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„Strick-Guerilla“ in Frankfurt Gehäkelte Sonnenstrahlen für den Frühling

Mit Accessoires aus Wolle verziert die „Strick-Guerilla“ den öffentlichen Raum. Bänke, Skulpturen, Laternen und Fahrradständer bekommen ein buntes Kleid.

© Gruß, Theresa Vergrößern Gut betucht: Diese Statue in der Eschersheimer Anlage wartet auf wärmere Tage.

Der Pullover, an dem sie gerade strickt, ist für sie selbst. „Strick-Ja“, wie sie genannt werden möchte, sitzt in einem Café vor einem Teller mit Schokoladenkuchen, zwei Stricknadeln klappern in ihren Händen. Sie ist Teil der „Strick-Guerilla“, die es sich zur Aufgabe gemacht hat, die Stadt bunter zu gestalten. Mit gestrickten und gehäkelten Accessoires schmücken sie Plätze, die ihrer Meinung nach oft nicht bemerkt werden und im tristen Grau untergehen.

Am vergangenen Sonntag sind in der Eschenheimer Anlage neongelbe Sonnenstrahlen, eine Sonnenuhr aus Wolle und gehäkelte Blumen entstanden. Sogar dem Brunnen haben sie mit blauen Häkelfäden das Wasser schon jetzt zurückgegeben.

„Strickator“ strickt mit allen Altersstufen

Die Strick-Guerilla besteht aus etwa zwanzig Teilnehmern, je nach Aktion auch mehr. Drei Viertel der Leute seien Frauen, sagt „Stricktator“. Auch er will nur seinen Spitznamen nennen. „Namen sind bei uns egal. Hauptsache, viele machen mit. Da fragt keiner, wie du heißt.“

Ein Mann, der stricken und häkeln kann, sei durchaus ungewöhnlich, gibt er zu. Ihm mache es Spaß, weil das Stricken die Möglichkeit biete, alle Generationen um einen Tisch zu setzen. „Wo gibt es das heutzutage denn noch?“, fragt er. Auch am Sonntag waren alle Altersstufen von fünf bis fünfundsiebzig vertreten. Die Mehrheit der Männer sei eher am Häkeln interessiert. Das sei einfacher. Einige kämen zunächst nur als Begleitung ihrer Frauen. „Sie sind aber ganz schnell begeistert dabei.“

Nicht jede Aktion glückt

Schon auf andere Weise hat die Gruppe in der Vergangenheit versucht, die Stadt grüner und schöner zu machen. So wurden Sonnenblumensamen ausgestreut, in der Hoffnung, mit gelben Tupfern das triste Grau zu übertönen. „Geglückt ist es nicht überall“, sagt Stricktator.

Die Strick-Guerilla hat in den vergangenen Wochen vor allem Strickmützen und gehäkelte Flicken hergestellt, um Denkmäler, Bänke und andere Möbelstücke im öffentlichen Raum damit zu schmücken. Die Bewegung stammt aus Amerika. Strick-Ja hatte sich ein Buch der Autorin Magda Seyek gekauft, die dort als Begründerin der Strickkunst gilt. So entstand die Idee, auch eine Frankfurter Strick-Guerilla zu gründen. Mit einer Guerilla im eigentlichen Sinne haben die strickenden Freunde aber wenig zu tun. „Wir handeln aus dem Verborgenen. Das ist das Einzige, was uns mit einer Guerilla verbindet“, sagt Strick-Ja. Weil man die Kunst jederzeit entfernen könne, mache man sich auch nicht strafbar. Das sei der entscheidende Unterschied zur Graffitikunst. „Wir kennen einige aus der professionellen Graffitiszene. Die beobachten unsere Aktionen und finden sie gut.“

„Mit einem Lächeln im Gesicht“

Auch das Grünflächenamt der Stadt Frankfurt sieht die Bewegung nicht als störend an. In Frankfurt habe man bisher relativ wenig gesehen, in anderen Städten gebe es deutlich mehr Aktivität. Das Grünflächenamt hat die Erfahrung gemacht, dass sich die Strickkunst durch Wind und Wetter früher oder später „selbst zerstöre“ und „unansehnlich“ werde. Dann würde man sie entfernen lassen, jedoch nur aus ästhetischen Gründen. Prinzipiell richte die Gruppe aber keinen Schaden an, heißt es im Amt.

Auch nach einer Woche wurde die Installation am Eschenheimer Turm noch nicht zerstört, weder vom Wetter noch von Passanten. Das erklären sich die beiden Initiatoren der Strick-Guerilla damit, dass die Leute „mit einem Lächeln im Gesicht“ daran vorbei gingen. Am Sonntag hätte sogar die Polizei Fotos gemacht, weil es ihr so gut gefallen habe.

Den Frühling nach Frankfurt holen

Einige Passanten, die den Park durchqueren, fragen nach dem Sinn der Aktion. „Wir wollen den Frühling nach Frankfurt holen“, sagt Strick-Ja, während sie die Strickmaschen ihres Pullovers zählt, dem nur noch die Ärmel fehlen. „Das ist unsere erste größere Aktion seit langem.“ Weitere sollen folgen, wenn es wärmer ist.

Welche das sind, wollen die beiden nicht verraten. Aber wer die Augen offen halte, sehe bald, was in Frankfurt passiert. Oder er kann sich über Facebook auf dem Laufenden halten. „Unsere Treffen werden über das soziale Netzwerk angekündigt“, sagt Stricktator. Im Internet veröffentlichen sie auch regelmäßig Fotos ihrer Aktionen.

Mitnehmen statt zerstören

Dass ab und zu ein gehäkeltes Blümchen von seinem Platz verschwindet, finden die beiden nicht schlimm. „Wir gehen davon aus, dass es mitgenommen wird, weil es so gut gefallen hat. Und nicht weil es zerstört werden soll“, sagt Stricktator.

Strick-Ja hofft, dass durch ihre Aktionen auch die junge Generation das Stricken für sich entdeckt. „Man braucht nur etwas Wolle und zwei Nadeln und hat einen ganzen Nachmittag zu tun.“ Die Wolle bekommt die Strick-Guerilla von Freunden und Bekannten, manchmal auch als Spende aus einem Frankfurter Geschäft. „Wir kaufen auch selbst Wolle“, sagt Stricktator. „Aber jeder hat doch vielleicht eine Oma zu Hause, die stricken kann und Wolle übrig hat.“

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Quelle: F.A.Z.

 
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