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Veröffentlicht: 18.04.2017, 20:23 Uhr

Studenten auf Wohnungssuche Mit Gehaltsnachweis ins Rotlichtviertel

Wer zu Beginn des Semesters noch eine Bleibe sucht, sollte tolerant sein gegenüber Krach, feuchten Wänden und investigativ fragenden WG-Genossen. Zwei Selbstversuche in Frankfurt und Mainz.

von Christoph Brügmann, Ekaterina Kel
© Hedwig, Victor „Wirklich mittendrin“: Potentielles Studentenquartier an der Taunusstraße im Frankfurter Bahnhofsviertel

Die Küche einer Wohngemeinschaft eignet sich hervorragend dafür, lange Überlegungen zu Vor- und Nachteilen eines Sandwich-Toasters anzustellen. Besonders, wenn ein Student auf WG-Suche sich als zukünftiger Mitbewohner profilieren will und deshalb ein solches Gerät als Mitgift verspricht. Überzeugen kann ein Satz wie dieser: „Die Sandwiches sind richtig gut, wenn du mal einen Kater hast.“ Wenn dann die Augen der Bewohner aufleuchten, hat der Aspirant einen Fuß in der Tür.

Es hilft also, selbst etwas bieten zu können, wenn man noch kurz vor Semesterbeginn ein Zimmer in Frankfurt sucht. Auch wenn es, wie das Kämmerlein in der Dreier-WG an der Mörfelder Landstraße, kaum zehn Quadratmeter groß ist, dringend einen Anstrich benötigt, im Erdgeschoss gleich oberhalb des kalten Kellers liegt und ziemlich düster ist, weil eine dicke Tanne vor dem Fenster das Tageslicht verschluckt. Aber immerhin hat es echte Holzdielen und eine drei Meter hohe Decke. Und es liegt im Kneipenstadtteil Sachsenhausen. Eine Bleibe „mit Charme“, heißt es in der Anzeige auf wg-gesucht.de, dem wohl bekanntesten Portal für studentische Wohngemeinschaften.

Es riecht nach immerfeuchten Wänden

Besser weitersuchen? Angesichts der Alternativen mag der Student vielleicht lieber die 310 Euro Monatsmiete, fast 800 Euro Kaution und 100 Euro Abschlag für die paar gebrauchten Ikea-Möbel investieren. Er bringt den Toaster mit, kauft freiwillig fehlendes Besteck und findet sich damit ab, dass die Mitbewohner zwei der langweiligsten Menschen sind, die ihm jemals begegnet sind.

Denn das, was der Frankfurter WG-Markt sonst noch bietet, ist auch nicht verlockender. Zum Beispiel das am Ziegelhüttenweg gelegene 24 Quadratmeter große Zimmer mit eigenem Zugang zur Dachterrasse und Blick auf die Skyline. Die vier Bewohner bewerben ihr Domizil mit Fotos von fruchtigen Cocktails vor untergehender Sonne. Doch die scheinbare Traumwohnung entpuppt sich als ehemaliger Büroraum, die Decke des Zimmers ist mit eingebauten runden Halogenlampen ausgestattet, an einer Wand hängt eine ausziehbare Projektionsleinwand.

In den beiden Badezimmern riecht es nach immerfeuchten Wänden, da helfen auch die einst teuren italienischen Fliesen nicht. Die in der IT- und Bankenbranche tätigen Mitbewohner nennen den stolzen Preis für die Unterkunft: 840 Euro inklusive Nebenkosten. Dazu 1500 Euro Kaution. Dafür gibt es zwei große Kühlschränke.

Miete in Mainz sprengt das Budget

Lieber schnell zur nächsten Besichtigung an der Taunusstraße. „Ein bisschen Rotlicht muss sein“, meint der Hausverwalter des kernsanierten Baus und verspricht, das Bahnhofsviertel werde bald schon das Szeneviertel Nummer eins sein. „Sie sind hier wirklich mittendrin.“ Wohl wahr, denn in einem von den neun individuell abschließbaren Zimmern, ausgestattet mit Spanplatten-Möbeln von zweifelhafter Stabilität, nimmt der Bewohner dank ungedämmter Fenster Tag und Nacht am lebhaften Geschehen auf der Straße teil. Mindestens 680 Euro Warmmiete müsste der Mieter für 24 Quadratmeter zahlen. Den Vertrag dürfte er aber nur mit Gehaltsnachweis unterschreiben.

Nächste Station: Eschersheim. Hinter dem Kleingartenverein, am Ende der Eleonore-Sterling-Straße, teilen sich zwei Männer Ende fünfzig eine Wohnung und haben noch ein Zimmer frei. Sie schwärmen von Ruhe und solidarischen Kühlschrankregeln. Obwohl die Miete – 650 Euro warm – zusammenzucken lässt, will der Student es sich überlegen. Wenigstens hat das Zimmer keinen Eigengeruch.

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