08.12.2007 · Der Unteren Naturschutzbehörde ist der Lebensraum von Zippammer und anderen Vogelarten so wichtig, dass sie die "Luminale" verboten hat.
obo. RÜDESHEIM. Der ehrenamtliche Umweltdezernent des Rheingau-Taunus-Kreises, Siegfried Müller (Grüne), hat sich in dieser Woche scheinbar ohne besonderen Anlass mit mahnenden Worten im Hinblick auf öffentliche Feiern im Mittelrheintal zu Wort gemeldet. Müller hält das Veranstaltungsprogramm in der freien Landschaft des Welterbegebiets zwischen Rüdesheim und Koblenz für "weitgehend ausgereizt".
Versuche, weitere Veranstaltungen in Natur und Landschaft zu veranstalten, seien der falsche Weg, um dem Unesco-Welterbe zu größerer Bekanntheit zu verhelfen, ließ er verlauten. Vielmehr erhöhe sich die Gefahr von Beeinträchtigungen derjenigen Schutzgüter, die den Wert des Welterbes erst begründeten. Müller plädiert dafür, das Welterbe nicht "als kostenlose Kulisse für Großveranstaltungen" zu begreifen und die darin liegenden Schutzgebiete nicht als Hindernisse für die touristische Entwicklung zu bekämpfen.
Was Müller nicht öffentlich vermeldete: Am Tag seiner Verlautbarung ging bei der Rüdesheim Tourist AG das Verbot eines Lichtspektakels in den Rüdesheimer Weinbergen ein. Zehn Tage im April 2008 hatte Rüdesheim einer der Veranstaltungsorte der Frankfurter "Luminale" sein sollen, doch daraus wird wohl nichts. Die von Müller ehrenamtlich geleitete Untere Naturschutzbehörde im Bad Schwalbacher Kreishaus verweigert die landschafts- und naturschutzrechtliche Genehmigung wegen der Gefahren für brütende Zippammer, Zaunammer und Neuntöter im Vogelschutzgebiet rund um Rüdesheim.
Die "Luminale" im Rheingau sei unzulässig, weil das Projekt mit europäischem Recht nicht vereinbar sei. Die staatliche Vogelschutzwarte komme zum gleichen Ergebnis. Der Rüd AG bleibe als Möglichkeit, den Antrag zurückzunehmen, die "Luminale" in die zweite Julihälfte zu verlegen oder aber in die Mitte von Rüdesheim, heißt es aus dem Kreishaus.
Für Müller ist es "kein Zufall, dass verschiedene Naturschutzgebiete, FFH-Gebiete und europäische Vogelschutzgebiete innerhalb der Welterberegion" lägen. Veranstaltungen wie die "Welterbefeier" und "Rhein im Feuerzauber" könnten das "hochwertige Inventar" wie seltene Vogelarten in Mitleidenschaft ziehen, fürchtet Müller.
Er verweist auf ein vogelkundliches Gutachten, das die Rüdesheim Tourist AG im Jahr 2005 hatte erstellen lassen, um das "Störungspotential" von Großveranstaltungen zu untersuchen. Demnach sei der Monat Juli für Feiern noch am günstigsten, weil die Brutzeit fast abgeschlossen und die Zugzeit der Vögel und ihre Ankunft in den Rastgebieten am Rhein noch nicht begonnen habe.
Alle Verantwortlichen für das Welterbe und den Tourismus sollten die kulturellen, landschaftlichen und naturschützerischen Güter als Werte anerkennen. Damit sei keine "Käseglocke" für die Region verbunden. Gerade der gut genutzte Fernwanderweg Rheinsteig zeige, wie "sanfter Tourismus" mehr Menschen die Natur näher bringe.
Die Luminale-Veranstalter sind enttäuscht, denn auch an anderer Stelle (etwa der Loreley) stoßen ihre Pläne auf Vorbehalte. Nach ihrer Ansicht bedeutet die Veranstaltung aber eine "einmalige Chance" für die Region, Anschluss an ein internationales Großereignis zu finden, das explizit zum Thema habe, wie sich Landschaften und urbane Lebensräume entwickeln könnten. Das Konzept, das Medium Licht zu nutzen, um mit den Bürgern über die Entwicklung ihrer kommunalen Identität ins Gespräch zu kommen, habe sich bewährt. Die Luminale sei ein "einmaliger Glücksfall für das Rheintal".
Notwendig seien Ereignisse, an denen Aufbruch und Veränderung erkennbar würden, um den "jahrelangen Fatalismus" zu beenden. Es sei wenig sinnvoll, wenn sich der amtliche Naturschutz in Gegensatz zu den Entwicklungsperspektiven bringe: "Ein fatales ökologisch-ökonomisches Signal." Die "Luminale" stehe für die Entwicklung neuer Technologien zur Verringerung des Energieaufwands. Die Lichtanlagen im Rheintal seien überaltert, nur bedingt umweltverträglich und im Stromverbrauch ineffektiv. Sie setzten das Tal zudem kaum in Szene. Das Rheintal sei eine im Verfall befindliche Kulturlandschaft, die davon bedroht sei, zum "Begleitgrün europäischer Verkehrsmagistralen" zu verkommen. Gerade der Naturschutz könne von der "Luminale" profitieren, weil sie die Lebensräume in ihren Möglichkeiten und Chancen sichtbar mache und jede touristische Nutzung des Tales ein Eigeninteresse an einem schonenden Umgang mit den Ressourcen habe: "Wer sägt schon den Ast ab, auf dem er sitzt."
Müllers Kollege im Kreisausschuss, der für das Welterbe zuständige Dezernent und Erste Kreisbeigeordnete Karl Ottes (CDU), appelliert dringend an alle Beteiligten, nach Kompromissen zu suchen. Die Kultur habe im Tal einen ebenso wichtigen Stellenwert wie die Natur, und der Tourismus sei das wichtigste Faustpfand für die Entwicklung der Region.