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Tagung an der Goethe-Uni : Mehr Kontakt zur Arbeitswelt erwünscht

Vorführeffekt: Profis wie Michael Schurig vom Deutschen Filminstitut erklären den Teilnehmenden des Studiengangs „Filmkultur“ das Handwerk. Bild: Cornelia Sick

Eine Tagung an der Goethe-Universität stellt die Frage, wie viel Praxis das Studium braucht. Praxisbeiräte aus dem Berufsleben oder Kooperationsmodelle mit außeruniversitären Institutionen können den Kontakt zur Arbeitswelt ausbauen.

          Praktika sind seit der Bologna-Reform in vielen Studiengängen vorgeschrieben – aber taugen sie etwas? Und wie viel Praxis braucht oder verträgt ein wissenschaftliches Studium überhaupt?

          Eva-Maria Magel

          Kulturredakteurin in der Rhein-Main-Zeitung.

          Derzeit läuft an der Frankfurter Universität die zweite große Studentenbefragung. Bei der ersten Umfrage 2011/12 gaben 38 Prozent der Teilnehmer an, keine „Angebote zur Kontaktaufnahme mit potentiellen Arbeitgebern“ zu haben, 23 Prozent hätten gern an wissenschaftlichen Projekten mitgearbeitet. 63 Prozent der Studierenden hatten damals an der Goethe-Universität Praktika absolviert, nicht mitgezählt die verpflichtenden Laborpraktika etwa in den Lebenswissenschaften.

          Unglaublich anstrengend und zeitintensiv seien diese Praktika, so das Fazit von Christian Gusenda, Bachelorstudent und aktiv in der Fachschaft Chemie der Goethe-Universität. Er hat zusätzlich ein Auslandspraktikum absolviert – eine Bereicherung, klar. Aber: „Hätte ich eine Ausbildung gewollt, hätte ich kein Studium begonnen“, sagte er als „studentischer Kommentator“ bei der Konferenz „Praxisbezüge und Praktika im Studium“, die von der Hochschulrektorenkonferenz an der Uni Frankfurt veranstaltet wurde. Gusenda spricht sich für Strukturen aus, die Studenten auch Zeit lassen.

          Sein Dekan am Fachbereich Biochemie, Chemie und Pharmazie, Clemens Glaubitz, wünscht sich mehr studentische Jobs in der fachspezifischen Industrie. Denn seine Studenten jobben nebenbei bis zu 18 Wochenstunden, meist fachfremd. Verträge für Werkstudenten sind seltener geworden. Und seit 2015 der Mindestlohn eingeführt worden sei, habe sich die Zahl der Praktikumsplätze bundesweit um 53 000 verringert, so Joachim Metzner, ehemaliger Vizepräsident der Rektorenkonferenz.

          Der Mindestlohn sei kein Problem bei den Pflichtpraktika, die ja in die Studiengänge integriert seien, so Christiane Jost, Vizepräsidentin für Studium, Lehre und Internationales an der Hochschule Rhein-Main. „Aber viele Studierende wollen gern länger als die drei Monate der Prüfungsordnung arbeiten, dann müssten die Unternehmen neue Verträge abschließen. Unternehmen reagieren da oft sehr restriktiv, oft auch entgegen den Forderungen, die sie selbst stellen“, sagt Jost. Sie ist eine der Vorsitzenden des Runden Tischs „Anerkennung“ im Projekt Nexus der Rektorenkonferenz.

          Seit 2014 beschäftigt sich Nexus unter anderem damit, die Mobilität der Studierenden zu verbessern und den Übergang in die Arbeitswelt zu erleichtern. Der Wunsch: Hochschulen sollen qualitätsgeprüfte Praktika ermöglichen und die Anerkennung der dort erbrachten Leistungen garantieren. Dazu kommt der Wunsch nach Freiräumen in der Regelstudienzeit – und die wissenschaftliche Bildung soll nicht leiden. Ein umstrittenes Feld, das führte Vinzenz Hediger, Professor für Filmwissenschaft an der Goethe-Universität, während der Tagung vor: Einerseits spreche viel für ein wissenschaftliches Studium ohne konkretes Berufsprofil. Andererseits zeigte er, dass sich das „Frankfurter Modell“ der praxisverzahnten Masterstudiengänge in Kooperation mit außeruniversitären Institutionen bewähre. Dazu zählt Hedigers eigener Masterstudiengang „Filmkultur“, der wissenschaftliches Personal für Filmarchive und die Film- und Medienwelt in Kooperation mit dem Deutschen Filminstitut ausbildet. Sowohl die Bewerberzahlen als auch der Erfolg der Absolventen sprächen für das Modell.

          Mit immer mehr und heterogeneren Studienanfängern sind das alte Thema „Theorie und Praxis“ und die „Employability“, die Berufsbefähigung, neu in den Fokus gerückt. Projekte des „Forschenden Lernens“ oder des „Service Learning“, also des wissenschaftlichen Arbeitens als Dienstleistung für einen Auftraggeber, sind Methoden der Verzahnung an der Hochschule selbst. „An dieser Schnittstelle können unsere Studierenden ihr ganzes Potential entfalten, indem sie in der beruflichen Praxis nicht nur bestehende Abläufe, Strukturen und Handlungsweisen erlernen, sondern sie als Wissenschaftlerinnen hinterfragen, weiterentwickeln und neu gestalten können“, sagt Tanja Brühl, Vizepräsidentin für Studium und Lehre an der Goethe-Universität.

          Ohne Kontakte jenseits der Hochschulen allerdings sind solche Programme kaum möglich. Diese Beziehungen sind aber höchst unterschiedlich ausgeprägt, vom Adressbuch der Professoren bis zur internen Servicestelle. An der Hochschule Rhein-Main etwa gibt es „Praxisbeiräte“ aus dem Berufsleben, das Modell soll ausgebaut werden. Für Jost eine gute Sache: „Wir können kein flächendeckendes Feedback der Arbeitgeber einholen. Daher geben uns die Beiräte ein Bild – je nachdem, wie der jeweilige Studiengang qualifizieren möchte. Wir werden aber nicht von der Praxis gesteuert, sondern tauschen uns aus und reflektieren, was uns mitgeteilt wird.“

          Für Brühl hat auch die Tagung gezeigt, wie wichtig es sei, den Praxisbezug fachspezifisch zu sehen. „Ein flexibles Curriculum, das einen berufspraktischen Schwerpunkt ebenso zulässt wie einen wissenschaftlichen und auch für studentische Initiativen und Engagement offen ist, wird der Individualität der Studierenden gerecht und schafft Freiräume für die persönliche Entwicklung.“

          Quelle: F.A.Z.

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