Den Trolley hat sie immer dabei. Gleich nach dem Gespräch in der Kantine des Frankfurter Schauspiels bricht Stephanie Eidt nach Berlin auf. Dort ist sie zu Hause: bei ihrem Mann, dem Bühnen- und Filmkomponisten Bert Wrede, und ihren Kindern Aaron und Emilia. In Frankfurt ist sie quasi auf Montage: als Ensemble-Mitglied bei Intendant Oliver Reese und Untermieterin im Nordend. Wenn sie von der Probe oder der Vorstellung kommt, organisiert sie per E-Mail das Leben zu Hause. Wenn sie im Zug sitzt, hat sie Zeit: zum Essen, Schlafen und zum Rollenstudium. Deshalb zieht sie den ICE dem Flugzeug vor. Gerade hat sie die vorläufig letzte Vorstellung der „Phädra“ hinter sich. Ein Fototermin und gut vier Stunden Fahrzeit trennen sie noch von der vorgezogenen Sommerpause: drei Monate Familienleben und Urlaub in Salzburg, wo dann ihr Mann dienstlich zu tun hat.
Mutter und zugleich Schauspielerin sein, das bedeutet Erschöpfung oder schlechtes Gewissen. Die Erschöpfung hat Eidt kennengelernt, als sie versuchte, ihre Mutterpflichten mit der Schaubühne Berlin zu vereinen. 2005 zog sie sich zeitweilig vom Theater zurück und widmete sich ganz ihren Kindern. Nur gelegentlich gastierte sie, unter anderem am Hamburger Schauspielhaus. Nach vier Jahren wollte sie wieder einsteigen. Im Deutschen Theater, das sie gern besuchte, hatte sie den damaligen Chefdramaturgen Oliver Reese kennengelernt. Als er 2009 die Schauspiel-Intendanz in Frankfurt übernahm, bewarb sie sich für jeweils zwei Rollen im Jahr: „So konnte ich mich aus der Familienarbeit teilweise herausziehen.“ Ihr Gewissen macht da aber nicht ohne weiteres mit.
Also hetzt sie hin und her: zwischen dem szenischen Raum, den sie braucht, um sie selbst sein zu können, und dem privaten Raum, den sie braucht, um ihn mit ihrer Familie zu teilen. Sie stammt aus einer typischen Kleinbürgerfamilie. „Ich war ein sehr verschlossener Mensch“, sagt sie, als sie an ihre eigene Jugend zurückdenkt. 1966 in Limburg an der Lahn geboren, wuchs sie als Tochter eines Ingenieurs und einer Sekretärin mit zwei Geschwistern auf. Im Schultheater fand sie es faszinierend, dass ihr so viele Leute zuhörten und zusahen. „Ich brauchte einen Raum für die tragischen Geschichten und Gefühle, die man als Teenager sonst für sich behält“, erinnert sie sich. Ein Deutschlehrer erkannte ihre Begabung und probierte mit ihr die „Iphigenie“ und den „Sommernachtstraum“. Schon bald war sie sich sicher: „Hier habe ich den Raum, in dem ich existieren kann.“ Sie sprach an der Hochschule für Musik und darstellende Kunst in Hamburg vor und wurde genommen. Schon nach drei von vier Ausbildungsjahren engagierte Claus Peymann sie für das Wiener Burgtheater. „Da dachte ich an die große Karriere.“ Aber dann kam das böse Erwachen: lauter B-Produktionen und kleine Rollen, aber kein für sie wegweisender Regisseur. Mit 23 Jahren fühlte sich Stephanie Eidt verloren zwischen den gravitätischen Stars und dem uferlosen Apparat. Nach den „Besuchern“ von Botho Strauß (Regie: Niels-Peter Rudolph) und den „Vögeln“ von Aristophanes (Regie: Axel Mantey) verließ sie das Burgtheater: „Ich habe lange gebraucht, um meinen eigenen Weg zu finden.“
Sie ging ans Hessische Staatstheater Wiesbaden, spielte neben der Dunjascha im „Kirschgarten“ alle möglichen Rollen „rauf und runter“ und verkrachte sich mit der Intendantin Annegret Ritzel. Nach zwei Spielzeiten wechselte sie 1992 nach Lübeck. „Dort waren die Leute, die mich interessiert haben“: die Regisseure Elias Perrig und Andreas von Studnitz. Sie blieb fünf Jahre, bis sich dieser künstlerische Kreis allmählich auflöste. Im „Woyzeck“ spielte sie die Marie, in der „Iphigenie“ die Titelrolle. Dann folgte sie Daniel Karasek für zwei Stücke nach Wiesbaden und zog weiter nach Mannheim, wo sie unter anderem die Mascha in den „Drei Schwestern“ übernahm. Sie arbeitete mit Johannes Kresnik, Barbara Bilabel und Barbara Frey, mit der sie 1999 an die Schaubühne ging.
„Die Phädra ist eine Figur, mit der ich persönlich viel zu tun habe“
Hier trat Thomas Ostermeier gerade seine Intendanz an. Er besetzte Eidt in seinen Inszenierungen von Lars Norén („Personenkreis 3.1.“), Jon Fosse („Der Name“) und Marius von Mayenburg („Eldorado“). Aber sie arbeitete auch mit Luk Perceval und Tom Kühnel. Lauter Gegenwartsstücke, kein einziger Klassiker. Das störte sie nicht, wichtiger waren für sie stets Rollen und Regisseure. Sie habe viel von Ostermeier und vorher schon von Studnitz gelernt, aber den prägenden Regisseur gebe es nicht: „Man kann von einem Regisseur nicht lernen, wie der Beruf funktioniert.“ Man lerne auch durch das Ausprobieren und das Zuschauen: „Ich habe viel von Peter Zadek und Andrea Breth mitgenommen.“ Mittlerweile weiß sie: „Ein guter Regisseur kennt den Raum, in dem ein Schauspieler frei seine Rolle finden kann.“
Solche Freiheit gewährt Michael Thalheimer. Bert Wrede schreibt für den Regisseur die Musik, Eidt spielt in seiner Frankfurter „Maria Stuart“ die Elisabeth. Sie schätzt Thalheimers Inszenierungen den „klaren Raum und die klare Form“. Auch mit Karin Henkel hat sie immer gern gearbeitet, etwa als Olga in den „Drei Schwestern“, mit denen sie im Herbst 2009 ihr Frankfurter Debüt gab. Die Kritiker waren nicht amüsiert. Dafür überschütteten sie Eidt mit Jubelkritiken für die „Phädra“, die der neue Hausherr selbst inszeniert hatte: „Wir haben uns riesig gefreut, weil wir gar nicht damit gerechnet hatten“, erinnert sich die Schauspielerin. In seinem „Hamlet“ besetzte Reese sie als Königin Gertrud. Fassbinders „Veronika Voss“ empfand sie in der Nachfolge des „Superfilms“ eher als „schwierige Arbeit“ mit Bettina Bruinier.
„Die Phädra ist eine Figur, mit der ich persönlich viel zu tun habe“, gesteht sie und meint damit „die Zerrissenheit zwischen zwei Polen“. Ihre Titelheldin hat die Triebhaftigkeit der Mutter Pasiphae und das Rechtsbewusstsein des Vaters Minos geerbt. „Sie versagt vor dem Anspruch der Vaterseite“, erläutert die Schauspielerin ihre Rolle, die sie - bei aller Begeisterung - als „horrormäßig anstrengend“ empfindet. Phädra kann nicht anders als schuldig werden mit ihrer unbotmäßigen Liebe zum Stiefsohn, das liegt in der Natur der Tragödie, die Schuld als Schicksal begreift. Eidt ist keine Phädra, aber manchmal hat sie nachts ein schlechtes Gewissen, weil sie nicht in Berlin ist. Dann steht sie um fünf Uhr auf und fährt um sechs Uhr nach Hause: „Ich laufe immer ein bisschen wie betäubt durch die Gegend.“