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Tanztheater : Pläne für ein Hessisches Staatsballett

Die Staatstheater Wiesbaden und Darmstadt wollen ihre dritte Sparte fusionieren. Von 2014 an soll der Tanz in der Region sich völlig wandeln.

          In genau einem Jahr soll sich der Vorhang heben für ein Hessisches Staatsballett. Die designierten Intendanten Karsten Wiegand (Darmstadt) und Uwe Eric Laufenberg (Wiesbaden) arbeiten derzeit gemeinsam intensiv an einer Zusammenlegung der Ballettsparten ihrer künftigen Häuser. „Etwas Großes“ solle entstehen, so Laufenberg im Gespräch mit dieser Zeitung. Das ist auch personell und finanziell gemeint: „Der künstlerische Etat des Balletts wird so groß sein wie derjenige der Oper in Wiesbaden“, das gebe es sonst nicht in Deutschland. Außerdem solle das Ballett seinen Etat autonom verwalten, was bislang nicht der Fall sei. Derzeit stehen in Wiesbaden 25 und in Darmstadt 16 Tänzer im Ensembleverzeichnis, gemeinsam ergäbe das eine respektable Companie. Wie groß die Zahl der festen Stellen ist, sagte Laufenberg nicht, die Companie soll sich für einzelne Produktionen vergrößern, aber auch kleiner besetzte Stücke zeigen können.

          Eva-Maria Magel

          Kulturredakteurin in der Rhein-Main-Zeitung.

          „Ende Oktober, Anfang November“, so Laufenberg, soll sich die geplante Doppelspitze aus Choreograph und Manager mit ihrem Programm vorstellen. Vor kurzem war bekanntgeworden, dass der Vertrag des derzeitigen Wiesbadener Chefchoreographen Stephan Thoss nicht verlängert wird, schon zuvor hatte die Darmstädter Tanzdirektorin Mei Hong Lin ihren Weggang nach Linz bekanntgegeben.

          Tiefgreifende Veränderung

          Bislang gibt es nur Gerüchte, wer das Staatsballett übernehmen könnte: „Der Choreograph, der kommt, steht in der Traditionslinie des modernen Tanztheaters, obwohl er auch mit den Stilen von Hamburg oder Stuttgart vertraut ist“, verrät Laufenberg nur. Er soll nicht alle Abende gestalten, sondern Partner und Gäste bestimmen: „Das soll so breit aufgestellt sein, dass man sagen darf: Das ist Tanz heute.“

          Nicht nur damit steht der Tanz in der Region vor der tiefgreifendsten Veränderung seit der Abschaffung des Balletts Frankfurt, die nur zu einem Teil durch die heutige Forsythe Company gelindert wurde. Noch vor den hessischen Kollegen hat der designierte Tanzdirektor des Staatstheaters Mainz, Honne Dohrmann, angekündigt, künftig unter der Marke „tanzmainz“ bei gleicher Tänzerzahl mit wechselnden Choreographen zu arbeiten. Dohrmann, der wie der künftige Intendant Markus Müller vom Oldenburgischen Staatstheater kommt, ist Quereinsteiger in der Tanzszene. „Kein klassisches Ballett - aber es wird getanzt“, umschreibt er die künftige Stilrichtung. Dohrmann, der derzeit mit den auch in Frankfurt durch ihre Gastspiele am Mousonturm bekannten Choreographen Guy Weizman, Roni Haver und Sharon Eyal arbeitet, will diesen Stil „nicht grundlegend ändern“. Zeigen will er „Tanz, der sowohl optisch als auch inhaltlich berührt. Dekorativen Tanz wird es mit mir nicht geben.“

          Auch in Wiesbaden und Darmstadt soll es keine Ballette des klassischen Repertoires geben. Es werde, so Laufenberg, eine zeitgenössische „eigene Handschrift“ entstehen. Die gemeinsame Tanzsparte soll an beiden Häusern angesiedelt werden, die dafür jeweils die Infrastruktur vorhalten werden. Die Zusammenlegung sei vor allem Wiegands Idee gewesen, denn er sei mit der knappen Besetzung des Darmstädter Ensembles unzufrieden gewesen. „Diese Sparte ist da wertvoll, wo sie mutig und groß ist, dann strahlt sie aus“, so die gemeinsame Überzeugung. Bei der Fusion gehe es nicht um Einsparungen: „Es wird kein Pfennig gespart.“ Im Gegenteil, so die Spekulation, soll eine renommierte Companie durch Gastspiele Geld einbringen und für bekannte Choreographen attraktiv werden.

          Der Name „Hessisches Staatsballett“ findet auch die Zustimmung des Hessischen Ministeriums für Wissenschaft und Kunst, das laut Laufenberg „sehr glücklich“ ist mit den Plänen der beiden Intendanten. Man wolle sich nicht in die „künstlerische Freiheit“ der Intendanten einmischen, unter die diese Fusionspläne fielen, so ein Sprecher des Ministeriums. Bedenken, dass diese die Tanzszene tiefgreifend oder gar nachteilig verändern könne, gebe es nicht. Auch rechtlich gibt es keine Bedenken: Gedeckt sei das Vorhaben, so das Ministerium, durch einen aus dem Jahr 1979 stammenden Kooperationsvertrag der beiden Theater.

          „Es gibt eine verordnete Kooperation“

          Dieser sieht freilich keine Zusammenlegungen vor, obgleich sie in den vergangenen 40 Jahren von der Politik und vom Rechnungshof immer wieder gewünscht wurden. Seit Darmstadt nach dem Weggang des legendären Gerhard Bohner im Jahr 1975 keine eigene Tanzcompanie mehr hatte, zahlt die Stadt in den Tanz-Etat Wiesbadens und bekommt dafür Austauschgastspiele der dortigen Companie geboten, umgekehrt gastiert das Schauspiel in Wiesbaden. „Es gibt eine verordnete Kooperation, die läuft“, so Laufenberg, „aber ich bin sicher, dass Wiegand und ich das machen, was wir für sinnvoll halten, und dass wir alle profitieren werden.“ Es sei eine „glückliche Konstellation, dass Wiegand, Müller und ich neu anfangen.“

          Den vor allem im Wiesbadener Publikum oft geäußerten Wunsch nach klassischem Repertoire könnten Gastspiele erfüllen, so der künftige Intendant. Ein Vorhaben, das dem Frankfurter Mousonturm entgegenkäme, dessen neuer Intendant Matthias Pees nicht vorhat, die großen Gastspiele in der Jahrhunderthalle wiederaufzunehmen, für die sein Vorvorgänger Dieter Buroch sorgte. Nicht nur Pees blickt interessiert auf das Vorhaben eines Hessen-Balletts. Eine Fusion, so Vertreter der hiesigen Tanzszene mit Blick auf die Theaterlandschaft, habe bislang so gut wie nie künstlerischen Erfolg gezeitigt.

          Quelle: F.A.Z.

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