http://www.faz.net/-gzg-85unr

„Teambuilding“ : Gefangen fürs Betriebsklima

  • -Aktualisiert am

Die Umgebung ist kahl, das schafft Atmosphäre: Escape-Spieler auf dem Weg zu ihren Aufgaben. Bild: Max Kesberger

Wie lässt sich Teamgeist schaffen? Zum Beispiel so: Die Mitarbeiter werden eingesperrt, raus kommen sie nur gemeinsam.

          Die Deutsche Flugsicherung lässt ihre Auszubildenden in einen Raum sperren. Dann haben sie genau eine Stunde Zeit, um zu entkommen. Irgendwo im Zimmer ist der Schlüssel für die Tür versteckt. Aber wo? Einfach alle Ecken und Nischen durchleuchten, das reicht nicht. Wer nach draußen will, muss seinen Kopf anstrengen, logisch denken, versteckte Gegenstände finden, nacheinander Rätsel lösen, aus den Lösungen Schlüsse ziehen. Am besten klappt das, wenn alle zusammenarbeiten, und genau so ist das auch gedacht: Gewinner ist nicht, wer den Schlüssel schneller als sein Kollege findet - als Team sollen sie sich befreien, und am besten auch Spaß dabei haben. Bleibt der Schlüssel verborgen, haben sie es zumindest gemeinsam versucht und sind gemeinsam gescheitert. Und werden so oder so, das ist die Idee, auch dann als Team funktionieren, wenn sie später ihren Job tun und Flugzeuge mit Hunderten Passagieren an Bord vom Boden aus dirigieren.

          Vorbei sind die Zeiten, als nur Computerspieler in virtuellen Welten aus vorgegaukelter Gefangenschaft zu fliehen versuchten. Vom Bildschirm hat es die Idee in die Wirklichkeit geschafft, als „Live Escape Game“; in Europa ist sie über Budapest nach Deutschland gekommen. „Exit Mania“ ist einer von mehreren Anbietern in Frankfurt, der Leute zusammensperrt, die zusammengesperrt werden wollen. Die Räume dafür hat die Firma im Zentrum für Existenzgründungen an der Hanauer Landstraße. Passenderweise sieht das Gebäude von außen aus wie ein Gefängnis, mit grauen, abweisenden Mauern und einer zur Straße hin fensterlosen Fassade. Familien, Paare und Junggesellenabschiede lassen sich im zweiten Stock einsperren, zum Spaß und gegen Geld. Mit Mitarbeitern war, neben der Flugsicherung, die Deutsche Bahn schon da, die Deutsche Bank, die Telekom, auch BMW, zum sogenannten Teambuilding, zur Erzeugung von Gemeinschaftsgefühl.

          Kennt ihr den Horrorfilm „Saw“?

          Großunternehmen kämen oft abteilungsweise, manchmal komme auch nur die Führungsspitze, sagt Neslihan Erdal von „Exit Mania“. Kleinere Firmen brächten gern gleich die komplette Belegschaft mit. Sie wollten wohl verhindern, dass in ihren Büros oder Fabriken Einzelkämpfer nebeneinander arbeiten. Bei Stellenangeboten hat „Teamfähigkeit“ einen Stammplatz auf der Liste geforderter Qualifikationen. Und Firmen finden im Internet die unterschiedlichsten „Teambuilding“-Angebote: einfache Mitarbeiter, aber auch Führungskräfte können auf Flüssen paddeln oder übers Meer segeln („Alle sitzen in einem Boot“). Sie können Panzer fahren, eine Schnitzeljagd mit Smartphone und GPS machen oder mit Armbrust und Lanze gemeinsam Ritter spielen (Abseilen vom Schlossturm gegen Aufpreis).

          „Die Auszubildenden werden ihr gesamtes Leben im Team zubringen“, sagt Oliver Marx. Er ist Sozialpädagoge und bei der Deutschen Flugsicherung für die Betreuung der Auszubildenden zuständig. Die meisten sind angehende Fluglotsen, gemeinsam wohnen sie auf dem Campus in Langen, wo die Flugsicherung ihren Sitz hat. Bei „Exit Mania“ werden sie mit Sekt und Orangensaft begrüßt. Danach ist Schluss mit Alkohol, betrunken darf nicht gespielt werden. „Diese Regel mussten wir irgendwann einführen, nachdem wir am Wochenende zu viele Junggesellenabschiede hatten“, sagt Neslihan Erdals Bruder Harun. Dann fragt er in die Runde: „Kennt ihr ,Saw‘?“ Die meisten kennen die Horrorfilmserie, bei der ein Mörder seine Opfer einsperrt. In grausamen Spielen müssen sie sich befreien. Gelingt es ihnen, verlieren sie Blut und Gliedmaßen; scheitern sie, verlieren sie ihr Leben. Erdal gibt Entwarnung: „Hier wird sich definitiv keiner weh tun.“

          Topmeldungen

          Um diese Grenze dreht sich der Streit: Hinweisschild auf eine Zollstation in Nordirland.

          Was der Deal bedeutet : Der Brexit-Kompromiss bindet die Briten an die EU

          Die Briten hätten sich auf Standards eingelassen, hinter die sie nicht mehr zurück könnten, heißt es in Brüssel. Doch rettet der Kompromiss einen geordneten Brexit? Eine wirtschaftliche Einordnung.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.