnahmespieler sein. Die Dichte ist stark geworden, viele Leute können richtig gut spielen. Ich habe letztes Jahr gegen Konkurrenten verloren, deren Namen ich nie gehört hatte. Und die guten Spieler heute sind fitter, sie haben ein professionelles Team um sich, sie reisen mittlerweile alle mit einem Physiotherapeuten, der sich auch ums Konditionstraining kümmert. Da geht es nur darum, den Körper auf die Belastungen vorzubereiten und Verletzungen vorzubeugen. Übertrieben gesagt: Früher hat man gespielt und ist abends an die Bar und am nächsten Morgen wieder auf den Platz, ohne sich warm zu machen. Mittlerweile ist jeder viel professioneller geworden. Ich habe schon zwischen 16 und 18 Jahren nichts anderes gemacht, als meine tiefe Muskulatur zu stärken. Weil ich behutsam aufgebaut worden bin, bin ich auch relativ gut durchgekommen. Ich habe viel meinem Freund und Berater Dirk Hordorff zu verdanken, der damals schon viel Erfahrung hatte.

Und trotzdem haben Sie ihn als Trainer oft beschimpft. Haben Sie sich immer wiedererkannt, nachdem Sie Ihre Wutausbrüche später im Fernsehen erlebt haben?

Es gab den einen oder anderen Anruf meiner Eltern, die gefragt haben: Was hast du dir da wieder geleistet? Ich weiß nicht, warum, aber auf dem Platz fällt es leicht, durchzudrehen. Draußen bin ich eigentlich entspannt, aber wenn ein Ball ins Spiel kommt, wird’s gefährlich. Ich habe auch sechs, sieben Jahre viel mit einem Mentaltrainer gearbeitet - auch wenn man es vielleicht nicht gesehen hat (lacht). Einmal habe ich sogar zwei Monate lang nichts gesagt auf dem Platz. Aber da hat mir das Spielen keinen Spaß gemacht, selbst dann nicht, wenn ich gewonnen hatte. Also habe ich mir gesagt: Ich möchte Tennis leben, ich möchte mich freuen, ich möchte fluchen, ich möchte so sein, wie ich mich fühle. Im Nachhinein könnte man sagen, etwas weniger negative Energie wäre besser gewesen.

Gibt es irgendetwas in Ihrer langen Karriere, das Sie lieber anders gemacht hätten?

Es wäre schlimm, wenn man nach 17 Jahren hier sitzen würde und sagen, ich habe keine Fehler gemacht. Da gibt es ein, zwei Kleinigkeiten, bei denen ich nicht auf Dirk gehört habe, sondern meinen Kopf durchsetzen musste. Nach meiner Knieoperation im Dezember 2004 wollte ich kurz danach unbedingt zu den Australian Open. Das war ein Fehler, ich hätte ein, zwei Monate aussetzen sollen, bis ich fit gewesen wäre. Stattdessen habe ich mich von Niederlage zu Niederlage geschleppt und das Selbstvertrauen verloren, das war eine Spirale nach unten. Das gleiche passierte, nachdem ich am Pfeifferschen Drüsenfieber erkrankt war. Auch da habe ich meinem Körper nicht genug Zeit gegeben, um sich zu erholen. Was ich mir nie vorwerfen konnte, war fehlende Disziplin. Mein hartes Training war immer ein wichtiger Baustein. Ich glaube, jeder, der in der Weltrangliste oben steht, trainiert hart - auch Roger Federer, der toll spielt. Ich habe von Trainingskollegen Federers gehört, die haben gesagt: Ich bin nach drei Tagen tot. Novak Djokovic ist noch einen Schritt weiter gegangen: Der hat alle Facetten, die es gibt, zu hundert Prozent unter Kontrolle.

Und woran hapert es im deutschen Herrentennis?

Das deutsche Tennis ist nicht schlecht: Wenn man die Grand Slams anschaut, haben wir bis zu zehn Spieler im Hauptfeld. Uns fehlt ein Top-10-Spieler bei den Herren. Man ist durch Becker, Graf und Stich sehr verwöhnt. Dann kamen Tommy, Nicolas Kiefer und ich als Top-Ten-Spieler. Wenn jetzt also ein junger Profi käme, durchstarten und in der Öffentlichkeit für Wirbel sorgen würde, dann bekämen die Deutschen wieder mehr Lust am Tennis.

Sie hätten Ihren Teil zu einem möglichen Aufschwung beitragen wollen. Wie liefen die Gespräche mit dem Deutschen Tennis Bund (DTB), als Sie zu den Nachfolgekandidaten des vorherigen Davis-Cup-Kapitäns Patrik Kühnen gehörten?

Ich habe mit Charly Steeb gesprochen, meine Vorstellungen dargelegt und gesagt, wenn der DTB Interesse hat, bin ich jederzeit bereit für weitere Gespräche. Sie könnten gerne auf mich zukommen.

Eine Zeitlang passierte nichts. Dann wurde Carsten Arriens zum neuen Davis-Cup-Teamchef bestimmt.

DTB-Sportdirektor Klaus Eberhard hat mich angerufen und mir die Entscheidung mitgeteilt. Carsten ist ein guter Coach. Ich habe mit ihm 2011 bei den Australien Open gearbeitet. Ich bin mir sicher, dass er ein guter Davis-Cup-Kapitän sein wird.

Wie sehr war Ihnen an dem Posten gelegen?

Es war schon etwas befremdlich für mich, dass der DTB überhaupt keine ernsthaften Gespräche mit mir geführt hat. Aber ich beschäftige mich hauptsächlich mit meinem Engagement in Düsseldorf, wo ich mit Ion Tiriac die Lizenz für ein ATP-Turnier übernommen habe. Dort versuche ich, mich schnell und so gut wie möglich einzuarbeiten. Das macht unheimlich viel Spaß, nimmt aber auch viel Zeit in Anspruch.

Ihr Geschäftspartner Tiriac hat 2012 eine neue Farbe in sein Madrider Turnier gebracht. Wird nächstes Frühjahr auch in Düsseldorf auf blauem Sand gespielt?

Ich muss zugeben, dass ich die Idee genial fand. Wenn man den blauen Sand im Fernsehen gesehen hat, sah es cool aus. Ich weiß nicht, woran es gelegen hat, dass es den Spielern zu rutschig gewesen sein soll. Ob es am Untergrund lag oder am ursprünglich roten Sand, der entfärbt werden musste und dann wieder blau eingefärbt? Im nächsten Jahr wird es wohl wieder der gewohnte rote Sand werden.

Wie ist es, mit Tiriac als Impresario zusammenzuarbeiten?

Es ist für mich ein perfekter Übergang vom Spielen ins Leben danach. Tiriac ist ein unglaublich charismatischer Mann. Was er alles geleistet hat fürs Tennis und im Geschäftsleben, ist beeindruckend. Um etwas Tolles aufzubauen, gibt es keinen besseren Lehrmeister als Tiriac. Es ging relativ schnell, bis wir die Lizenz gekauft hatten. Ich kannte die Probleme, in denen der World Team Cup steckte, wollte das Turnier aber unbedingt in Deutschland lassen und in Düsseldorf, weil ich dort als Botschafter seit 2003 verankert bin. Für das deutsche Tennis wäre es schlimm, wenn wir noch ein Turnier verlieren würde. Jetzt stecke ich mit Tiriac und Dietloff von Arnim (Turnierdirektor in Düsseldorf) mittendrin und versuche alles aufzusaugen. Ich bekomme viele Bruchstücke mit, aber bis sich das Puzzle für mich zusammensetzt, dauert es noch eine gewisse Zeit.

Wenn das Düsseldorfer Turnier ein Erfolg wird, würde wohl jeder sagen, es wäre Tiriacs Verdienst. Stört es Sie, dass Ihr Name womöglich nur im Kleingedruckten erscheint?

Wenn ich Tiriacs und meine Erfahrung sehe, kann ich mir nicht anmaßen, dass ich das Turnier auf die Beine gestellt hätte. Ich versuche, so viel wie möglich einzubringen aus der Perspektive eines ehemaligen Tennisprofis. Natürlich ist unser Ziel, dass jeder sagt: Hier gibt es nicht nur Tennis, sondern es ist auch ein cooles Event.

Das Gespräch führten Thomas Klemm und Peter Penders.

Quelle: F.A.S.
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