04.10.2004 · Kunsttherapie als Mittel zur Suchtbekämpfung: Künstlerisches Tun und Erleben eröffnet einen Zugang zu Emotionen und Instinkten, die in direktem Zusammenhang mit einer Sucht stehen.
Von Brigitte RothDie zierliche Frau in Jeans und Sweatshirt wäre am liebsten eine Schildkröte - dann hätte sie einen Panzer. Als nächstes greift ein Mann nach dem Tiger, weil der so gefährlich ist und zubeißen kann. Kunsttherapeutin Hannah Wölfel hat wieder einmal den großen Karton mit einem Zoo aus Kunststoff auf den Tisch gestellt. Mit Hilfe der Tierfiguren sollen die Patienten der Klinik für Abhängigkeitserkrankungen des Bürgerhospitals in Frankfurt lernen, ihre Gefühle und Wünsche auszudrücken. Denn jegliche Empfindungen wurden im Rausch betäubt; in einem Alltag zwischen Diebstahl, Drogenbeschaffung und Konsum hätten sie auch gar keinen Platz gehabt. Eine Frau, die eine Qualle in der Hand hält, beschreibt die Weltferne des Süchtigen so: "Dann tauch' ich ab und bin ganz tief unten."
Einer wäre gerne ein Frosch. "Ich möchte an die Wand geworfen werden, damit ich mich in einen Königssohn verwandele." Wie immer in der einmal wöchentlich angebotenen Kunsttherapie hat auch der Schäferhund einen Interessenten gefunden. Er steht für Treue, eine Tugend, die von dem unbezwingbaren Drang zur Droge ausgelöscht wurde. Mutter, Vater, Freunde, selbst die eigenen Kinder wenden sich meist früher oder später von den Abhängigen ab, weil diese sie immer wieder enttäuscht haben. Andererseits sehnen sich Süchtige nach Beziehungen. Spielt die Kunstpädagogin während der Sitzung einmal die Rolle der guten Fee, sind es meist diese drei Wünsche, die sie erfüllen soll: ein drogenfreies Leben, die Achtung durch die Familie und eine Liebesbeziehung - "endlich mal eine, die funktioniert".
Spiele schaffen Distanz zur Realität; sie erleichtern es den Patienten, sich über Empfindungen klarzuwerden und diese auch zu beeinflussen. Das künstlerische Tun und Erleben eröffnet einen unmittelbaren Zugang zu Emotionen und Instinkten, die immer in direktem Zusammenhang mit einer Sucht stehen. Diese führe zu Veränderungen im Gehirn, erläutert Wilfried Köhler, Chefarzt der Klinik. Betroffen sei dabei das limbische System, das ursprüngliche Bedürfnisse wie Nahrungsaufnahme und Sexualität steuere, aber auch soziale Instinkte wie Hilfsbereitschaft und Mitleid sowie die negativen Affekte Angst, Ärger und Wut. Dort, in der Tiefe der Seele, "setzt sich die Sucht fest", erläutert Köhler.
Die wiederholte Aktivierung dieses empfindlichen Hirnareals mit einem Suchtstoff verfestigt die Erinnerung an angenehme Gefühle. Und selbst wenn sich nach einiger Zeit keine Hochstimmung mehr einstellt, wenn, wie Cracksüchtige es beschreiben, der "Kick" ausbleibt, meldet sich das Suchtgedächtnis und fordert Nachschub ein. Als Auslöser genügen schon visuelle Reize - ein Sektglas, weißes Pulver oder eine Spritze. Fatal ist, daß die Drogenration nach einiger Zeit gesteigert werden muß, damit sich die Konsumenten wenigstens normal fühlen, weil sich der Organismus an die Substanz gewöhnt hat. Hier beginnt der Teufelskreis, und die Kontrolle über den Konsum geht verloren. Von diesem Zeitpunkt an übernimmt die Droge das Kommando über das Leben.
Warum aber wird der eine schon nach kurzem Gebrauch abhängig, der andere nicht? Das hängt laut Köhler mit mehreren Faktoren zusammen. Reifegrad der Persönlichkeit und Lebensumstände zusammen bestimmten etwa zur Hälfte das Risiko. Ist der emotionale Reifungsprozeß in der Kindheit gestört, fehlten zum Beispiel Wärme und Vertrauen, erhöht das nach Auffassung des Psychiaters die Anfälligkeit für eine Sucht. Zu etwa 50 Prozent hänge eine Abhängigkeitserkrankung mit konstitutionellen Faktoren zusammen. So verfügten manche Menschen über eine hohe Konzentration alkoholabbauender Enzyme und könnten deshalb viel trinken, ohne sich hinterher schlecht zu fühlen. Ein Schutz vor Sucht ist das aber nicht, im Gegenteil: Diese Menschen werden laut Köhler sechs- bis achtmal so häufig abhängig wie die "Empfindlichen".
Für die Tabaksucht sei zwar kein Enzym verantwortlich zu machen. Doch wie für jede Abhängigkeit gelte auch hier: "Es gibt ein konstitutionelles Risiko." Mit Intellekt und Willensstärke indes habe eine Suchterkrankung wenig zu tun. Kommentare wie "du mußt nur aufhören wollen" seien daher wenig hilfreich.
Der Umstand, daß eine Droge frei verkäuflich ist, sagt nichts über ihre Gefährlichkeit aus. Nikotin zum Beispiel ist nach Ansicht Köhlers ein sehr starker Suchtstoff, eher dem Heroin vergleichbar als dem Alkohol. Die meisten Rauschgiftsüchtigen hätten zunächst geraucht. Für Köhler ist Nikotin eine "besonders raffinierte Droge". Bei Müdigkeit und Erschöpfung mache sie wach und frisch, bei Aufregung und Anspannung ruhig. In seiner Klinik bietet der Chefarzt seit einiger Zeit auch Kurse zur Raucherentwöhnung an. Der Erfolg einer Verhaltenstherapie lasse sich durch Nikotinpflaster oder -Nasenspray und spezielle Antidepressiva noch einmal deutlich steigern. Immer freilich müsse zunächst der Wille da sein, etwas verändern zu wollen.
Ob es jemand schafft, endgültig mit dem Rauchen aufzuhören, hängt weniger damit zusammen, ob es der Betreffende täglich auf 20, 40 oder sogar 60 Zigaretten brachte, sondern vielmehr mit den Lebensumständen und der Veranlagung. Das freilich erklärt auch, warum es manchem durchaus gelingt, die letzte Kippe auszudrücken. Weniger günstige Voraussetzungen haben die meisten Patienten auf der Suchtstation des Bürgerhospitals. Der körperliche Entzug ist nur ein Teil ihres Kampfes gegen die Abhängigkeit. Um im tiefsten Inneren geheilt zu werden, brauchen die Kranken viel Zeit und viel Hilfe. Bekommen sie beides, wählen sie vielleicht irgendwann in Hannah Wölfels Kunsttherapie den Pinguin zum Lieblingstier. Sein schwarzer Frack ist ein Zeichen der Trauer, die weiße Brust aber symbolisiert Zuversicht und Leben.