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Tanzen Tango Argentino - halb Sport, halb Kunst

27.01.2012 ·  Das Spiel zwischen Mann und Frau ist auch ein Spiel mit der Musik. Britta Rossbach und Reinhold Stumpf haben es bis in die Weltspitze geschafft. Sie sind Zweiter bei der WM.

Von Ursula Scheer, Sulzbach
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„Tango, das sind zwei ernste Mienen und vier Beine, die sich amüsieren“, heißt es. Doch wenn Britta Rossbach und Reinhold Stumpf sich mit einer Milonga warm tanzen, steht ihnen das Vergnügen in die Gesichter geschrieben. Nostalgische Musik knistert aus dem CD-Player. Stumpf und Britta Rossbach zirkeln eng umschlungen komplizierte Schrittfolgen auf den Boden. Die Milonga ist die ursprünglichste Form des Tango Argentino, dem sich das Tanzpaar des TSC Rüsselsheim seit 12 Jahren verschrieben hat - und der so ganz anders aussieht als sein europäischer Nachfahre mit den ruckartigen Kopfbewegungen. Die Füße beschreiben geschmeidige Achten, die Beine scheren ineinander - Tango tanzt man miteinander, aber immer auch ein bisschen gegeneinander. Das Bandoneon, die Ziehharmonika der Tangomusiker, schnörkelt Melodiebögen dazu. Für drei Minuten weht ein Hauch Südamerika durch den Bürgersaal im Sulzbacher Gasthaus „Linde“, in dem das Paar trainiert.

Im November des vergangenen Jahres hat es den zweiten Platz auf der Tango-Argentino-Weltmeisterschaft in der tschechischen Stadt Liberec belegt, die der internationale Tanzsportverband (Ido) beim „World Latino and Special Couple Dance Festival“ austrägt. Schon im März steht die nächste WM an, dieses Mal in der Nähe von Lyon, zuvor kleinere Turniere: als Erstes an diesem Samstag der Pforzheimer Goldstadtpokal. Höchste Zeit für die Amateure, statt zweimal - wie in ihrer „Winterpause“ im Dezember - wieder fünfmal in der Woche zu trainieren. Mit einem entspannten Lächeln.

Manchmal lachen wir sogar, wenn uns etwas besonders gut gelingt“

Tango mit Tränen in den Augen, das sei einfach nicht ihr Stil, sagt Rossbach: „Manchmal lachen wir sogar, wenn uns etwas besonders gut gelingt“ - selbst wenn das nicht üblich sei. Ihre schärfsten europäischen Konkurrenten, junge italienische Profis, liebten es besonders melodramatisch. Aus Italien kommen zwar die Ido-Weltmeister, doch der Erfolg gibt auch Reinhold Stumpf und Britta Rossbach recht. Und das, obwohl sie als Paar in den Vierzigern zu den Älteren im Tango-Turniertanz gehören. „Jüngere Paare werden von den Wertungsrichtern bevorzugt“, sagt Stumpf. „Wir nennen das den Windelbonus.“

Bevor der Liederbacher und die Sulzbacherin, die nur auf dem Parkett ein Paar sind, den argentinischen Nationaltanz für sich entdeckten, waren sie ein erfolgreiches Standard- und Lateinpaar. Bis in die Sonderklasse, die höchste Amateurklasse, hatten sie es geschafft und immer wieder mit dem Gedanken gespielt, professionell zu werden. „Doch unsere Existenz auf das Tanzen aufbauen, das wollten wir dann doch nicht“, erzählt Stumpf. Britta Rossbach zog sich nach dreizehn Jahren vom Turniersport zurück. Doch ganz ohne das Tanzen ging es nicht: „Nur ohne Druck und ohne starre Regeln sollte er auskommen.“ Tango Argentino war die Lösung. Über ihn gerät das Paar schnell ins Schwärmen: „Er lebt von der Improvisation, ist organisch und musikalisch.“

Ein Spiel zwischen Mann und Frau und ein Spiel mit der Musik

Tango, das sei halb Sport, halb Kunst: ein Spiel zwischen Mann und Frau und ein Spiel mit der Musik. Um es zu spielen, hätten sie erst einmal mühsam alles vergessen müssen, was sie im klassischen Turniertanz gelernt hatten. Die Neu-Tangueros nahmen ihre ersten Stunden bei Gabriel Sala, dem Tangolehrer des Hessischen Staatstheaters Wiesbaden. Inzwischen reisen sie regelmäßig nach Buenos Aires, um Tanzstunden dort zu nehmen, wo der Tango nicht nur getanzt, sondern gelebt und zelebriert wird: „Tagsüber sind wir im Tanzstudio und jeden Abend in Milongas.“ So heißen die traditionellen Tanzlokale in Argentinien, in denen vom Jugendlichen bis zum Greis jeder das Tanzbein zu Ochos und Ganchos schwingt, wie die Achten und hakenförmigen Beinbewegungen heißen.

Dass es das Paar rasch wieder auf die Bühne drängte, hat einen einfachen Grund: „Ich lächle einfach nicht gerne die Wand an“, sagt Britta Rossbach. Den Anfang machten Showtanzauftritte, die das Hobby der beiden Tänzer bis heute finanzieren. Bald kamen Turnierteilnahmen dazu - und internationale Erfolge. Vier verschiedene Tangoformen muss ein Turnierpaar präsentieren: die historische Milonga, den Tango Vals im Dreivierteltakt, der es Reinhold Stumpf besonders angetan hat, den klassischen Tango Salón und den Neo-Tango. Das ist der Lieblingstanz von Britta Rossbach und die Kür des Paares. Ihre argentinischen Tanzlehrer haben sie choreographiert. Zum treibenden Rhythmus elektrischer Beats geht es durch den Raum, mal kämpferisch, mal Wange an Wange. Stumpf hebt seine Partnerin oder wirbelt sie, ähnlich wie ein Eiskunstläufer, herum, während ihre Füße in den Glitzerschuhen mit zehn Zentimeter Absätzen auf dem Boden schleifen. Atemlos steht das Paar in der Schlusspose.

In der europäischen Tangoszene, die allerdings überschaubar ist, gehören die Hessen zur Spitze. Auf die große Tango-WM in der argentinischen Hauptstadt, die der dortige Tanzsportverband veranstaltet und bei der in jeder Disziplin mehr als 400 Paare teilnehmen, sind sie zu ihrem Bedauern noch nicht gefahren. „Das wäre ein unglaubliches Erlebnis“, sagt Britta Rossbach. Doch das Turnier findet im August statt - genau in der Ferienzeit der zweifachen Mutter und in der Zeit zwischen Turnieren und Showtanzsaison, in der das Tanzpaar es ruhig angehen lässt. Aber wer weiß. Tanzen wollen beide, „solange wir noch krabbeln können“. Zeit genug, um vielleicht den argentinischen Traum wahr werden zu lassen. Und auf der „kleinen“ WM des Ido oft noch ganz weit vorne mitzutanzen. Dem „Windelbonus“ zum Trotz.

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