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Städel-Ausstellung Bilder, in denen die Künste sich treffen

 ·  Ganz ohne Malerei geht es auch bei Fotokünstlern nicht. Das zeigt eine Ausstellung im Frankfurter Städel-Museum.

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Illusion ist längst nicht mehr nur Sache der Malerei. Die Fotografie ihrerseits war schon im prädigitalen Zeitalter nicht mehr allein auf die Abbildung des rein Faktischen festgelegt. Die Emanzipation vom dokumentarischen zu einem auch künstlerischen, der Malerei ebenbürtigen Medium vollzog sich freilich nicht ohne Rückgriff auf malerische Ästhetik, Techniken, Stile und Einzelwerke der Kunstgeschichte. Das legt die Ausstellung „Malerei in Fotografie - Strategien der Aneignung“ nahe, mit der sich auch das Frankfurter Städel-Museum nicht mehr nur als ein Haus für Malerei präsentiert, sondern auch als Ort für Fotografie ernst genommen werden will. Diesen Anspruch erhebt es spätestens seit dem Zugewinn von 220 Arbeiten aus der Sammlung der DZ Bank im Jahr 2008, aus der neben Foto-Kunst aus eigenem Besitz und einigen Leihgaben die nun gezeigten Exponate stammen.

Der früheste Beleg für malerische Tendenzen in der Fotografie stammt von László Moholy-Nagy. In den zwanziger Jahren des vergangenen Jahrhunderts entfernte er sich von seinem Medium so weit, dass er auf eine Kamera verzichtete. Dinge des täglichen Lebens legte er direkt auf Fotopapier und setzte das Arrangement dem Licht aus. Gut zehn Jahre nachdem Kandinskys gegenstandslose Gemälde Geschichte geschrieben hatten, sind auf diesen Fotogrammen die Objekte als solche schemenhaft erkennbar. Schatten, Schimmer, feine Verläufe, scharfe Kanten und harte Kontraste fügen sich aber zu einer abstrakten Komposition von malerischer Qualität. In direkter Nachbarschaft führt Otto Steinerts Luminogramm von 1952 vor Augen, dass das Material des Künstlers nicht mehr die Farbe, sondern das Licht ist. In Bewegung hinterlässt es Spuren und „malt“ informelle Linien auf das Negativ.

Ein Bild vom Bild im Bild

In einem sehr kleinen Bild nimmt eine umso demonstrativere Geste von Louise Lawler Gestalt an: Die quadratische Ansicht eines nahezu leeren Ausstellungsraumes ist ein Bild vom Bild vom Bild: Aufgenommen hat die Künstlerin eine ihrer eigenen Arbeiten, die als einziges Exponat in einem White Cube hängt und Gerhard Richters Bild „Ema“ in einem ganz ähnlichen Raum zeigt. Nur dass das berühmte Gemälde quer am Boden steht und erst noch aufgehängt werden muss. Lawler setzt nicht nur die Überlegenheit des eigenen Mediums ins Bild, sie weist damit auch darauf hin, dass es oft genug schon umgekehrt gewesen ist und nicht die Fotografie auf die Malerei, sondern die Malerei auf die Fotografie reagiert hat.

Dass so wie ein Maler auch ein Fotograf ein realistisch wirkendes, tatsächlich aber fiktives Bild komponieren kann, führt Beate Gütschow frappant vor Augen. Ihre an Claude Lorrains Motive erinnernde Waldlichtung ist am Computer entstanden. Schon unauffällig in die Komposition gemischte Schutt- und Lehmhaufen zeigen, dass in der pastoralen Idylle etwas nicht stimmt. Auch Oliver Boberg inszeniert Realität, aber anders: Zwei Aufnahmen zeigen eine Unterführung und ein Parkdeck, wie man sie schon ungezählte Male gesehen zu haben glaubt. Dass es sich dabei um - bemalte - Modelle handelt, erkennt niemand.

Perspektivwechsel und Einbeziehung des Betrachters

Zu einer spektakulären Leihgabe hat Carolin Köchling, die die Ausstellung zusammen mit Martin Engler kuratiert hat, den Künstler Jeff Wall überreden können: Sein „Picture for Women“ von 1979 lehnt sich in seinem zentralperspektivischen Aufbau an die Renaissance-Malerei an. Zugleich ist in diesem ganz frühen Beispiel seiner vor Leuchtkästen montierten Diapositive Walls Faszination für Édouard Manets Kunst noch überdeutlich.

Die Frau in der linken Bildhälfte ist inspiriert von der Bardame aus dem berühmten Bild „Bar in den Folies-Bergère“. Wall erweitert das Motiv, indem er die Betrachter des Werks in den Prozess der Bildentstehung mit einbezieht: Mit der Hand am Auslöser seiner auf uns gerichteten Kamera steht der Künstler selbst in der rechten Bildhälfte. Aus dieser Perspektive würde er die Dame allerdings von hinten zeigen. Die Szene muss sich also vor dem Spiegel abspielen. Aber wo befinden wir uns dann? Mit dem in die Gegenwart überführten Manet-Zitat fragt Wall auch danach, unter welchen Bedingungen heute Bilder entstehen.

Aus japanischen Mangas werden Farbschlieren

Beim Rundgang durch die strukturiert aufgebaute Schau schaffen formale Kongruenzen aparte Übergänge. Etwa wenn der Blick von den konzentrischen Kreisen, zu denen sich Annette Kelm von Jasper Johns’ „Targets“ inspirieren ließ, auf einen ähnlichen Kreis und andere geometrische Formen fällt, mit denen George Rousse Abbruchhäuser ausgemalt hat, die aussehen, als schwebten sie über dem Foto. Erst ein Weitwinkelobjektiv lässt diesen zweidimensionalen, also malerischen Eindruck entstehen. An anderer Stelle könnte man den malerischen Topos des Fensters zur Welt, den Robert Rauschenberg mit verhängten und zugestellten Fenstern konterkariert, auch in Jeff Walls verrammeltem „Blind Window“ erkennen. Dieses Bild wiederum macht auch Anleihen beim Minimalismus.

Im monumentalen Anbau dann monumentale Fotografie. Dass Thomas Ruffs psychedelischen Farbschlieren japanische Mangas zugrundeliegen, erkennt kein Mensch mehr. Ganz ohne Vorlage kommt Wolfgang Tillmans in seinem Fotogramm „Freischwimmer“ aus. Die reine Selbstreflexion sind auch querliegende und also unmögliche „Tropfen“, zu denen er Fotopapier geformt hat.

Malerei ist kein „altes“ Medium

Joseph Kosuth hat mit der Malerei gehadert, als er 1966 den Lexikon-Eintrag von „paintless“ abfotografierte. Die Malerei indes wird nicht zum „alten“ Medium, weil die Fotografie sie sich aneignet. Nach dem Besuch der Ausstellung aber hat man einen neuen Begriff von Fotorealismus.

Die Ausstellungist im Frankfurter Städel-Museum, Schaumainkai 63, bis zum 23. September zu sehen und dienstags sowie freitags bis sonntags von jeweils 10 bis 18 Uhr, mittwochs und donnerstags von jeweils 10 bis 21 Uhr geöffnet.

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