Über laufende Vorhaben sage man nichts, sagt eine Sprecherin des Essener Energiekonzerns RWE. Und sagt damit doch etwas Wichtiges zu der Frage, wie es um den Verkauf der 78-Prozent-Beteiligung von RWE an der Süwag Energie AG steht: eben, dass der Verkaufsprozess nämlich noch läuft - und nicht etwa gestoppt wurde. 250 Kilometer weiter südlich, im Rhein-Main-Gebiet, ist man sich da nämlich nicht mehr so sicher. Will RWE tatsächlich noch seine Anteile an dem Frankfurter Konzern verkaufen? Das ist derzeit in der Branche ein heißdiskutiertes Thema.
Es hatte zunächst nach hohem Tempo ausgesehen. Im August vergangenen Jahres gab es erstmals Gerüchte, RWE wolle seine Mehrheitsbeteiligung an dem Frankfurter Konzern hergeben. Im September ließen die Essener erkennen, sie wollten mit den Städten und Kreisen, die bisher zusammen 22 Prozent halten, darüber reden, ob diese ihre Anteile aufstocken wollten. Im Herbst raunte man in Rhein-Main, das RWE-Management, das seit der deutschen Energiewende nach Fukushima gewaltig unter Druck steht, wolle den Verkauf noch vor der nächsten Hauptversammlung unter Dach und Fach bringen - um den Aktionären Erfolge seines Desinvestitionsprogramms vorzeigen zu können, mit dem Mittel für neue Vorhaben beschafft werden sollen. Die Hauptversammlung war im April. Die Süwag-Aktien hält RWE noch heute.
Es ist halt alles vertrackt
Es zog sich schon hin, bis der Datenraum geöffnet war, jene Sammlung von Zahlen aus dem Unternehmen, die ein Käufer kennen will, bevor er ein Angebot abgibt. Nach den Angeboten zeigte sich, dass die Preisvorstellungen weit auseinanderliegen. Seitdem sind die Verhandlungen ins Stocken geraten.
Es ist halt alles vertrackt. 16 kommunale Aktionäre zählt die Süwag, von der Gemeinde Waldems mit einem Anteil von 0,003 Prozent bis zur Stadt Frankfurt mit 5,976 Prozent. In den vergangenen Jahren war mancherorts eher darüber nachgedacht worden, Süwag-Anteile herzugeben, weil die Frist, bis zu der RWE einen Festpreis garantiert hatte, auslief. Seit dem Bekanntwerden der Verkaufspläne von RWE wird in Rathäusern und Kreistagen genau umgekehrt diskutiert, ob nicht ein Zukauf sinnvoll sei. Denn Lokalpolitiker meinen, so könnten sie bei der Energiewende mitreden. Neun der 16 Kommunen gaben im Januar bekannt, sie hätten ein Konsortium gebildet, das Verhandlungen mit RWE über einen Kauf weiterer Aktien aufnehme; darunter waren Frankfurt, der Hochtaunus- und der Main-Taunus-Kreis.
„Grüner und kommunaler“ solle der Konzern werden
Doch was soll nach einer Übernahme durch die Städte, Kreise und Gemeinden aus der Süwag werden? Sie entstand erst 2001 aus der Fusion von fünf regionalen Energieversorgern, an denen RWE jeweils nennenswerte Anteile hielt. Das Geschäftsgebiet ist weitläufig, es reicht von Neuwied bis Ludwigsburg und hängt nicht einmal zusammen. Früh kam die Überlegung auf, die Süwag zu übernehmen, nach einer Anstandsfrist allerdings zu zerlegen und ihre Netze jeweils anderen regionalen Energieversorgern zu überlassen - den Teil im Frankfurter Westen und im Taunus zum Beispiel der Mainova.
Davon hält der Vorstand der Süwag wiederum aus naheliegenden Gründen wenig. „Grüner und kommunaler“ solle der Konzern werden, heißt es wieder und wieder aus der Zentrale in Frankfurt-Höchst. Und vor allem: Es solle ein einziger Konzern mit einem Geschäftsgebiet in den drei Bundesländern Rheinland-Pfalz, Hessen und Baden-Württemberg bleiben.
Das Unternehmen ist gewachsen
Als wäre dies alles nicht schon kompliziert genug, ist auch im Rhein-Main-Gebiet ein Machtkampf um die Süwag ausgebrochen. Dem Wiesbadener Oberbürgermeister Helmut Müller (CDU) gefällt die Vorstellung nicht, dass Frankfurt künftig neben der Mainova auch noch die Süwag beherrscht und womöglich eine um deren Geschäftsgebiet erweiterte Mainova die Landeshauptstadt nahezu umzingelt. Zwar verhandelt RWE derzeit lediglich mit den jetzigen kommunalen Aktionären, zu denen Wiesbaden nicht zählt. Doch hat Müller in Person des Landrats des Rheingau-Taunus-Kreises, Burkhard Albers (SPD), einen Verbündeten gefunden. Der Kreis und die sechs kreisangehörigen Gemeinden, die ebenfalls Anteile an der Süwag halten, hatten sich nicht dem großen Konsortium angeschlossen. Sie nahmen die Wiesbadener Eswe huckepack und verhandelten, ohne dies an die große Glocke zu hängen, getrennt mit RWE über weitere Aktien. Zuletzt soll sich zwar der Landkreis ausgeklinkt haben, das Interesse Wiesbadens hingegen scheint anzuhalten.
Zwei Konsortien, die sich nicht grün sind, ein Vorstand, der von einem Verkauf seines Unternehmens nichts Gutes erwartet und ihn nicht unbedingt befördert, unterschiedliche Preisvorstellungen - schon dies macht verständlich, dass sich die Verhandlungen hinziehen. Es kommt aber hinzu, dass bei RWE zu Monatsbeginn der Vorstandschef wechselte. Immerhin: Die Konzernsprecherin legt nicht nur Wert darauf, der Verkaufsprozess gehe weiter, sondern ergänzt noch, das gesamte Desinvestitionsprogramm solle bis 2013 abgeschlossen sein.
Die Essener hatten den Kommunen einst zugesagt, ihnen ihre Aktien für 22,55 Euro abzukaufen. Der Preis ist aber vor Jahren garantiert worden; seitdem ist das Unternehmen gewachsen. Dem Vernehmen nach wollen die Städte und Kreise um die 33 Euro zahlen, RWE aber fordert 39 Euro je Aktie. Zuletzt hatten die Essener um eine Erklärung gebeten, wie die Kaufinteressenten auf einen derart niedrigen Preis kommen. Die haben sie erhalten. „RWE hat den Ball in seinem Feld liegen“, meint ein kommunaler Vertreter. Es scheint ein Spiel zu sein, das nicht ohne Verlängerung auskommt.