http://www.faz.net/-gzg-759g8

Städel Museum : Das hellsichtige Lasttier und der störrische Mensch

Der Esel gehört zur Krippe, zum Bild von Christi Geburt, zur weihnachtlichen Ikonographie. Im Frankfurter Städel Museum beispielsweise findet sich das Langohr auf einer Reihe von Bildern zur christlichen Heilsgeschichte. Aber der Esel in seiner Gottesnähe ist auch ein Thema der Literatur. Von alters her.

          Tiere sehen mehr als Menschen. Das wusste schon der biblische Redakteur, der die Geschichte von Bileams Eselin ins vierte Buch Mose aufnahm. Als der Magier Bileam aus dem Zweistromland in die Steppen östlich von Jericho zog, um auf Geheiß des Königs von Moab die einwandernden Hebräer zu verfluchen, stellte sich ihm der Engel des Herrn in den Weg. Seine Eselin sah ihn, wich zweimal aus, kassierte Prügel und sank beim dritten Mal in die Knie. Da erst gingen auch Bileam die Augen auf.

          Claudia Schülke

          Feste freie Redakteurin in der Rhein-Main-Zeitung.

          Peinlich für einen Zauberer, der sonst direkt mit Gott konferierte und wie die meisten seiner Zunft doch mit Hellsichtigkeit begabt gewesen sein muss. Was dem archaischen Bewusstsein schamanischer Praktiker noch heute zugänglich ist, war ihm offenbar entglitten. „Mit allen Augen sieht die Kreatur/ das Offene. Nur unsre Augen sind/ wie umgekehrt“, hat es Rainer Maria Rilke in der achten seiner Duinesischen Elegien umschrieben. „Was draußen ,ist‘, wir wissens aus des Tiers/ Antlitz allein.“

          Warum ausgerechnet der Esel?

          „Krafttiere“ nannten die Schamanen seit je die animalischen Medien ihrer Intuition zur Fühlungnahme mit dem Numinosen. Warum ist aber ausgerechnet der Esel als Mystagoge in die jüdisch-christliche Überlieferung und in die abendländische Literaturgeschichte eingegangen? Weil er der Liebling des Apoll gewesen war, wie Pindar in seiner zehnten Pythischen Ode behauptet? Weil Apolls Kythara mit dem Esel aus Kleinasien nach Europa eingewandert ist und der Christengott den Eselsgott als Lichtbringer ablöste, wie wir von dem Übersetzer und Essayisten Fritz Vogelgsang erfahren?

          Es ist wohl eher unwahrscheinlich, dass Franziskus von Assisi deshalb Ochs und Esel neben seine Weihnachtskrippe gestellt hat. Aber in der Weihnachtsgeschichte des Evangelisten Lukas war halt von einer Krippe die Rede, und Matthäus hatte von der Flucht der Heiligen Familie vor Herodes nach Ägypten berichtet, was sich die christliche Legende nur auf dem traditionellen Lasttier des Vorderen Orients vorstellen konnte. Und war Jesus nicht auch auf einem Esel in Jerusalem eingezogen, wie es Jesaja prophezeit hatte?

          Oft beleumundet, doch unentbehrlich

          Gründe also genug, um das oft so übel beleumundete Grautier, den unentbehrlichen Helfer der Mittelmeer-Anrainer, in den christlichen Volksglauben des 13. Jahrhunderts einzuführen. Aber der Esel ist mehr als eine Krippenfigur der umbrischen Bauerntradition. Vor allem die spanischen Dichter haben ihn immer wieder als Mystagogen besungen, der die Menschen demütig, aber beharrlich, ja fast ein wenig stur in seiner Hellsichtigkeit über die Schwelle ihres verblendeten Egos ins „Offene“ geleitet.

          Einen solchen Esel hat der spanische Literaturnobelpreisträger Juan Ramón Jiménez mit seinem Platero geschaffen. In seiner andalusischen Elegie „Platero und ich“, die der junge Dichter zwischen 1907 und 1916 verfasst und Fritz Vogelgsang kongenial übersetzt hat, öffnet der vierbeinige Titelheld dem lyrischen Ich die Augen für die Kinder am Brunnen und die Blumen am Wegrand, die dem Sehenden nicht weniger wert sind als die paradiesische Himmelsrose in Dantes „Göttlicher Komödie“.

          Das Charisma der Esel

          Einige Jahre später fand der spanische Journalist José Maria Sánchez-Silva mit seiner „Eselin Ungerad“ eine potentielle Braut für Platero. Nach Jahren des Leidens unter den erbarmungslosen Händen der Menschen bricht die Eselin nach einem Zusammenstoß mit einem Auto bewusstlos zusammen. In einer Nahtod-Vision begegnet sie im Paradies ihrem Vorgänger, bevor sie unter Schlägen und Tritten wieder zu sich kommt. Aber sie hat etwas mitgebracht aus Plateros Tierhimmel: die göttliche Liebe.

          Von diesem Geschenk der Esel, dem Charisma der Tiere, wusste auch der französisch-baskische Pyrenäen-Dichter Francis Jammes, als er darum bat, mit den Eseln in den Himmel eingehen zu dürfen: „Lass mich, mein Gott, mit diesen Eseln zu dir schreiten/ Und gib, dass ich in jenem Seelenreiche,/ zu deinen Wassern hingebeugt, den Eseln gleiche,/ die alle sanfte, arme Demut ihres Gangs auf Erden/ Im lautern Quell der ewgen Liebe spiegeln werden.“

          Quelle: F.A.S.

          Weitere Themen

          Dieter Rams Thesen für gutes Design Video-Seite öffnen

          Produktionsdesign : Dieter Rams Thesen für gutes Design

          Dieter Rams ist einer der einflussreichsten Produktdesigner der Moderne. Viele seiner Entwürfe sind Design-Klassiker. Sein Motto: Weniger ist mehr. Seine "Zehn Thesen für gutes Design" jetzt in einem Bildband.

          Topmeldungen

          Monokulturen und der Einsatz von Agrarchemikalien stehen im Verdacht als Auslöser des Insektenschwunds.

          75 Prozent weniger Insekten : „Wir befinden uns mitten in einem Albtraum“

          Das Insektensterben lässt sich nicht mehr abstreiten. Der oft kritisierte Krefelder Entomologen-Verein hat jetzt in einer Langzeitstudie gezeigt: Die Populationen sind seit der Wende um drei Viertel geschrumpft. Welchen Anteil hat die Landwirtschaft, welchen das Klima?
          Abgang: Stanislaw Tillich am Mittwoch

          Tillichs Rücktritt : Sächsischer Befreiungsschlag

          Sachsens Ministerpräsident Stanislaw Tillich tut jetzt das, was während seiner Regentschaft viele bitter vermisst haben: Er handelt konsequent. Die Luft um ihn war schon lange vor seinem Rücktritt dünn geworden.
          Make China Great Again: Studenten sehen sich in Huaibei Xis Eröffnungsrede des Parteikongresses an. Der Jubel für den Parteichef ist groß.

          Chinas Zukunft : Groß, marxistisch, schön

          Xi Jinping skizziert China als moderne, orthodoxe Weltmacht. Den „chinesischen Traum“ will er mit Härte verwirklichen. Und einer starken, unumstrittenen Partei.
          Andrea Nahles und Thomas Oppermann, kurz nachdem sie zu seiner Nachfolgerin gewählt wurde. Oppermann schielt jetzt auf das Amt des Bundestags-Vizepräsidenten – nur ist er da nicht der einzige.

          Neuer Bundestag : Das Postengeschiebe hat begonnen

          Die Nominierung des Kandidaten für die Bundestags-Vizepräsidentschaft bereitet der SPD einige Schwierigkeiten. Währenddessen hält die FDP für den Posten ihrer Partei eine Überraschung bereit.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.