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Studieren im Alter : Wie der Ingenieur zum Ägyptologen wird

Anschaulich: Sandra Sandri (rechts) zeigt ihren Studenten eine Erstausgabe der „Description de l’Égypte“ von 1823. Bild: Kaufhold, Marcus

Spezielle Studienangebote für Senioren werden immer beliebter - und ersparen den Unis Konflikte.

          Wieder etwas gelernt. Der Plural von „Sphinx“ heißt „Sphingen“, und ein archäologisch gebildeter Mensch sagt „der Sphinx“, auch wenn der Duden die weibliche Form erlaubt. Schließlich sind die Fabelwesen mit Löwenleib und Menschenkopf, die vor ägyptischen Tempeln Wache halten, in der Regel männlichen Geschlechts. Aber das wissen die meisten von Sandra Sandris Zuhörern längst. Die Teilnehmer ihres Seminars sind schließlich keine Neunzehnjährigen, die gerade erst das Abitur gemacht haben. Und sie sitzen auch nicht hier, weil sie Credit Points sammeln müssen, sondern weil sie vom alten Ägypten, seinen Bauten und seiner Kultur fasziniert sind.

          Sascha Zoske

          Blattmacher in der Rhein-Main-Zeitung.

          Die 25Damen und Herren, die den Worten von Dozentin Sandri lauschen, haben meist die Sechzig schon hinter sich. Sie sind Ingenieure oder Naturwissenschaftler, eine Kieferorthopädin ist darunter und eine ehemalige Verbandsmanagerin. Drei oder vier haben einen Doktorgrad, einige sind schon öfter zusammen auf Reisen gewesen. Das Seminar, das sie besuchen, gehört zum Programm „Studieren50 plus“, das die Universität Mainz für Menschen entwickelt hat, die sich im Ruhestand weiterbilden wollen.

          Stetige steigende Teilnehmerzahlen

          Es ist ein Angebot, das immer mehr Senioren annehmen, wie Beate Hörr berichtet. „Ich werde der Anmeldezahlen nicht mehr Herr, es boomt“, sagt die Leiterin des Zentrums für wissenschaftliche Weiterbildung an der Gutenberg-Uni. Seit 2002 gebe es „Studieren 50 plus“, damals habe man mit neun Teilnehmern angefangen, inzwischen schrieben sich jedes Jahr 2000 bis 2200 Interessierte für die rund 50Kurse ein.

          Ähnlich zufrieden ist Silvia Dabo-Cruz, Geschäftsleiterin der „Universität des dritten Lebensalters“ (U3L) in Frankfurt. Auch sie stellt einen stetigen Anstieg der Teilnehmerzahl fest, im laufenden Semester liegt sie bei 3470. Die U3L wurde 1982 gegründet und ist als Verein organisiert. 2005 hat sie ihr eigenes Studienangebot verdoppelt, nachdem das Frankfurter Uni-Präsidium den U3L-Studenten keinen unentgeltlichen Zugang mehr zu normalen Lehrveranstaltungen gewährte.

          Auch als Gasthörer

          Zuvor hatte es in manchen Vorlesungen, die bei bildungshungrigen Pensionären besonders beliebt sind, Ärger gegeben: Weißhaarige Frühaufsteher nahmen den regulären Studenten die Sitzplätze weg; einige der Spätberufenen weckten auch bei den Professoren Unmut, wenn sie, aus reicher Lebenserfahrung schöpfend, in Diskussionen zu Ko-Referaten ansetzten. Solche Probleme gebe es inzwischen kaum noch, sagt der Sprecher der Goethe-Universität. Schließlich hätten die U3L-Hörer nun ihre eigenen Veranstaltungen. In denen sind allerdings auch junge Hochschüler willkommen, wie Dabo-Cruz versichert: „Das U3L-Programm ist für alle Studierenden der Goethe-Universität gebührenfrei.“

          Wer als Ruheständler im Vorlesungsverzeichnis des Vereins nicht das Passende findet, kann sich in Frankfurt wie an anderen Unis auch als Gasthörer einschreiben. An den hessischen Hochschulen nutzen diese Möglichkeit derzeit gut 900 Personen, wie das Statistische Landesamt mitteilt. Anders als bei den Spezialangeboten für Ältere sind die Zahlen hier seit Jahren relativ konstant. Zwei Drittel der Gäste besuchen Vorlesungen der Sprach- und Kulturwissenschaften; besonders beliebt sind Theologie und Geschichte.

          Es wird genau aufgepasst

          Kein angemeldeter Gasthörer oder U3L-Student muss ein schlechtes Gewissen haben, weil er Ressourcen der ohnehin überfüllten Unis nutzt. In Mainz etwa gehen die Einnahmen aus den Gasthörer-Gebühren zu 50Prozent an die Fachbereiche, wie Weiterbildungsleiterin Hörr erläutert. Und in Frankfurt zahlt der U3L-Verein laut Dabo-Cruz je Teilnehmer einen festen Betrag an die Uni; insgesamt etwa 25000Euro je Quartal. Nach den Worten des Universitätssprechers wird dieses Geld zum Teil dafür eingesetzt, die allgemeinen Studienbedingungen zu verbessern.

          Im Mainzer Seminar von Sandra Sandri könnte die Lern-Atmosphäre nicht besser sein. Mit Aufmerksamkeitsdefiziten ihrer Hörerschaft hat die 39 Jahre alte Lehrbeauftragte nicht zu kämpfen. Wenn sie über die Nachahmung pflanzlicher Formen in der ägyptischen Architektur oder die Funktionen der Tempel spricht, hören alle konzentriert zu. Nur manchmal entfährt einem der Herren ein halblautes, Erstaunen bezeugendes „Hm, hm“. Sandri sagt, sie müsse sich für diese Veranstaltung gut vorbereiten, denn das Publikum ist anspruchsvoll. DieVerbandsmanagerin im Ruhestand hat schon einmal einen Kurs bei „Studieren 50 plus“ abgebrochen, weil ihr der Dozent nicht gefiel: „Der brachte nur heruntergeleiertes Wissen.“

          Als Sandri die Darstellung einer Palme mit einem Affen und einem Menschen zeigt, weiß ein Mann die Szene gleich zu deuten: „Affen für die Gewinnung von Palmfrüchten einzusetzen, ist auch in asiatischen Ländern üblich.“ - „Ah-ja“, entgegnet die Ägyptologin. Noch etwas gelernt.

          Quelle: F.A.Z.

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