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„Sugar - Manche mögen’s heiß“ : Die Tragik in der Komödie entdecken

Sugarboys: Wolfram Boelzle und Stefan Kiefer treten bei den Burgfestspielen Bad Vilbel auf, in „Mache mögen´s heiß“ Bild: Eilmes, Wolfgang

Auf den Spuren von Jack Lemmon und Tony Curtis: Wolfram Boelzle und Stefan Kiefer treten bei den Burgfestspielen Bad Vilbel im Musical „Sugar - Manche mögen’s heiß“ auf.

          Es gelingt immer wieder: Jerry verliert sich in seiner Rolle als Daphne, das Publikum ist erschüttert. Der Bass-Musiker in Frauenkleidern hat vergessen, dass er nur ein verkleideter Mann ist. „Ich bin verlobt“, jubelt er nach seinem verschrobenen Stelldichein mit dem Schwerenöter Osgood. Dann schiebt ihn sein Gefährte Joe vor den Spiegel und hämmert ihm ein: „Ich bin ein Junge.“ Eine Sternstunde des Theaters, ein magischer Moment in der Wasserburg von Bad Vilbel, wo das Musical „Sugar“ nach dem Billy-Wilder-Film „Manche mögens’’ heiß“ aufgeführt wird. Schauspieler Stefan Kiefer hat es geschafft, die Zuschauer von der Tragödie in der Komödie zu überzeugen: von der Frau im Manne, die plötzlich die Oberhand gewinnt. „Das ist aber auch Benedikt Borrmann zugutezuhalten“, gibt Kiefer zu. Und sein Kollege Wolfram Boelzle, der den entsetzten Joe spielt, stimmt ein in das Lob auf den Regisseur.

          Claudia Schülke

          Feste freie Redakteurin in der Rhein-Main-Zeitung.

          Kiefer ist zum ersten Mal in Bad Vilbel, Boelzle hat schon im vorigen Jahr mit seinem Zahlkellner Leopold im „Weißen Rössl“ brilliert: als „raunziger Schmierlappen, der es nicht nötig hat“, sich von den Gästen und der reifen Wirtin kommandieren zu lassen. Auch hier hatte Regisseur Borrmann die Idee, ein illusionsloses Paar aufeinander zu hetzen und den Kellner gegen den traditionellen Strich zu bürsten. Da kam ihm Boelzle gerade recht. Der Schauspieler hat Erfahrung mit bösen Buben wie Franz Moor (Schiller, „Die Räuber“) und Robespierre (Büchner, „Danton“). Wenn er nach Joes kaltschnäuzigem Verführungsversuch in „Sugar“ sein reumütiges Lied über den Bad Guy singt, als der er sich eben noch gefallen hat, könnte man sich ihn auch als Titelheld in Shakespeares „Richard III.“ vorstellen.

          Er kommt aus bürgerlichen Verhältnissen. 1963 in Stuttgart geboren, hat er das humanistische Gymnasium besucht, auf dem sich auch Hermann Hesse geplagt hat. Theater AG, Schülerband, Schülerzeitung und Stuttgarter Stadtmagazine -

          Boelzle hat nichts ausgelassen, was ihn zum Kulturjournalisten hätte machen können. Im Jugendclub des Stuttgarter Staatstheaters unter Hansgünther Heyme hat er unter anderem den Titelhelden in Shakespeares „Troilus und Cressida“ gespielt. Nach dem Zivildienst und fünf Semestern Schauspielausbildung an der Hochschule für Musik und darstellende Kunst in Frankfurt holte ihn Intendant Hans Neuenfels 1987 an die Freie Volksbühne Berlin. Dort spielte Boelzle an der Seite von Hermann Treusch und Elisabeth Trissenaar im Kleist-Projekt „Der tollwütige Mund“ und in Schillers „Braut von Messina“ unter der Regie von Ruth Berghaus.

          Kiefer staunt: „So ein Namedropping habe ich nicht zu bieten.“ Er habe den anderen Weg gewählt: „spielen, spielen, spielen“. 1969 in Neuss geboren, gründete er mit Freunden eine Theatergruppe. „Es hat mir Spaß gemacht, dass man auf der Bühne so richtig Gas geben konnte“, erinnert sich der Schauspieler. Als Fünfzehnjähriger organisierte er Abendprogramme mit einer Stepptanz-Truppe. Nach dem Abitur und dem Zivildienst begann er mit der üblichen Vorsprechrunde. An der Neuen Münchner Schauspielschule, einer renommierten Privatschule, machte er 1994 seinen Abschluss. Am Stadttheater Erfurt sah er in der chaotischen Nachwendezeit keine Zukunft. Deshalb wechselte er bald ans Stadttheater Konstanz. Dort musste er bis zu sieben Produktionen pro Spielzeit absolvieren, darunter auch Musicals wie „Black Rider“. Am Bodensee lernte er seine Frau kennen und wurde Vater.

          Inzwischen hatte sich Boelzle schon längst auf dem freien Markt versucht: zwischen Rostock, Magdeburg und Berlin, wo er mit seiner Ex-Frau, einer Maskenbildnerin, wohnte. Als junger Protagonist bekam er in Bielefeld das Engagement seines Lebens: Intendant Heiner Bruns bezahlte ihn königlich und engagierte seine Gattin gleich mit. „In Bielefeld habe ich den Romeo gegen die Wand gefahren“, erinnert sich Boelzle. Dort spielte er auch Hamlet, Franz Moor, den Carlos in Goethes „Clavigo“ und den Puck. „Nach drei Jahren war ich um neun Jahre gealtert“, kokettiert er im Rückblick. 1996 kehrte er auf den freien Markt zurück - bis Jürgen Bosse ihn 1998 nach Essen ans Schauspiel holte. Bis 2005 blieb Boelzle dem Ruhrpott treu und spielte unter anderem Brechts Matti. Seit 2005 arbeitet er nur noch frei. Das Prinz-Regent-Theater in Bochum ist seine künstlerische Heimat geworden.

          So viel Freiheit kann sich Kiefer als Familienvater nicht leisten. Nach sieben Jahren in Konstanz folgte er seinem Intendanten Rainer Mennicken 2001 nach Oldenburg. Dort spielte und sang er am Staatstheater den Sigismund im „Weißen Rössl“, wirkte bei den „Comedian Harmonists“ und in „Shockheaded Peter“ mit. Als Komiker verbuchte er seine größten Erfolge. Nach Linz wollte er Mennicken nicht mehr folgen. Noch immer aber waren seine Kinder zu klein für das Risiko als freischaffender Mime. Deshalb ging er ein festes Engagement in Kaiserslautern ein. Drei Jahre hielt es ihn noch. 2009 wagte auch er den Sprung in die Freiheit. Seitdem hat er im Grenzlandtheater Aachen und im Alten Schauspielhaus Stuttgart gastiert, bei den Festspielen in Heppenheim und den Stauferspielen in Göppingen. Auch im Fritz-Rémond Theater war er voriges Jahr zu sehen: in dem Stück „Frau Müller muss weg“.

          Besonders wohl hat er sich bei den Festspielen in Wangen gefühlt, die es erst seit 2011 gibt. Er ist ein Allgäu-Fan. „Das ist meine Erdung“, sagt er: „Seen, Berge, Wiesen. Kühe.“ Boelzle erdet sich beim Wandern: „Dann packe ich mein Ein-Mann-Zelt und laufe weg von zu Hause.“ Seine neue Lebensgefährtin lässt ihn ziehen. Erst vor kurzem hat er sich auf dem Jakobsweg im schwäbisch-fränkischen Grenzland herumgetrieben. Kiefer hingegen freut sich auf seinen Urlaub mit der Familie in der Schweiz. Vorher aber muss er in Bad Vilbel noch in den „Blues Brothers“ auftreten und mit Boelzle die letzte Staffel als männliche Daphne hinter sich bringen.

          Vorstellungen am 22. und 23. August um 20.15 Uhr, am 24. August um 18.15 Uhr, am 25. August um 20.15 Uhr

          Quelle: F.A.Z.

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