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FAZ Plus Artikel Streit um Windkraftausbau : Die Energiewende trifft ins romantische Herz

Streitbar: Bei Wald-Michelbach, aber auch andernorts im Odenwald, findet sich Bürger nicht mit der Landschaftszerstörung durch Windräder ab. Bild: Rainer Wohlfahrt

Der Windkraftausbau ruft immer wieder Wissenschaftler auf den Plan. Sie bemängeln fehlende Rücksicht auf die Meinung der Bürger. Ihr Protest hat nicht nur ökologische, sondern grundlegende kulturelle Wurzeln.

          Vergangenes Jahr hat Darmstadt an die Vergabe des Titels „Wissenschaftsstadt“ vor zwei Jahrzehnten erinnert. Fast zur gleichen Zeit ist damals das „Darmstädter Manifest zur Windenergienutzung in Deutschland“ verabschiedet worden. Das Dokument trägt die Unterschrift von rund 100 Wissenschaftlern unterschiedlichster Disziplinen. Ihr Weckruf begann mit dem Satz: „Unser Land steht im Begriff, ein kostbares Gut zu verlieren.“ Der Ausbau der industriellen Windenergienutzung führe dazu, dass in Jahrhunderten gewachsene Kulturlandschaften, ja ganze Regionen „industriell überformt“ würden.

          Rainer Hein

          Korrespondent der Rhein-Main-Zeitung in Darmstadt.

          2016 folgte dieser Erklärung der Johannisberger Appell, abermals von 100 Wissenschaftlern unterzeichnet und mit der gleichen Botschaft. Das „Darmstädter Manifest“ habe die zu beklagenden Auswirkungen der Energiewende nur vorweggenommen. Seitdem habe sich die Situation verschärft, die Zahl der Windkraftanlagen habe sich von 6205 auf 21 000 mehr als verdreifacht.

          Mehr als 25 000 Stellungnahmen

          Sind die Mahnungen der Wissenschaftler überholt? Im Moment ist das Regierungspräsidium mit Sitz in Darmstadt dabei, die eingegangenen Stellungnahmen zum Teilplan „Erneuerbare Energien“ zu prüfen – mehr als 25 000 insgesamt. Der Plan legt die Vorranggebiete zur Nutzung von Windenergieanlagen fest. Nach der Landesplanung sollen dafür zwei Prozent der Fläche im Regierungsbezirk Südhessen ausgewiesen werden. Im Odenwald sind sogar vier Prozent angepeilt. Darüber wird vermutlich in diesem Jahr die Regionalversammlung entscheiden. Die Schwierigkeit dabei ist, dass auch 20 Jahre nach dem „Manifest“ nicht eindeutig geregelt ist, wie ein hinreichender Schutz des „kostbaren Gutes“ zu gewährleisten ist.

          Im vergangenen Jahr hat darauf die Bundesarchitektenkammer verwiesen. In ihrem Positionspapier spricht sie von einem „rasanten und tiefgreifenden Landschaftswandel“ wie seit Jahrzehnten nicht mehr. Diese Dynamik führe zu einem großen Bedarf an Steuerung in der Landschaftsentwicklung, die bisher nur eine „ernüchternd geringe Wirkung“ entfalte. Zunehmend gerate deshalb die Einsicht in den Blick, „dass Landschaften soziale und kulturelle Bedeutung haben, dass sich Bürger mit ihnen identifizieren, sie als Herkunftsort und Heimat ansehen, sich für sie einsetzen und bewahren wollen“. Allein im Odenwald sind es, nimmt man das Thema Windenergie, etwa 30 Gemeinschaften und Bürgerinitiativen, die sich gegen die „Verspargelung“ der Landschaft und für die Bewahrung ihrer Heimat einsetzen.

          Anschauliche „landschaftsästhetische Folgen“

          Dass die Energiewende inzwischen sehr anschauliche „landschaftsästhetische Folgen“ zeitigt, hat auch das Bundesamt für Naturschutz veranlasst, die Technische Universität Dresden mit einer Untersuchung zu „Landschaftsbild und Energiewende“ zu beauftragen. Die Wissenschaftler sollen aufzeigen, mit welchen weiteren Entwicklungen zu rechnen ist, wo es beim planerischen Umgang mit der Energiewende „Defizite und dringenden Handlungsbedarf“ gibt, und angemessene Herangehensweisen empfehlen. Darmstadt ist Teil des Untersuchungsgebietes.

          Im vergangenen Jahr war der Wissenschaftler Daniel Münderlein von der Uni Kassel mit Wandergruppen am Felsenmeer bei Reichelsheim und am Steinbrücker Teich in Darmstadt unterwegs, um herauszufinden, inwiefern „Grün glücklich macht“. Der Erholungswert sei zwar im Bundesnaturschutzgesetz festgeschrieben. Was konkret darunter zu verstehen sei, bleibe aber unklar: „Man muss das noch mit Inhalten füllen.“

          Gespräche mit 200 Bürgerinitiativen

          Die Untersuchung der TU Dresden liegt seit Monaten dem Bundesamt vor, ist aber noch immer redaktionell nicht überarbeitet und freigegeben. Wer mit Catrin Schmidt spricht, sie hat die Professur für Landschaftsplanung an der TU inne, erfährt immerhin, dass man in Dresden nicht zufrieden ist mit dem Stand der Dinge. Gespräche mit 200 Bürgerinitiativen hätten zutage gefördert, dass der Schutz des Landschaftsbildes für viele Bürger eine bedeutende Rolle spiele. Dem entspreche aber die Planungspraxis nicht.

          Die allgemeinen Bestimmungen zum Natur- und Landschaftsschutz seien zwar ausreichend. „Es gibt aber noch immer zu wenige Methoden zur sachgerechten Bewertung von Landschaftsbildern“, sagt Schmidt. Ästhetische Kriterien würden oft erst gar nicht thematisiert und auch die Urteile der Bürger zu wenig berücksichtigt. Eine der Folgen dieser unklaren Situation seien sich fortschleppende Rechtstreitigkeiten. „Ich habe mehr als 100 Gerichtsverfahren analysiert. Ich kenne keinen Regionalplan, der nicht irgendwann wieder für rechtsunwirksam erklärt wurde. Es ist heute eine Kunst, so einen Plan aufzustellen.“

          „Badesalz“ als Werbebotschafter der Energiewende

          Die Beratungen der Regionalversammlung dürften also spannend werden. Der forcierte Ausbau von Windanlagen hat offensichtlich neue Fragen aufgeworfen, zum Beispiel die, ob der Schutz des Landschaftsbildes aus dem Blick geraten und als „weiches“ Schutzgut nachrangig geworden ist. Die Haltung der Architektenkammer und der Dresdner Wissenschaftler klingt dabei deutlich nachdenklicher als manche Äußerungen Tarek Al-Wazirs (Die Grünen). Hessens Umweltminister setzt als neuesten Werbebotschafter der Energiewende das Mundart-Duo „Badesalz“ ein.

          Die Frage ist, ob der Minister damit die richtige Begleitmusik zur anstehenden Debatte gewählt hat. Und ob er die kulturhistorische Tragweite des Themas und die sich anbahnende Wendung im Protest gegen den Bau von Windrädern erkennt. Bisher waren die stärksten Verbündeten der Windkraftgegner der Rotmilan, die Mopsfledermaus und der Schwarzstorch – geschützte Arten gelten nun einmal als „harte“ Argumente gegen mögliche Windkraftstandorte. Oft aber nur aus reiner Not und einer Sprachlosigkeit, die auf der Erfahrung basiert, dass die Betroffenheit vieler Einheimischer von den gravierenden Eingriffen in die Landschaft in politischen Abwägungsprozessen nicht hinreichend Gehör findet, weil sie als subjektive Befindlichkeit abgetan und manchmal diskreditiert wird. Inzwischen scheint sich angesichts des zunehmenden Windradausbaus ein grundlegender Wandel anzubahnen. Die Diskussion dreht sich nicht mehr nur um die ökologische, sondern zunehmend um die ästhetische Bedeutung gewachsener Kulturlandschaften.

          Protest mit kulturellen Wurzeln

          Diese Debatte trifft mitten ins deutsche, noch immer romantische Herz. Darauf hat schon vor einigen Jahren der Autor, Wanderführer und Tourismusexperte Christoph Hennig hingewiesen. Für ihn hat der Protest gegen Windkraft nicht nur ökologische, sondern grundlegende kulturelle Wurzeln. Viele Kritiker der Energiewende wehrten sich nicht gegen eine nachhaltige Energieversorgung, ihnen gehe es vielmehr um den Erhalt einer „romantischen“ Landschaft, die weitgehend frei von Zeichen der industriellen Zivilisation sei und so noch ein ganzheitliches Naturerleben erlaube und ein Empfinden des „Erhabenen“.

          Hennig hält dieses Naturerleben, das jeden Bergsteiger spätestens auf dem Gipfel überfällt, nicht für ein disponibles Gut, sondern für existentiell. In der Wahrnehmung technisch nicht gebändigter Landschaften begegne der Mensch seiner Verbundenheit mit der natürlichen Umwelt und damit der „Macht der Natur“. Diese romantische Sensibilität sieht Hennig kulturhistorisch geprägt, auch durch die europäische Landschaftsmalerei. Das romantische Naturverständnis habe im 20. Jahrhundert die Idee des Naturschutzes und der Raumplanung mit hervorgebracht. Ob es um Stromtrassen gehe, eine Brücke über die Mosel oder Windräder im Odenwald – die Proteste gegen solche Eingriffe in die Landschaft seien wesentlich ästhetisch motiviert. Hennig sieht darin sogar die „zentrale emotionale und moralische Ressource der Umweltbewegung“.

          Fremdkörper von großer ästhetischer Sprengkraft

          Um subjektiv-beliebige Vorlieben, über die man je nach Neigung unterschiedlicher Meinung sein kann, handelte es sich für den Autor dabei nicht. Die Wahrnehmung und Gestalt einer Landschaft stellten eine „kulturelle Objektivation“ dar, die grundsätzlich der rationalen Analyse zugänglich sei.

          Eine Auffassung, die auch zwei der Unterzeichner des „Darmstädter Manifests“ und des „Johannisberger Appells“ seit 20 Jahren vertreten, Jürgen Hasse und Werner Nohl. Der Wissenschaftler und freie Landschaftsarchitekt Nohl sieht die Norm des Naturschutzrechtes, die Vielfalt, Eigenart, Schönheit und den Erholungswert der Landschaft zu bewahren, durch eine „ästhetische Landschaftszerstörung in bisher nicht bekanntem Maßstab“ ausgehebelt, da den gigantischen Masten, wie sie jetzt überall im Odenwald entstehen, jede landschaftliche „Angemessenheit“ fehle. „In den heimatlichen Alltagswelten stellen sie Fremdkörper von großer ästhetischer Sprengkraft dar.“ Für diese Heimatlandschaften, die eine je eigene, ästhetisch wertvolle Landschaftskategorie bildeten, gelte es, die bestehenden Wert- und Kriteriensysteme präziser zu entwickeln. Genau das fordert auch Schmidt als Konsequenz ihrer Studie: Es fehlen konsensfähige methodische Ansätze der Landschaftsbewertung und der regionalen Landschaftsgestaltung.

          „Emotional imprägniert“

          Der Geograph und Stadtforscher Hasse, der lange am Institut für Humangeographie der Goethe-Universität in Frankfurt forschte, hat sich ebenfalls mit dem „landschaftsphysiognomischen Wandel“ durch Windkraft beschäftigt. In seinem Forschungsprojekt „Landschaftsästhetik und die Nutzung der Windenergie“ versuchte er die „lebensweltliche Perspektive der Betroffenen“ in den Mittelpunkt zu rücken. Er untersuchte unter anderem an Beispielen im Odenwald, wie Windkraftanlagen von den Anrainern erlebt werden.

          Hasse ging dabei davon aus, dass die Sicht der Betroffenen oder, wie Hennig sagen würde, deren „romantische Sensibilität“ vom Gesetzgeber grundsätzlich gewürdigt wird. Auch das „gefühlsbezogene Bedürfnis“ sei von öffentlichem Belang und deshalb im Rahmen staatlicher Planung gerecht abzuwägen. Der heimatliche Raum, der nach Hasse immer „emotional imprägniert“ ist, gehöre dazu.

          Misslungenes Experiment im Odenwaldkreis

          Ist das alles abstrakte und graue Theorie? Oder lässt sich der Wert von Natur und Landschaft tatsächlich nicht nur im ökologischen Sinne, sondern auch „gefühlt“ auf den Punkt bringen? Der Odenwaldkreis, der nach dem derzeitigen Stand des Teilplans Erneuerbare Energien doppelt so viele Vorrangflächen für Windanlagen ausweisen soll wie sonst in Hessen, hat im praktischen Experiment versucht, diesen Anspruch einzulösen. Landrat Frank Matiaske (SPD) hat mit den 15 Städten und Gemeinden seines Kreises gemeinsam einen Flächennutzungsplan erarbeitet, um das landesweite Zwei-Prozent-Ziel in die Tat umzusetzen – und zwar so, wie es für die Menschen im Odenwald „gefühlt“ angemessen und der Landschaft zuzumuten wäre. Das Bemühen der Lokalpolitiker stellte den Versuch dar, frei nach Nolte ein ästhetisches Wert- und Kriteriensystem für den Odenwald zu entwickeln, und zwar im Gespräch mit den Bürgern und politisch Verantwortlichen, die ihre „Heimatlandschaft“ von Kindesbeinen an kennen und daher ein feines Gespür haben für „Fremdkörper von großer ästhetischer Sprengkraft“.

          Das Experiment ist im ersten Anlauf misslungen. Das Regierungspräsidium Darmstadt hat den gemeinsam erarbeiteten und verabschiedeten Flächennutzungsplan des Odenwaldkreises nicht akzeptiert, weshalb eine Klage des Kreises vor dem Verwaltungsgericht angestrengt wurde, die inzwischen beim Hessischen Verwaltungsgerichtshof angekommen ist. Wann die Richter entscheiden, ist offen. Ebenso, wann das Bundesamt für Naturschutz die Dresdner Forschungsergebnisse veröffentlicht und der Gesetzgeber daraus seine Schlüsse zieht. Dass dies bis zu Beginn der Beratungen des Teilplans Erneuerbare Energien geschieht, scheint eher zweifelhaft.

          So bleibt als Frage, wie die „Wissenschaftsstadt“ Darmstadt 20 Jahre nach dem „Darmstädter Manifest“ mit dem Windkraftausbau als dem bemerkenswertesten Großversuch in Sachen Bürgerbeteiligung umgeht. Schmidt von der TU Dresden hat darauf eine Antwort: „Ich sehe die Wissenschaft gefordert. Es geht nicht an, dass ästhetische Kriterien oft erst gar nicht thematisiert werden. Auf dem jetzigen Stand können wir nicht stehenbleiben.“

          Frankfurter Allgemeine Zeitung

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