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Städel Museum Das hellsichtige Lasttier und der störrische Mensch

Der Esel gehört zur Krippe, zum Bild von Christi Geburt, zur weihnachtlichen Ikonographie. Im Frankfurter Städel Museum beispielsweise findet sich das Langohr auf einer Reihe von Bildern zur christlichen Heilsgeschichte. Aber der Esel in seiner Gottesnähe ist auch ein Thema der Literatur. Von alters her.

Tiere sehen mehr als Menschen. Das wusste schon der biblische Redakteur, der die Geschichte von Bileams Eselin ins vierte Buch Mose aufnahm. Als der Magier Bileam aus dem Zweistromland in die Steppen östlich von Jericho zog, um auf Geheiß des Königs von Moab die einwandernden Hebräer zu verfluchen, stellte sich ihm der Engel des Herrn in den Weg. Seine Eselin sah ihn, wich zweimal aus, kassierte Prügel und sank beim dritten Mal in die Knie. Da erst gingen auch Bileam die Augen auf.

Peinlich für einen Zauberer, der sonst direkt mit Gott konferierte und wie die meisten seiner Zunft doch mit Hellsichtigkeit begabt gewesen sein muss. Was dem archaischen Bewusstsein schamanischer Praktiker noch heute zugänglich ist, war ihm offenbar entglitten. „Mit allen Augen sieht die Kreatur/ das Offene. Nur unsre Augen sind/ wie umgekehrt“, hat es Rainer Maria Rilke in der achten seiner Duinesischen Elegien umschrieben. „Was draußen ,ist‘, wir wissens aus des Tiers/ Antlitz allein.“

Warum ausgerechnet der Esel?

„Krafttiere“ nannten die Schamanen seit je die animalischen Medien ihrer Intuition zur Fühlungnahme mit dem Numinosen. Warum ist aber ausgerechnet der Esel als Mystagoge in die jüdisch-christliche Überlieferung und in die abendländische Literaturgeschichte eingegangen? Weil er der Liebling des Apoll gewesen war, wie Pindar in seiner zehnten Pythischen Ode behauptet? Weil Apolls Kythara mit dem Esel aus Kleinasien nach Europa eingewandert ist und der Christengott den Eselsgott als Lichtbringer ablöste, wie wir von dem Übersetzer und Essayisten Fritz Vogelgsang erfahren?

Es ist wohl eher unwahrscheinlich, dass Franziskus von Assisi deshalb Ochs und Esel neben seine Weihnachtskrippe gestellt hat. Aber in der Weihnachtsgeschichte des Evangelisten Lukas war halt von einer Krippe die Rede, und Matthäus hatte von der Flucht der Heiligen Familie vor Herodes nach Ägypten berichtet, was sich die christliche Legende nur auf dem traditionellen Lasttier des Vorderen Orients vorstellen konnte. Und war Jesus nicht auch auf einem Esel in Jerusalem eingezogen, wie es Jesaja prophezeit hatte?

Oft beleumundet, doch unentbehrlich

Gründe also genug, um das oft so übel beleumundete Grautier, den unentbehrlichen Helfer der Mittelmeer-Anrainer, in den christlichen Volksglauben des 13. Jahrhunderts einzuführen. Aber der Esel ist mehr als eine Krippenfigur der umbrischen Bauerntradition. Vor allem die spanischen Dichter haben ihn immer wieder als Mystagogen besungen, der die Menschen demütig, aber beharrlich, ja fast ein wenig stur in seiner Hellsichtigkeit über die Schwelle ihres verblendeten Egos ins „Offene“ geleitet.

Einen solchen Esel hat der spanische Literaturnobelpreisträger Juan Ramón Jiménez mit seinem Platero geschaffen. In seiner andalusischen Elegie „Platero und ich“, die der junge Dichter zwischen 1907 und 1916 verfasst und Fritz Vogelgsang kongenial übersetzt hat, öffnet der vierbeinige Titelheld dem lyrischen Ich die Augen für die Kinder am Brunnen und die Blumen am Wegrand, die dem Sehenden nicht weniger wert sind als die paradiesische Himmelsrose in Dantes „Göttlicher Komödie“.

Das Charisma der Esel

Einige Jahre später fand der spanische Journalist José Maria Sánchez-Silva mit seiner „Eselin Ungerad“ eine potentielle Braut für Platero. Nach Jahren des Leidens unter den erbarmungslosen Händen der Menschen bricht die Eselin nach einem Zusammenstoß mit einem Auto bewusstlos zusammen. In einer Nahtod-Vision begegnet sie im Paradies ihrem Vorgänger, bevor sie unter Schlägen und Tritten wieder zu sich kommt. Aber sie hat etwas mitgebracht aus Plateros Tierhimmel: die göttliche Liebe.

Von diesem Geschenk der Esel, dem Charisma der Tiere, wusste auch der französisch-baskische Pyrenäen-Dichter Francis Jammes, als er darum bat, mit den Eseln in den Himmel eingehen zu dürfen: „Lass mich, mein Gott, mit diesen Eseln zu dir schreiten/ Und gib, dass ich in jenem Seelenreiche,/ zu deinen Wassern hingebeugt, den Eseln gleiche,/ die alle sanfte, arme Demut ihres Gangs auf Erden/ Im lautern Quell der ewgen Liebe spiegeln werden.“

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Quelle: F.A.S.

 
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