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Veröffentlicht: 25.04.2015, 16:50 Uhr

Tagelöhner in Frankfurt Gute Tage gibt‘s nicht mehr

Sergej ist willig, und er ist billig. Dennoch findet der Tagelöhner nur noch selten Arbeit. Zu viele bieten auf dem Frankfurter „Arbeiterstrich“ gegenüber der EZB oder im Internet ihre Dienste an.

von Florentin Schumacher, Frankfurt
© Max Kesberger Hoffen am Fuß der EZB: Die Männer, die an der Frankfurter Sonnemannstraße ihre Arbeitskraft anbieten, stammen oft aus Osteuropa.

Sie kommen, als es noch dunkel ist: allein oder zu zweit, in der Hand die Plastiktüte mit den Arbeitsschuhen, im Herzen die Hoffnung auf einen guten Tag. Ein guter Tag, das sind 50, 60 Euro, aber heute ist kein guter Tag. Gestern war auch keiner, und morgen wird auch keiner sein, sagt Sergej. Er, das ist ein Arbeiter ohne Arbeit.

Sergej aus Moldawien, der seinen richtigen Namen nicht nennen will, gehört zu den Discountanbietern auf dem Arbeitsmarkt. Für ein paar Euro in der Stunde verkauft er seine Arbeitskraft schwarz auf der Sonnemannstraße im Ostend, direkt unter dem neuen EZB-Turm.

„Arbeiterstrich“, sagen manche Anwohner. Straße der Arbeit, sagen Sergej und die anderen. Fliesen, jäten, streichen: Sergej hat schon vieles gemacht, und er würde es nur zu gern wieder tun, für sieben, wenn es sein muss, sechs Euro die Stunde. Lang verhandeln würde er nicht: Seit Tagen hat niemand mehr neben ihm gehalten und ihn mitgenommen.

Rund vierzig Männer warten in der Früh

1700 Personen sind bei der Tagesjobvermittlung des Frankfurter Jobcenters registriert. Doch erfasst sind damit nur die, die sich legal mit Personal- und Sozialversicherungsausweis bei der Tagesjobvermittlung melden. Daneben gibt es die Unsichtbaren wie Sergej, die am Straßenrand stehen oder ihre Arbeitskraft via Internet anbieten. Wie viele es in Frankfurt sind, weiß niemand.

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Wahrscheinlich ist nur, dass es in letzter Zeit mehr geworden sind, zumindest an der Sonnemannstraße. Das sagt Sergej, und das bestätigen Ladenbesitzer. Auch Klaus Schäfer, Leiter der nahe gelegenen Caritaseinrichtung in der Bärenstraße, hat das Gefühl, dass vor allem die Zahl der Bulgaren und Rumänen, die in die Tagesstätte kommen, seit der zweiten EU-Osterweiterung 2007 leicht, aber stetig gestiegen sei. Sergej erzählt, dass er und die anderen dort manchmal einen günstigen Kaffee tränken, wenn sie in der Früh keinen Job gefunden haben.

An diesem Morgen warten rund vierzig Männer zusammen mit Sergej auf eine Arbeit. Vor der Spielhalle stehen die Moldawier, die größte Gruppe hier, ein paar Meter entfernt die Polen, weiter unten die Bulgaren, und auf der anderen Straßenseite hocken noch zwei Rumänen. Seit Kurzem ist auch ein Deutscher darunter.

Arbeiten wie zur Zeit der industriellen Revolution

Sergej, bullig und mit schwieligen Händen wie alle hier, ist einer der wenigen, die ein bisschen Deutsch sprechen. Schon seit mehr als fünfzehn Jahren kommt er im Frühling zum Arbeiten nach Frankfurt. Im Herbst fährt er zurück zu seiner Familie in Moldawien. Wie viele Männer auf der Sonnemannstraße hat Sergej keinen Beruf gelernt. In seiner Heimat hat er Gelegenheitsjobs für umgerechnet zwei Euro je Stunde gemacht: Wände hochziehen, Rohre schleppen, so etwas.

Während Deutschland über Big Data und Work-Life-Balance diskutiert, arbeitet Sergej noch immer wie zur Zeit der industriellen Revolution. Und genau das ist sein Problem. In den vergangenen 15 Jahren ist die Beschäftigung Ungelernter um 20 Prozent eingebrochen, heißt es bei der Bundesagentur für Arbeit. Die von Akademikern hat im selben Zeitraum um 25 Prozent zugenommen. Sergej und die Männer auf der Sonnemannstraße arbeiten schwarz – doch es gibt auch legale Möglichkeiten, Arbeit für einen Tag zu finden, zum Beispiel bei der gewerblichen Jobvermittlung in der Baseler Straße. Zehn bis zwanzig sogenannte unständig Beschäftigte kommen jeden Morgen hierher. Es sind ausschließlich Männer, viele von ihnen ohne Wohnsitz, darunter ehemalige Häftlinge, Suchtgefährdete. Für acht bis zwölf Euro arbeiten sie auf dem Bau oder verschnüren Paletten. Krankenversicherung und Sozialabgaben trägt für den Tag der Arbeitgeber. Ein Stückchen Sicherheit, das Sergej nicht hat. Er weiß nicht einmal, ob er abends den vereinbarten Lohn erhält. Schön öfter ging er leer aus.

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