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Veröffentlicht: 07.08.2015, 12:56 Uhr

Telefonieren beim Fahren Selbst auf der Autobahn das Handy am Ohr

Der Automobilclub zählt in Hessen, wie viele Fahrer während der Autofahrt telefonieren. Trotz Verbots scheint das zum Alltag auf den Straßen zu gehören. Die Folge: Ablenkung durch das Handy sei immer häufiger die Unfallursache.

von , Frankfurt
© Picture-Alliance Tippfehler: Wer während der Fahrt ohne Freisprechanlage telefoniert oder gar Nachrichten schreibt, handelt grob fahrlässig.

Die linke Hand am Handy, die rechte am Steuer. Das ist Alltag auf deutschen Straßen. Seit die Mehrzahl der Autofahrer ein Smartphone hat, wird ohne Rücksicht während des Fahrens telefoniert. Nicht über eine Freisprechanlage, mit der es erlaubt ist, sondern mit dem Handy in der Hand. Auch E-Mails oder SMS-Botschaften werden während der Fahrt gerne verfasst.

Hans Riebsamen Folgen:

Es gibt sogar Leute, die ihren Wagen steuern und gleichzeitig ihr Tablet benutzen, das vor ihnen auf dem Steuer liegt. Viermal hat Uwe Völker, der Regionalbeauftragte für Hessen des Auto Clubs Europa, das während der vergangenen Wochen erlebt. Völker und andere Funktionäre des Automobilclubs zählen seit drei Monaten in Hessen Autofahrer, die verbotenerweise während des Fahrens ihr Handy am Ohr haben oder Botschaften tippen. Die bundesweiten Ergebnisse will der Automobilclub im Herbst veröffentlichen.

Männer telefonieren häufiger am Steuer

Völker stand mit zwei anderen Zählern an der Hanauer Landstraße in Frankfurt. Zwischen 15 und 16 Uhr haben sie 47 telefonierende Fahrer gesehen, davon 40 Männer. Unter jenen, die am Steuer Botschaften tippten, waren die Männer in der Überzahl: Unter den 28 Tippern fanden sich nur sieben Frauen. Bei der ersten Zählung am 3. Juni war das anders gewesen. Damals hatten 16 Frauen und zehn Männer getippt. Beim Telefonieren am Steuer führten aber auch damals die Herren die Statistik an.

Überhaupt wird das Delikt „Handy am Steuer benutzen“ mehrheitlich von Männern begangen, wie Zählungen des Verkehrsclubs in zehn hessischen Städten ergeben haben. Die meisten Vergehen konstatierte Völker übrigens in Gießen, 188 in drei Stunden. Der hessische Durchschnitt liegt zwischen 20 und 30 beobachteten Vergehen pro Stunde.

Ablenkung zum „dramatischen Problem“ geworden

„Telefonieren am Steuer ist gefährlich“, warnt Völker. Wer bei Tempo 50 zwei Sekunden auf ein Display schaue, fahre knapp 30 Meter ohne Sicht. Auf der Autobahn seien es bei 100 Stundenkilometern schon 60 Meter Blindflug. Tatsächlich wird nicht nur im Stop-and-go-Verkehr in der Stadt, sondern auch bei hohen Geschwindigkeiten auf Bundesstraßen und Autobahnen telefoniert. Auf der Fahrt von Kassel nach Frankfurt, hat Völker auf der verengten Fahrbahn einer Autobahnbaustelle einen Fahrer bei Tempo 100 mit Handy am Ohr gesehen.

Zwischen 2008 und 2013 ist die Zahl der Unfälle mit ungeklärter Ursache um mehr als 50 Prozent gestiegen. Im Automobilclub vermutet man, dass ein Grund dafür das Telefonieren während der Fahrt ist. Ablenkung durch das Handy führt oft zu unkontrollierten Fahrvorgängen: Die Wagen fahren in Schlangenlinie, ihre Fahrer bremsen plötzlich unmotiviert ab, andere erkennen das Ende von Staus zu spät und müssen eine Vollbremsung hinlegen. Die Nutzung der Geräte am Steuer sei zu einem dramatischen Problem geworden, urteilte jüngst Sven Rademacher, der Sprecher des Deutschen Verkehrssicherheitsrats. Die Leute ignorierten, dass sie blind unterwegs seien, wenn sie während der Fahrt telefonierten oder auf ihrem Handy Botschaften schrieben.

Mit Bußgeld von 60 Euro geahndet

Verbotene und gefährliche Telefonate am Steuer führen Autofahrer jeden Alters, Geschlechts und Berufs. „Das geht durch alle Gesellschaftsschichten“, hat Völker festgestellt. Freilich sind die Jungen besonders anfällig für dieses Fehlverhalten. 41 Prozent der Achtzehn- bis Neunundzwanzigjährigen nutzen laut einer Forsa-Umfrage von 2014 ihr Handy am Steuer. Faktisch abstinent sind dagegen die Senioren: 98 Prozent von den über Sechzigjährigen gaben an, nie während des Fahrens mit dem Handy am Ohr zu telefonieren.

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„Handy am Ohr“ wird von vielen als Kavaliersdelikt angesehen. Tatsächlich wird es auch kaum verfolgt. Es muss schon einer vor der Nase der Polizei telefonieren, um belangt zu werden. Wie jene Frau, die Völker bei seiner Zählung vor 14 Tagen in Darmstadt beobachtet hat. Als sie bei Rot an einer Kreuzung stand, zückte sie ihr Telefon und begann zu kommunizieren. Als die Ampel auf Grün sprang, fuhr sie an, sprach aber weiter mit ihrem Telefonpartner. Sie bemerkte dabei nicht, dass neben ihr ein Polizeiwagen gestanden hatte. Die Beamten fuhren ihr nach und stoppten ihren Wagen. Sie muss wie andere Delinquenten auch ein Bußgeld von 60 Euro zahlen und erhält einen Punkt in Flensburg. Fahrradfahrer mit Handy am Ohr werden mit 25 Euro Bußgeld belegt, bekommen aber keinen Flensburg-Punkt. Auch der Versicherungsschutz kann im Falle eines Unfalls verlorengehen, denn Telefonieren am Steuer wird als grob fahrlässig eingestuft.

Wer glaubt, er dürfe beim Stehen vor einer Ampel ruhig telefonieren, irrt sich. Handy am Steuer sei nur erlaubt, wenn der Motor des Wagens abgeschaltet sei, hat vor einiger Zeit ein Gericht entschieden. Gestattet ist das Telefonieren allerdings, wenn ein Auto eine Start-Stopp-Automatik hat und der Motor vor einer Ampel damit ausgeschaltet ist.

Freundschaft

Von Hans Riebsamen

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