Aus Schaden wird man klug. Von jedem Antrag, den die Berthold-Otto-Schule ans Stadtschulamt schickt, macht die Sekretärin zuvor eine Kopie. Zur Sicherheit. Allzu oft komme es nämlich vor, dass das Amt nicht reagiere, sagt Schulleiterin Ingrid König. Wenn sie dann anrufe und nachfrage, erhalte sie häufig Antworten wie: Man könne das Schreiben nicht finden, der Sachbearbeiter habe gewechselt, der Vorgang sei offenbar irgendwo verschollen. „Schreiben Sie am besten nochmal, heißt es dann“, sagt König. In solchen Fällen sei es gut, eine Kopie zu haben. Die könne die Sekretärin dann ans Amt schicken. In der Hoffnung, diesmal eine Reaktion zu erhalten.
Wer Frankfurter Schulleiter auf die Arbeit des Stadtschulamts anspricht, sollte sich auf eine längere Unterhaltung einstellen. Die heiteren unter den dann zu hörenden Geschichten erinnern an Reinhard Meys Lied Antrag auf Erteilung eines Antragsformulars, die bitteren an Kafkas Prozess. Mal sind es die kleinen Probleme, die den Schulen das Leben schwer machen. Zum Beispiel, wenn der Lions-Club einer Klasse der Berthold-Otto-Schule, einer Grundschule in Griesheim, den Theaterbesuch bezahlt. „Dann muss unsere Sekretärin zehnmal im Schulamt anrufen, bis wir eine Spendenquittung geschickt bekommen“, sagt Schulleiterin König. Sponsoren, und seien es noch so großzügige, könnten aber nicht verstehen, warum sie monatelang auf eine Quittung warten müssten.
Kritik ist seit vielen Jahren zu hören
Während sich das Staatliche Schulamt im Auftrag des Kultusministeriums um die Lehrer und den Unterricht kümmert, ist das städtische Schulamt für den Bau, die Ausstattung und die Instandhaltung der Schulgebäude verantwortlich. Die Behörde, die dem Bildungsdezernat zugeordnet ist, wirkt auch bei der Schulentwicklungsplanung mit, also bei Fragen, ob Bildungsstätten eröffnet, geschlossen oder verändert werden. Außerdem obliegen ihr sogenannte schulnahe Aufgaben, wie die Nachmittagsbetreuung und sozialpädagogische Angebote.
Die Kritik an der städtischen Schulverwaltung ist seit vielen Jahren zu hören. Ende 2009 traten mehrere Schulleiter mit ihren Klagen an die Öffentlichkeit. Sachbearbeiter seien wochenlang nicht zu erreichen, Anfragen blieben liegen, wichtige Vorhaben scheiterten an bürokratischen Hürden oder offenkundigen Bearbeitungsfehlern. Die damalige Bildungsdezernentin Jutta Ebeling (Die Grünen) gestand ein, dass es an der einen oder anderen Stelle Mängel geben könne. Vor allem die Kommunikation zwischen Schulen und Schulamt sei nicht optimal, sagte sie und gelobte Besserung.
Ziemlich frustriert
Zweieinhalb Jahre später hat Sarah Sorge die Nachfolge ihrer Parteifreundin Ebeling angetreten. Dass es grundlegende Probleme im Schulamt gebe, streitet sie ab. In den ersten drei Monaten ihrer Amtszeit habe sie sich ein Bild von der ihr unterstehenden Verwaltung gemacht. Der schlechte Ruf des Schulamts entbehre jeglicher Grundlage. Die Mitarbeiter seien engagiert, flexibel und zielorientiert - von der Spitze bis in die kleinste Abteilung. Als Erklärung für die Schwierigkeiten zwischen Amt und Schulen nennt Sorge wie ihre Vorgängerin die Kommunikation. Vielen Schulleitern, Eltern oder Lehrern sei nicht klar, wie Verwaltung funktioniere. So komme es zu Missverständnissen und Frustrationen.
Ziemlich frustriert klingt auch Hans Werner Jorda, Realschulleiter im Nordend. Er steht in der Turnhalle seiner Fürstenbergerschule und schaut nach oben. Direkt ins Gebälk des Dachstuhls, denn eine Decke gibt es seit April 2011 nicht mehr. Sie war feucht und wurde abgenommen, allerdings ohne eine neue Decke einzubauen. Dementsprechend schlecht sei es um die Akustik und das Klima im Sportunterricht bestellt, sagt der Realschulleiter. Die veralteten Heizkörper reichten bei weitem nicht aus, an kalten Wintertagen habe die Raumtemperatur bei zwölf Grad gelegen.
Nicht Hauptaufgabe des Schulleiters
Die Turnhalle ist nicht das einzige bauliche Problem, mit dem Jorda zu kämpfen hat. Den Schimmel im Keller habe er dem Schulamt im September gemeldet, beseitigt worden sei er erst in den Osterferien. Wer durchs Schulhaus geht, sieht überall Risse, heraushängende Kabel und Löcher im Putz. Das sei keine adäquate Lernumgebung, findet Jorda. „So darf eine Schule nicht aussehen“, appelliert er und richtet sich damit nicht nur ans Schulamt, sondern auch ans Hochbauamt. Dieses führt die Arbeiten aus, ist aber für Absprachen oder Nachfragen nach Jordas Worten oft nicht erreichbar.
Eigentlich, meint Jorda, sei es nicht die Hauptaufgabe eines Schulleiters, sich mit Ämtern auseinanderzusetzen. Sein Auftrag sei es, die Schule so zu führen, damit sie ihre Schüler gut aufs Leben und den Beruf vorbereite. „Stattdessen beschäftige ich mich ein Drittel der Zeit mit Baukrempel.“ Immerhin einen Erfolg hat er erzielt: Am Freitag sollen Malerarbeiten im Treppenhaus beginnen.
Demonstration vor dem Römer
Es sind nicht nur die Schulen, die über die Stadtverwaltung klagen. Eltern aus Zeilsheim haben in den vergangenen Monaten einen öffentlichen Konflikt mit dem Schulamt und dem Bildungsdezernat ausgetragen. Hintergrund ist die Situation an der Käthe-Kollwitz-Schule, deren Kinder seit Jahren in provisorischen Unterkünften lernen. Nach Angaben der Eltern hatte das Schulamt Ende 2011 zugesagt, dass die Grundschüler nach den Sommerferien in das historische Schulhaus zurückkehren könnten. Daran kamen jedoch Zweifel auf, weil das Gebäude noch anderweitig genutzt wird und in einem äußerst schlechten baulichen Zustand ist.
Näheres über geplante Sanierungen und einen möglicherweise verschobenen Einzugstermin erfuhren die Eltern allerdings nicht. Weil sie sich damit nicht zufrieden geben wollten, organisierten sie eine Demonstration und zogen unter dem Motto „Wir wissen nix“ vor den Römer. Inzwischen ist klar, dass die Grundschüler wohl erst im Herbst 2013 zurück in den Altbau können.
Die Schulen seien auf die Unterstützung der Behörde angewiesen
Weiterer Unmut entstand in Zeilsheim, als das Gerücht umging, das Schulamt wolle in einem Gebäude, das bisher für die Nachmittagsbetreuung der Kollwitz-Schüler genutzt wird, eine andere Schule ansiedeln. Erst auf Nachfrage sei eingeräumt geworden, dass die Stadt diese Pläne schon jahrelang verfolge. Allerdings ohne die betroffenen Eltern zu informieren, klagt eine Mutter. „Kommunikation - Fehlanzeige, Offenheit für Argumentationen oder Bürgerwünsche - Fehlanzeige.“
Ingrid König, Leiterin der Berthold-Otto-Schule, will den Mitarbeitern des Stadtschulamts weder schlechten Willen noch Faulheit unterstellen. „Ich denke nicht, dass die dort die Füße hochlegen.“ Offenbar seien die Zuständigkeiten und Befugnisse in der Behörde aber unklar und es gebe häufig Personalwechsel. Die schlechte innere Organisation führe möglicherweise dazu, dass sich die Behörde nach außen abschotte. „Ich habe das Gefühl, das Stadtschulamt würde am liebsten ohne uns arbeiten.“
Die Schulen seien aber auf die Unterstützung der Behörde angewiesen, sagt König. Nicht nur wegen der Schulgebäude, sondern auch in ihrer pädagogischen Entwicklung. Nach Königs Meinung muss es regelmäßige Schulentwicklungsgespräche mit der Stadt geben. Im Fall der Otto-Schule könnte es etwa darum gehen, wie deren Arbeit an die besonderen Bedingungen des Standorts angepasst und im Stadtteil eingebunden werden könne. Sie habe versucht, solche Themen mit dem Schulamt anzusprechen, doch sie sei auf Ablehnung gestoßen. „Wenn wir von aus aktiv werden, sehen sie das im Schulamt als feindlichen Angriff an.“ Dabei gehe es doch darum, gemeinsam das Beste für die Schüler zu erreichen.
Kafkaese Strukturen zur Selbstversorgung von unnützen Beamten
Herbert Sax (H.Sax)
- 29.06.2012, 11:08 Uhr