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Veröffentlicht: 22.10.2012, 23:23 Uhr

Studienanfänger Das hat mir jetzt nichts gebracht

Zimmer suchen, Stundenplan zusammenstellen, Freunde finden und den Schreck nach der ersten Vorlesung verdauen: Ein Studium zu beginnen ist ziemlich anstrengend. Wir haben einen Anfänger zwei Wochen lang begleitet.

von Kathrin Klette

Toms neuer Lebensabschnitt hat noch gar nicht richtig begonnen, doch seine Familie glaubt, dass er schon bald wieder zu Hause sein wird. Seit ein paar Tagen studiert Tom - blonde Locken, blaue Augen, breites Kreuz - Philosophie und Geschichte an der Goethe-Universität. Er ist 20 Jahre alt und kommt aus einem Dorf in der Eifel. In der Schule habe er viel Mist gebaut, sagt er: Dauernd sei er zu spät gekommen, und dann auch noch die Fünf in Mathe. In seiner Familie zweifelten deshalb einige, dass ein Studium das Richtige für ihn sei. Sie glaubten, dass er bald genug haben werde: vielleicht schon nach einer Woche, zu Weihnachten oder spätestens am Ende des Semesters.

Aber Tom lässt sich nicht entmutigen. Jetzt, da er all das lernen kann, was ihn interessiert, will er fleißig sein. „Die Schule war Zwang“, sagt er, „Mathe und Chemie - das brauchst du doch nie wieder.“ Er interessiert sich für Erkenntnistheorie und für Kant; seit der siebten Klasse hatte er Philosophie in der Schule. Er habe fast alles von Arthur Schopenhauer gelesen, sagt er, zudem „Der kleine Taschenphilosoph“, „Sophies Welt“ und Bücher über Sparta und die Maya. Vom Philosophie-Studium erwartet er neue Denkanstöße, und er will Reden und Argumentieren lernen. „Das Studium gibt mir auch Struktur“, hofft er.

Dabei war Philosophie gar nicht seine erste Wahl. Für griechische Philologie hat er sich beworben, für ein Lehramtsstudium und für Psychologie, sein Lieblingsfach. Dafür war aber seine Abiturnote von 3,2 zu schlecht. Schließlich hat ihn als einzige Hochschule die Frankfurter Universität zugelassen, für Philosophie und Geschichte eben.

Mittwoch, 10. Oktober

Es ist elf Uhr, und bevor die Einführungsveranstaltung bei den Philosophen richtig losgeht, holt sich Tom einen Kaffee. Die Fachschaft hat zu einem Kennenlern-Frühstück geladen, alle Stühle sind belegt. Auf den Tischen in der ersten Reihe stehen Thermoskannen mit Kaffee, daneben liegen Berge von zerteilten Croissants, Kreppel und Mohnteilchen. Als er mit dem vollen Kaffeebecher wieder zu seinem Platz in eine der hinteren Reihen kommt, setzt er sich neben Carlo, einen Kommilitonen mit schwarzen Locken und Kapuzenpulli. Man kommt ins Gespräch. „Weißt du, wo man in Frankfurt Wäsche waschen kann?“, fragt Tom ihn irgendwann. „Kannst bei mir waschen“, sagt Carlo. Später wird er auch noch bei ihm duschen.

Donnerstag, 11. Oktober

“Sorry für die Verspätung“, sagt Tom beim Treffen im Foyer des IG-Farben-Hauses. Der Abend gestern war lang. Mit ein paar Mädels weggewesen, zuerst ins „Orange Peel“, dann in die „Harmonie“ und schließlich in eine Tequila-Bar gegangen. Danach noch ewig im McDonald’s gesessen. Um fünf zu Hause, trotzdem um acht Uhr aufgewacht. Eine halbe Stunde später ins Fitnessstudio: da zuerst Brust, dann Trizeps und Bizeps trainiert. Jetzt aber los zur Stundenplanberatung der Fachschaft Geschichte.

Das Sofa mit senffarbenem Überwurf ist zum Versinken weich; neben der Tür eine Wand mit Büchern über Helmut Kohl, Konrad Adenauer, die Römische Republik. Eine schmale Studentin mit braunen Locken und randloser Brille hilft den Neuankömmlingen, ihren Stundenplan zusammenzustellen. Es wird erklärt, welche Kurse wann zu belegen sind, wie viele Kurse zu viele sind und welche Sprachen nachgewiesen werden müssen. Auf dem Tisch liegen Croissants und ein Berg Schokoladensplitter. Weil ein anderer Student vor ihm dran ist, macht sich Tom an der Kaffeemaschine zu schaffen. „Erst mal ein richtig starker Kater-Kaffee“, sagt er.

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