Toms neuer Lebensabschnitt hat noch gar nicht richtig begonnen, doch seine Familie glaubt, dass er schon bald wieder zu Hause sein wird. Seit ein paar Tagen studiert Tom - blonde Locken, blaue Augen, breites Kreuz - Philosophie und Geschichte an der Goethe-Universität. Er ist 20 Jahre alt und kommt aus einem Dorf in der Eifel. In der Schule habe er viel Mist gebaut, sagt er: Dauernd sei er zu spät gekommen, und dann auch noch die Fünf in Mathe. In seiner Familie zweifelten deshalb einige, dass ein Studium das Richtige für ihn sei. Sie glaubten, dass er bald genug haben werde: vielleicht schon nach einer Woche, zu Weihnachten oder spätestens am Ende des Semesters.
Aber Tom lässt sich nicht entmutigen. Jetzt, da er all das lernen kann, was ihn interessiert, will er fleißig sein. „Die Schule war Zwang“, sagt er, „Mathe und Chemie - das brauchst du doch nie wieder.“ Er interessiert sich für Erkenntnistheorie und für Kant; seit der siebten Klasse hatte er Philosophie in der Schule. Er habe fast alles von Arthur Schopenhauer gelesen, sagt er, zudem „Der kleine Taschenphilosoph“, „Sophies Welt“ und Bücher über Sparta und die Maya. Vom Philosophie-Studium erwartet er neue Denkanstöße, und er will Reden und Argumentieren lernen. „Das Studium gibt mir auch Struktur“, hofft er.
Dabei war Philosophie gar nicht seine erste Wahl. Für griechische Philologie hat er sich beworben, für ein Lehramtsstudium und für Psychologie, sein Lieblingsfach. Dafür war aber seine Abiturnote von 3,2 zu schlecht. Schließlich hat ihn als einzige Hochschule die Frankfurter Universität zugelassen, für Philosophie und Geschichte eben.
Mittwoch, 10. Oktober
Es ist elf Uhr, und bevor die Einführungsveranstaltung bei den Philosophen richtig losgeht, holt sich Tom einen Kaffee. Die Fachschaft hat zu einem Kennenlern-Frühstück geladen, alle Stühle sind belegt. Auf den Tischen in der ersten Reihe stehen Thermoskannen mit Kaffee, daneben liegen Berge von zerteilten Croissants, Kreppel und Mohnteilchen. Als er mit dem vollen Kaffeebecher wieder zu seinem Platz in eine der hinteren Reihen kommt, setzt er sich neben Carlo, einen Kommilitonen mit schwarzen Locken und Kapuzenpulli. Man kommt ins Gespräch. „Weißt du, wo man in Frankfurt Wäsche waschen kann?“, fragt Tom ihn irgendwann. „Kannst bei mir waschen“, sagt Carlo. Später wird er auch noch bei ihm duschen.
Donnerstag, 11. Oktober
“Sorry für die Verspätung“, sagt Tom beim Treffen im Foyer des IG-Farben-Hauses. Der Abend gestern war lang. Mit ein paar Mädels weggewesen, zuerst ins „Orange Peel“, dann in die „Harmonie“ und schließlich in eine Tequila-Bar gegangen. Danach noch ewig im McDonald’s gesessen. Um fünf zu Hause, trotzdem um acht Uhr aufgewacht. Eine halbe Stunde später ins Fitnessstudio: da zuerst Brust, dann Trizeps und Bizeps trainiert. Jetzt aber los zur Stundenplanberatung der Fachschaft Geschichte.
Das Sofa mit senffarbenem Überwurf ist zum Versinken weich; neben der Tür eine Wand mit Büchern über Helmut Kohl, Konrad Adenauer, die Römische Republik. Eine schmale Studentin mit braunen Locken und randloser Brille hilft den Neuankömmlingen, ihren Stundenplan zusammenzustellen. Es wird erklärt, welche Kurse wann zu belegen sind, wie viele Kurse zu viele sind und welche Sprachen nachgewiesen werden müssen. Auf dem Tisch liegen Croissants und ein Berg Schokoladensplitter. Weil ein anderer Student vor ihm dran ist, macht sich Tom an der Kaffeemaschine zu schaffen. „Erst mal ein richtig starker Kater-Kaffee“, sagt er.
Zehn Minuten später ist der Student weg und der Kaffee fertig. Tom sitzt in einem Ikea-Schwinger. Ob er neben den zwei Philosophie-Basismodulen auch gleich ein Proseminar in Geschichte belegen könne, fragt er. Das sei viel Arbeit, warnt die Beraterin. Schon mit den zwei Basismodulen sei er gut ausgelastet: „Studiere lieber weniger, das aber intensiv.“ Jede Vorlesung, jedes Seminar benötige Zeit zur Vor- und Nacharbeit. Eine Vorlesung im Nebenfach sei deshalb zunächst genug. „Aber wenn du dein Studium wirklich in der Regelstudienzeit schaffen willst . . .“ - „Auf jeden Fall“, unterbricht Tom. „Ich habe nicht vor, auch nur ein Semester länger zu studieren.“ - „Ah“, sagt die Studentin und umklammert mit ihren Händen den heißen Becher, „da bin ich anders gepolt.“
Nach der Beratung geht es mit dem Fahrstuhl runter ins Café in der Eisenhower-Rotunde des IG-Farben-Hauses. Tom holt seinen Laptop hervor. Sein Handy hat er in der Eifel vergessen. Um halb eins ist er vor dem Haupteingang mit Maria verabredet, die ihn auf seine Anzeige bei „WG gesucht“ angeschrieben hatte. Dort hieß es: „Freue mich über jede Antwort, beantworte gerne alle Fragen. Rufe auch gerne bei Angabe einer Telefonnummer zurück. Schicke auf Wunsch auch gerne Bilder bzw. Lebenslauf etc. zu.“
Aber die Wohnungssuche ist kompliziert. Bis Sonntag wohnt Tom gratis im Asta-Camp; 30 Betten haben die Studentenvertreter auf dem Campus Bockenheim für Wohnungssuchende aufgestellt. Tom hat derzeit 400 Euro im Monat zur Verfügung, dazu kommt hoffentlich bald das Bafög. Ein paar Ersparnisse hat er auch, aber er sucht dringend einen 400-Euro-Job: als Aufpasser, beim Catering, im Stadion.
In den drei Wochen, die er in Frankfurt wohnt, hat er sich 20 WGs und zehn Wohnungen angesehen. Oft sagten die Vermieter zu Tom: „Wir finden dich echt super, aber morgen kommen auch noch ein paar Leute.“ Dabei findet er: Wenn’s passt, passt’s. Sich alles offenzuhalten, um auf jemand noch Besseren zu hoffen - das sei unfair. Einige Studenten antworteten nicht einmal auf seine Mails. Und als Tom schließlich um Viertel vor eins vor dem Uni-Haupteingang steht, ist auch Maria nicht gekommen.
Montag, 15. Oktober
Am Abend beginnt Toms erste Vorlesung: die „Einführung in die Philosophie“. Jeder Platz des Hörsaals ist belegt, auch auf den Treppen sitzen Studenten, etwa 300 werden es sein. Tom kommt mit Kristin. Er zieht einen Koffer hinter sich her, über seiner Schulter eine Tasche und sein Laptop. Gestern hat er bei Lisa geschlafen, heute ist Kristin an der Reihe, und am Mittwoch zieht er in Moritz’ WG an der Konstablerwache. Er hat Moritz in der U-Bahn kennengelernt. Heute hat sich Tom auch für Gender Studies eingeschrieben. Lisa und zwei Freundinnen haben sich dort ebenfalls angemeldet. Außerdem sei das Thema interessant, sagt er, weil es um Frauenrechte, Ethik und Moral gehe.
Tom setzt sich neben Kristin in eine der vorderen Reihen, vor sich eine 1,5-Liter-Cola-Flasche und ein Blatt Papier. Vorne steht Martin Seel, Professor für Theoretische Philosophie. Er hat kurze, graumelierte Haare und trägt ein Headset. Bis zum Ende des Semesters werden die Studenten die klassischen Probleme der Philosophie kennenlernen. Es geht unter anderem um Wahrheit, Moral, Glück, Tugend. Seel sagt später am Telefon, er wolle zeigen, was Philosophieren wirklich bedeute. Einige Studenten hätten falsche Vorstellungen, erwarteten Lebenshilfe und Antworten auf psychologische Fragen. Aber letztlich sei Philosophie eine theoretische Disziplin.
Dienstag, 16. Oktober
Einführungstag bei den Historikern im Casino auf dem Westend-Campus. Wieder ist der Hörsaal voll, Tom lehnt an der Wand neben der Tür. Er nickt immer wieder ein. Ist wieder später geworden gestern Abend.
Vorn steht Jan Rüdiger, Professor für die Geschichte des Mittelalters. Er trägt einen blauen Anzug und hat seine braunen Haare zurückgekämmt. Jeder Einzelne sei für seinen Studienerfolg allein verantwortlich, sagt er und stützt sich auf das Pult. Aber es sei ein Luxus, selbst entscheiden zu können, womit man sich beschäftigen wolle. Im Studium gehe es nämlich auch darum: sich selbst näher zu kommen. Es sind wohltuende Worte, die die Studenten hören, Worte, die Mut machen im Bologna-System, in dem es um Module, Credit Points und Employability - Berufsbefähigung - geht.
Wenig später tritt Frank Bernstein ans Pult. Er ist Professor für Alte Geschichte und ein gemütlicher Mann. Es sei ein aktionistisches Zeitalter, in dem wir lebten, sagt er. Man sei ständig per Handy oder PC erreichbar, müsse dauernd etwas verkaufen oder präsentieren. Nichts davon treffe auf die Geschichte zu. „Seien Sie subversiv und lesen Sie ein Buch“, sagt er. „Versinken Sie in einem Text, gehen Sie in die Bibliothek. Kommen Sie erst mal runter.“
Um zehn vor zwölf balanciert Tom sein Tablett durch die Tischreihen in der Mensa. „Hoffentlich geht beim Mittagessen der Kater weg“, sagt er zu Stefan, einem Kumpel. Gestern war wieder Mädels-Abend mit Kristin, Steffi, Julia und Anna. Er hat für alle gekocht: Spinatpfanne mit Champignons und Bratkartoffeln. Als um halb eins die anderen nach Hause mussten, ist er noch mit Kristin auf ein Feld in der Nähe ihrer Wohnung in Oberrad gegangen. Mit Blick auf die Hochhäuser haben sie sich unterhalten und zwei Tetrapaks Wein getrunken.
Am späten Nachmittag trifft er sich mit Steffi zur Wohnungsbesichtigung an der Karlsruher Straße beim Hauptbahnhof. Drei Zimmer, 78 Quadratmeter, ein heller Altbau mit Küche und Laminat, für 780 Euro warm. Sie bekommen die Wohnung; am 1. November können sie einziehen. 390 Euro muss Tom vorerst zahlen, viel mehr, als er sich leisten kann.
Mittwoch, 17. Oktober
Am Nachmittag sitzt Tom auf einer Holzbank vor dem Casino. Er klappt seinen Laptop auf, chattet mit einer Freundin, raucht eine Zigarette. „Das hat mir jetzt nichts gebracht“, sagt er. Gerade
ist die erste Logik-Vorlesung vorbei. Es ging um die Syntax der Schachnotation sowie um Syntax und Semantik des Zehnersystems. Die Powerpoint-Präsentation des Professors zeigte Zahlen und mathematische Symbole. Die Sache mit dem Schach sei ja noch gegangen, sagt Tom, aber alles andere sei zu mathematisch gewesen.
Donnerstag, 18. Oktober
Um Viertel vor zwei kommt Tom aus dem Hörsaal. Er hat die zweite Doppelstunde der Vorlesung „Einführung in die Philosophie“ mit Martin Seel hinter sich. „Diesmal bin ich besser mitgekommen“, sagt Tom. In der Vorlesung ging es um die Frage, wie man Entscheidungen trifft und was eigentlich Wissen ist. Seel zitierte Kant, Nietzsche, Aristoteles und einen Satz aus Heideggers Werk „Sein und Zeit“: „Die ,Bewandtnisse’ unseres Handelns betreffen letztlich ,immer das Sein des Daseins, dem es in seinem Sein wesenhaft um sein Dasein geht’.“
Jetzt aber in die Mensa, und danach zieht Tom zu Anna. Bisher sei doch alles ganz „gechillt“, resümiert er sein neues Leben. „Nicht um acht Uhr aufstehen zu müssen, das hat schon was.“
... Massenveranstaltung
Svenja Sirisee (Sirisee)
- 24.10.2012, 21:24 Uhr
Richtig betriebene Philosophie ist äußerst schwierig, ...
Matthias Große (Merwig)
- 24.10.2012, 09:46 Uhr
"Mit Blick auf die Hochhäuser haben sie sich unterhalten und
zwei Tetrapaks Wein getrunken"
Hanna Lupin (hannalupin)
- 24.10.2012, 08:57 Uhr
An all die Gülleschütter
Till Diesing (Zabel24)
- 24.10.2012, 07:27 Uhr
Jetzt dann bitte mal einen Studenten begleiten, der Biss hat.
Roland Wagner (Eurofighter77)
- 24.10.2012, 02:20 Uhr