Home
http://www.faz.net/-gzg-70ldf
Donnerstag, 20. Juni 2013
HERAUSGEGEBEN VON WERNER D'INKA, BERTHOLD KOHLER, GÜNTHER NONNENMACHER, FRANK SCHIRRMACHER, HOLGER STELTZNER

Streit um Betreuungsgeld „Integration beginnt in Kitas“

 ·  Ob das Betreuungsgeld die Integration von Zuwanderern gefährdet, ist umstritten. Studien zeigen, dass Migrantenkinder schon jetzt später als andere in die Kindertagesstätten kommen.

Artikel Bilder (1) Lesermeinungen (6)

In der Diskussion über das Betreuungsgeld und die Integration von Zuwanderern hat Integrationsdezernentin Nargess Eskandari-Grünberg (Die Grünen) auf die freie Entscheidung von Eltern in der Kindererziehung verwiesen. Sie lehne die staatliche Leistung nicht ab, sagte sie auf Anfrage, warb aber für möglichst frühe Kontakte von Kindern und Eltern unterschiedlicher Herkunft in Kindertagesstätten. Das fördere die Integration.

Die Debatte darüber wurde jüngst durch eine Studie der Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (OECD) angefacht. Ihr zufolge ist der Anteil berufstätiger Zuwanderinnen in Norwegen nach der Einführung des dortigen Betreuungsgeldes um 15 Prozent gesunken. Das schwäche die Integration der Frauen und die von Kindern, die keine Betreuungseinrichtung mehr besuchten.

Beratung im Bundestag

Der Gesetzentwurf zum Betreuungsgeld soll heute erstmals im Bundestag beraten werden. Eltern, die ihr Kleinkind nicht in eine Krippe geben, sollen zunächst monatlich 100 und später 150 Euro erhalten. Für einen Ganztagsplatz für Kinder unter drei Jahren müssen Eltern in Frankfurt 198 Euro im Monat zahlen, ein Halbtagsplatz kostet 138 Euro.

Der Bundeszuwanderungs- und Integrationsrat, dem auch der hessische Landesausländerbeirat angehört, lehnt das Betreuungsgeld strikt ab. Kinder aus sozial schwachen Zuwandererfamilien profitierten besonders von Bildungsangeboten, nun würden „unnötigerweise Anreize geschaffen, Kinder in keine vorschulische Einrichtung zu schicken“. Die Gießener Familienwissenschaftlerin Uta Meier-Gräwe sagte, an der Kritik der OECD sei etwas dran, auch wenn man deren Studie nicht direkt auf Deutschland übertragen könne.

Sie erwartet jedoch einen ähnlichen Effekt und verweist darauf, dass in Thüringen die Zahl der zu Hause betreuten Kinder um 20 Prozent gestiegen sei, nachdem dort im Jahr 2006 das Betreuungsgeld eingeführt worden sei. Das hatte eine Studie des Instituts zur Zukunft der Arbeit ergeben. Diese spricht zwar nicht direkt von Migranten. Es liegt jedoch nahe, dass auch Zuwanderer zu der Gruppe von „Geringqualifizierten, Alleinerziehenden und Familien mit niedrigem Einkommen“ gehören, die die Leistung laut der Untersuchung vor allem in Anspruch nehmen.

Nach Ansicht von Enis Gülegen, dem Vorsitzenden der Kommunalen Ausländervertretung in Frankfurt, ist das zusätzliche Geld für Migranteneltern allerdings „zweit- bis drittrangig“. Ausschlaggebend für die Entscheidung, Kinder zu Hause zu betreuen, sei vielmehr der Wunsch, sie mit der Sprache ihrer Herkunftskultur vertraut zu machen, auch wenn die dominante Sprache Deutsch sei. Er hält entsprechende Sprachangebote in Betreuungseinrichtungen für sinnvoll, um Eltern entgegenzukommen.

In Hessen sind laut Integrationsmonitor 2010 zehn Prozent der Kleinkinder mit Migrationshintergrund in einer Kita, halb so viele wie jene ohne Zuwanderungsgeschichte. Solche Zahlen für Frankfurt gibt es nicht. Anders ist das bei den älteren Kindern. Nach der Frankfurter Integrationsstudie aus dem Jahr 2008 gibt es kaum Unterschiede zwischen Migranten und Nicht-Migranten, was den Kindergartenbesuch an sich angeht. Aber Zuwanderer-Kinder sind oft kürzer im Kindergarten als die anderen. Das wertet die Untersuchung als „bedeutenden Sozialisations- und Integrationsnachteil“.

„Je früher, desto besser“

Auch Eskandari-Grünberg verweist darauf, dass Kinder aus Zuwandererfamilien Einrichtungen erst spät besuchten, „etwa im letzten Kindergartenjahr“. Solange keine Kindergartenpflicht bestehe, „müssen wir überzeugend dafür werben“. Es gebe einen Zusammenhang zwischen einem längeren Kita-Besuch, dem Erwerb der deutschen Sprache und dem Schulerfolg. „Hier gilt offenbar: je früher, desto besser.“ Auch unabhängig davon diene es der Integration, wenn Kinder und ihre Eltern so früh wie möglich in Kontakt mit anderen Familien kämen.

Die Stadträtin hebt hervor, dass ihr Dezernat dabei sei, die Elternarbeit und Projekte der Frühförderung auszubauen und miteinander zu verbinden. Dazu hat auch die CDU-Fraktion einen Antrag vorgelegt (siehe untenstehenden Bericht). Für wichtig hält Eskandari-Grünberg aber auch die Weiterbildung von Erzieherinnen, besonders jener, deren Zweitsprache Deutsch ist.

  Weitersagen Kommentieren Merken Drucken
Weitersagen
Themen zu diesem Artikel

Jahrgang 1965, Redakteur in der Rhein-Main-Zeitung.

Jüngste Beiträge

Der Krach als Chart

Von Helmut Schwan

Gründlichkeit vor Schnelligkeit - das Prinzip hat sich bewährt. Ein großer Wurf wird mit der Norah-Studie aber nur gelingen, falls die Resultate zu gesicherten Grenzwerten und einem neuen Schutzkonzept führen werden. Mehr