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Veröffentlicht: 26.08.2015, 17:38 Uhr

Studienabbrecher Aus dem Hörsaal in den Haarsalon

Nicht alle Studenten finden auf der Universität das, was sie suchen. Immer öfter entdecken sie ihre berufliche Zukunft im Handwerk, zum Beispiel im Friseursalon.

von Kristin Häfemeier, Frankfurt
© Wolfgang Eilmes Im Angesicht der Kunden: Tamara Gundlach bei der Arbeit im Salon Thommy Stöber

Die junge Frau tippt rasch noch etwas in den Computer. Das Telefon klingelt, fast im selben Moment greift sie zum Hörer, ein letzter Blick huscht prüfend über den Bildschirm, fertig: „Thommy Stöber Friseure, Tamara, guten Morgen.“

Tamara Gundlach ist Auszubildende im ersten Lehrjahr und legt an diesem Morgen eine neue Kundenkartei an. Seit Juni hat sie die Lehrstelle, seit einem Jahr das Abitur und seit März keinen Studienplatz mehr. Noch während sie telefonisch den Termin für Donnerstag, 16 Uhr, vereinbart, kommt ihr Chef mit dem zweiten Hörer herbeigeeilt. „Dazu reiche ich Sie an Tamara weiter“, sagt Thomas alias „Thommy“ Stöber und bedeutet seiner Auszubildenden mit einem Fingerzeig in Richtung Salon, sie möge sich danach um das Blondieren einer Kundin kümmern.

Projekt Yourpush für Studienabbrecher

Vor etwas mehr als einem Jahr musste sich Tamara Gundlach entscheiden: Wie soll es nach dem Abitur weitergehen? Oder vielmehr: Was soll sie studieren? „Ich hatte damals den Gedanken: Ich habe Abitur, also muss ich auch an die Uni“, berichtet sie, während sie der Kundin eine weißliche Masse auf die Haare pinselt. Gundlach wollte Grundschullehrerin werden, doch ihr Notenschnitt war nicht gut genug. Im Losverfahren bekam sie dann einen Studienplatz für das Lehramt an Gymnasien in Frankfurt, mit der Fächerkombination Politik, Wirtschaft, Philosophie. Der anfängliche Plan, nach fünf Semestern dann doch ins Studium für Grundschullehramt zu wechseln, wich schnell dem Gefühl der Motivationslosigkeit, wie sie heute sagt. Ihren Studienalltag inmitten Hunderter Studenten selbst zu organisieren habe sie überfordert. „Zu unpersönlich, zu unkreativ, zu theoretisch“, so fasst die 20 Jahre alte Studienabbrecherin ihre Schwierigkeiten mit der Uni zusammen.

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Für junge Frauen und Männer mit genau solchen Erfahrungen hat die Handwerkskammer Frankfurt/Rhein-Main das Projekt Yourpush aufgelegt. Die Kammer will dabei helfen, Studenten, die sich umorientieren wollen, und Betriebe in Kontakt zu bringen. Tamara Gundlach braucht diese Hilfe nicht mehr. Die Masse auf dem Kopf der Kundin muss einwirken. „Thommy, können Sie einmal schauen?“, fragt Gundlach ihren Ausbilder. Das mag sie besonders an ihrer Arbeit: Sie sieht sofort ein Ergebnis, bekommt eine Rückmeldung vom Chef und macht bei guter Arbeit einen Kunden froh. Stöber ist recht zufrieden mit ihrer ersten Blondierung. Nur müsse sie die Haare noch etwas auseinanderziehen, damit sich die Wärme nicht staue, sagt er.

„Wie war die Uni?“ - „Scheiße. Wie immer.“

Es ist der 25.März 2015 als Tamara Gundlach beschließt, ihr Studium zu beenden. Ein Mittwoch. Sie hat gerade eine Freundin von deren letzter Abiturprüfung abgeholt, will mit ihr feiern. Da surrt ihr Handy, eine Mail: Die Prüfungsergebnisse für Bildungswissenschaften A sind online. Die Prüfung, die den Grundstein zum Lehrerberuf bildet. Das Fach, das sie spätestens beim zweiten Versuch bestehen muss, um in Hessen unterrichten zu dürfen. Durchgefallen! Der erste Impuls sind Tränen, der zweite ist der Wunsch, nach Hause zu den Eltern zu fahren. Mit ihnen spricht sie die Optionen durch und entscheidet sich schließlich dafür, das Studium abzubrechen. „Mein Vater hat jeden Tag gemerkt, wie sehr mich das Studium belastet hat“, sagt Gundlach. Auf die Frage, wie es in der Uni gewesen sei, bekam er von seiner Tochter grundsätzlich nur eine Antwort: „Scheiße. Wie immer.“

Heute braucht sie niemand nach ihrem Tag zu fragen. Sie erzählt von allein. Während die Kundin wartet, eilt Gundlach zum Lagerraum, holt frische Handtücher, fegt Haare zusammen, serviert Cappuccino. Im Vorbeigehen nimmt sie ihrem Kollegen Hagen den Spiegel ab. Kurz hält sie inne und fragt ihn: „Soll ich dir eine Kompresse bringen?“

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