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Steve Wilson in der Alten Oper : Schnörkellos kompliziert

  • -Aktualisiert am

Mag Pop: Steven Wilson in der Alten Oper Bild: Wonge Bergmann

Steven Wilson haucht dem Prog-Rock in der Alten Oper wieder neues Leben ein. Mit einer Rundumerneuerung des angestaubten Genres schafft er es, auch jüngere Generationen mit Prog-Rock anzusprechen.

          Schlicht dem amtierenden „King Of Prog-Rock“ Steven Wilson huldigen möchte die aus Nah und Fern angereiste Besucherschar und dann so etwas: Auf der Suche nach Reihe und Sitzplatz in der ausverkauften Alten Oper in Frankfurt kommen den noch Umherirrenden triviale Klänge zu Ohren, die sie irritieren. Schallen doch aus den Lautsprechern Evergreens der schwedischen Popheiligen ABBA. Und es kommt noch doller. Erzählt der seit dem Jahr 1983 künstlerisch aktive und von seinen Fans während des fast drei Stunden dauernden Konzerts ausdauernd bewunderte Brite, dem es gelang das angestaubte Genre Prog-Rock rundzuerneuern und auch jüngeren Generationen schmackhaft zu machen, doch zu Anfang des zweiten Teils minutenlang über den perfekten Popsong. Wilson berichtet, wie ihn als Kind sein Vater an die Musik von Pink Floyd und King Crimson heranführte, seine Mutter ihm aber Prince, David Bowie, Kate Bush, die Beatles, Depeche Mode oder eben ABBA nahebrachte. Überhaupt ABBA.

          Für Steven Wilson, der zum x-ten Mal mit gekonntem Griff seine ihm ständig ins Gesicht fallende schulterlange Haarpracht nach hinten zurrt, sind die Schweden die Olympioniken im Bereich Pop. Und dann lächelt der 50 Jahre alte Musiker, den noch immer eine jugendliche Aura umgibt, als wäre er Student der Philosophie im sechsten Semester, verschmitzt hinter seiner Brille hervor und lässt mit „Permanating“ ein munteres Stück Pop folgen, das in seiner argloser Fröhlichkeit auch Mike & The Mechanics gut zu Gesicht stünde. Zuvor gibt er noch rasch das Credo raus: „Let your inner pop beast be itself“. Womit der Mythos des Unantastbaren, der Wilson spätestens seit den Alben „Deadwing“ (2005) und „Fear Of A Blank Planet“ (2007) seines ehemaligen Projekts Porcupine Tree umgab, zumindest ein wenig entzaubert wäre.

          Klangwelten im Spannungsfeld

          Selbstverständlich versteht Wilson zu liefern, was alle Welt von dem autodidaktischen Sänger, Multiinstrumentalisten, Komponisten, Produzenten, Toningenieur und Remixer erwartet: in Rhythmus, Takt und Anspruch schnörkellos komplizierte Klangwelten im Spannungsfeld zwischen Ambient, Drone, Art-Pop, Prog-Rock, Fusion-Jazz und Extreme-Metal in Überlänge. Wilsons Kreationen gleichen dabei mathematischen Gleichungen und Algorithmen. Wie schon bei seinem vorherigen Besuch in der Alten Oper liefert der von Gitarrist Alex Hutchings, Keyboarder Adam Holzman, Schlagzeuger Craig Blundell sowie Nicholas Beggs an Bass und Chapman Stick assistierte Wilson ein Album in fast kompletter Länge: „To The Bone“, sein fünftes Studioelaborat als Solist, aber sein 747. Werk als Projektbeteiligter, wie er bei der Einführung scherzt. Einen Ratschlag ans Publikum liefert der barfüßig zwischen diversen E- und Akustikgitarren, Mikrofon und Keyboards wechselnde Bandchef gleich noch hinterher: „Feel open to express your enthusiasm“. Aber ja doch.

          Um einiges zugänglicher und kompromissbereiter als die Vorgängerwerke erweist sich das Material von „To The Bone“, das deutlich mehr von Pop und Rock als von Exotik und Extremen zehrt, wie schon zum Einstieg die Stücke „Nowhere Now“ und „Pariah“ perfekt unterstreichen. Gelegentlich leistet auch die israelische Sängerin Ninet Tayeb ihren Beitrag. Allerdings nicht wie bei Wilsons letzter Tour als Teil der Band, sondern lediglich als ein auf Gazévorhang im vorderen Bühnenbereich projizierter Videoclipeinspieler. Mit „Home Invasion“, „Regret #9“ und „Ancestral“ vom Album „Hand. Cannot. Erase“ (2015) geht es handfester zur Sache. Deftig nachgespült wird mit „The Creator Has A Mastertape“ von Porcupine Tree. Dass er in jungen Jahren nicht nur von Popmusik, sondern auch von Serienkillern fasziniert war, schickt Wilson dem Song „People Who Eat Darkness“ voraus, in dem religiöse Attentäter sowohl in Text als auch im Video-Cartoon thematisiert werden

          Stilistisch kontrastreich, aber mit höherem Anteil an alten Stücken von Porcupine Tree gestaltet sich die zweite Hälfte. Für Überraschungen sorgt auch der Zugabenteil: „Even Less“ singt Wilson nur zur eigenen E-Gitarrenbegleitung. Mit Band und Filmeinspielern unterlegt zieht er dann in „Harmony Korine“ und „The Raven That Refused To Sing“ noch einmal sämtlich Register.

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