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Veröffentlicht: 29.03.2016, 14:10 Uhr

Fintechs in Frankfurt Junge Konkurrenz für etablierte Banken

Existenzgründer, deren Geschäftsmodell in die App eines Smartphones passt, machen den Banken Konkurrenz. Bisher vor allem von Berlin aus. Nun will Frankfurt bei solchen Fintechs aufholen.

von , Frankfurt
© Wolfgang Eilmes Fintech-Hub Frankfurt: Hubertus Väth sieht Frankfurt als Hub zur globalen Vernetzung der Fintech-Szene. (Archivbild)

Bald werden die Koffer gepackt. Frank Jorga und Thomas Fürst ziehen um. Und mit ihnen die WebID Solutions GmbH. Raus aus Berlin, rein nach Frankfurt. Das junge Finanztechnologieunternehmen, kurz Fintech, verlässt die Hauptstadt, so wollen es die beiden Geschäftsführer. „Wir suchen die Nähe zu den Kunden sowie eine gute Infrastruktur, um uns global auszurichten.“ Beides wird dem Unternehmen am Main geboten.

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Dort hört man diese Worte gerne. Denn zwischen den Bankentürmen ist eine Diskussion entbrannt über die Frage: Wer ist die deutsche Fintech-Hauptstadt? Berlin oder Frankfurt? Dass genau in dieser Zeit ein ambitioniertes Fintech-Unternehmen in die Mainmetropole zieht, sorgt in diesem Wettkampf für Freude.

„Berlin ist die dynamischste und lebendigste Stadt in Europa“

WebID Solutions bietet ein selbst entwickeltes Verfahren an, das es Verbrauchern ermöglicht, Verträge online abzuschließen, zum Beispiel mit Banken. Bisher mussten Kunden zur Legitimation zu einer Bankfiliale oder zur Post laufen. Das soll nun vorbei sein. Viele Banken machen schon mit. Das Geschäft läuft gut.

Fintechs wie dieses erobern mit digitalen Konzepten die Finanzwelt. Mit Handy-Apps, die Verbrauchern die Geldanlage erleichtern oder den weltweiten Währungshandel revolutionieren sollen, oder auch mit Online-Bezahlplattformen. Der Markt wächst enorm, im vergangenen Jahr wurden weltweit mehr als 25Milliarden Euro in Fintechs investiert.

Schauplatz Berlin. Tamaz Georgdaze ist Gründer von Weltsparen.de. Die Plattform ermöglichst es Kunden, Fest- und Tagesgelder bei mehreren Banken in unterschiedlichen Ländern anzulegen – und sich dafür nur einmal anmelden zu müssen. „Berlin ist die dynamischste und lebendigste Stadt in Europa“, schwärmt Georgadze. Die 70 Mitarbeiter kommen aus 17 Nationen, „die Stadt ist ein Magnet“.

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Adrian Spanu hat zuletzt im Silicon Valley bei Facebook gearbeitet. Also dort, wo alle IT-Entwickler sein wollen. Doch er fand, dass dort zu viele Menschen den schnellen Profit anstreben, und wollte eine neue Kultur erleben. Jetzt arbeitet er bei Weltsparen in Berlin. „Die Stadt hat einen weltweiten Ruf als Start-up-City.“

„In Frankfurt ist für Fintechs bisher zu wenig gemacht worden“

Das lässt sich über Frankfurt nicht behaupten. „Es ist nicht einfach für uns, gute IT-Fachleute zu bekommen“, sagt Oliver Vins. Mit seiner Plattform Vaamo will er die Geldanlage vereinfachen. Das Bürogebäude im Gallusviertel, in dem das bekannteste Frankfurter Fintech-Unternehmen residiert, ist hip, wie man sagt: große Büros, hohe Decken, Tischkicker. „Frankfurt muss als Standort für Start-ups attraktiver werden“, findet Vaamo-Gründer Vins. Sein Kollege Lars Reiner, Gründer und Chef einer digitalen Anlageberatung namens Ginmon, sieht das ähnlich. „In Frankfurt ist für Fintechs bisher zu wenig gemacht worden“, kritisiert er. Reiner war früher Banker, arbeitete bei der Deutschen Bank. „Ich hatte immer das Gefühl, dass der Kunde etwas anderes will, als wir angeboten haben.“ Nun hat er sein eigenes Unternehmen. In den ersten drei Monaten 2016 hat Ginmon schon viermal mehr Umsatz gemacht als im gesamten Jahr 2015. Reiner sagt, in Berlin finde sich derzeit noch ein größeres Ökosystem für Existenzgründer dieser Art als in Frankfurt.

Eine Studie stützt diese Vermutung. Die Unternehmensberatung EY hat ausgerechnet, dass die Zahl der Fintechs in Deutschland 2015 um 32 auf 251 gestiegen ist. Dabei finde eine Verdichtung der Unternehmen in Berlin, München und der Region Rhein-Main-Neckar statt, heißt es. „Berlin hat es geschafft, Deutschlands Gründerzentrum zu werden“, sagt EY-Berater Jan-Erik Behrens. Mit 69Unternehmen liege die Hauptstadt vorn. Das Rhein-Main-Gebiet holt auf, hier ist das stärkste Wachstum, die Region kommt EY zufolge derzeit auf 50 Fintechs. Berlin habe sich ein Fintech-Netz mit starken Wurzeln im Endkundengeschäft aufgebaut, erläutert Behrens. In Frankfurt hingegen werde es verstärkt um B2B-Lösungen gehen. Das heißt: Der Standort könnte mit Lösungen punkten, die Prozesse innerhalb der Banken verbessern. „Das ist der große Trend“, sagt Vins, „dafür braucht es Fachleute mit Insiderwissen, am besten ehemalige Banker.“ Und die säßen nun einmal in Frankfurt.

Mit Berlin zur Nummer eins in Europa

Hubertus Väth kennt die Finanzszene gut. Er ist Geschäftsführer des Finanzplatzvereins Frankfurt Main Finance. Väth ist sicher, in Frankfurt werde es zu einer Zerlegung der Wertschöpfungsketten kommen. „Banken werden leistungsfähige Zulieferer brauchen.“ Dabei entstünden Chancen für Fintechs. Neue Themen, weniger glamourös und sexy als die hippen Apps, aber dafür mit umso größerem Wachstumspotential. „Und diese Themen finden in Frankfurt statt“, da ist er sicher.

Die Stadt am Main bemüht sich, Versäumtes nachzuholen, zum Beispiel mit einem Fintech-Zentrum, in das ausländische Investoren eingeladen werden und in dem sich Mitarbeiter von Start-ups austauschen und unterstützen sollen. „Ich sehe Frankfurt als Hub zur globalen Vernetzung der Fintech-Szene“, meint Väth. Den Wettbewerb zwischen Berlin und Frankfurt sieht er positiv, von der dortigen Gründerstimmung profitiere auch Frankfurt.

Die jungen Gründer sehen das ähnlich. Ein Wettbewerb zwischen Berlin um Frankfurt sei nicht zielführend, findet Weltsparen.de-Chef Georgadze. Der Frankfurter Vins teilt das. „Es geht nicht um das Duell der beiden Städte“, sagt er und verweist auf London, wo viermal so viele Menschen in Fintechs arbeiten. „Wir wollen gemeinsam die Nummer eins in Europa werden.“

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