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Skrupellose Vermieter : Kakerlake kommt, Mieter geht

Häuserzeile im Frankfurter Nordend: Seit Jahren wird hier der Prozess der Gentrifizierung beobachtet. Einkommensschwache Bewohner werden so verdrängt. Bild: dpa

Ungeziefer, Sperrmüll, Wasserrohrbrüche: Einige Eigentümer lassen ihre Häuser in Frankfurt offenbar absichtlich verwahrlosen, damit die Mieter schneller ausziehen. Jetzt will die Stadt einschreiten.

          Im April kamen die Kakerlaken. Seit 2007 der Eigentümer wechselte, mehren sich in dem Altbau an der Böhmerstraße im Frankfurter Westend die Probleme. Vor dem Haus türmt sich Sperrmüll, in einer Wohnung sind Arbeiter einquartiert, es gab zwei Wasserrohrbrüche. Und jetzt das Ungeziefer. Die Mieter wollen trotzdem bleiben, solange es geht.

          Rainer Schulze

          Redakteur in der Rhein-Main-Zeitung.

          Ein paar Straßen weiter schläft an der Fichardstraße eine Mieterin nur noch mit Ohropax, weil in zehn der 17 Wohnungen des Mietshauses Monteure eingezogen sind. „Ich muss mich hier verrammeln“, sagt sie. Permanent knallten die Türen, durch die dünnen Wände klinge der Lärm von nebenan, die Haustür stehe ständig offen, mehrfach gab es Schlägereien im Haus. „Der neue Eigentümer lässt das Haus verwahrlosen.“ Als er 2008 das Haus erwarb, habe er ihr die Wohnung zum Kauf angeboten. Er wolle das Haus sanieren und die Miet- in Eigentumswohnungen umwandeln, hieß es damals. Aber das konnte sich die Mieterin nicht leisten. Ein Umzug kam für sie nicht in Frage. „Eine bezahlbare Wohnung finde ich im Nordend nicht mehr. Und ich will nicht nach Nied.“ Dann kamen die Monteure. „Das ist ein Modell der Entmietung“, sagt sie. Auf der gegenüberliegenden Straßenseite habe der Eigentümer es genauso gemacht: Das Haus wurde aufgestockt und die Mieteinheiten zu Eigentumswohnungen.

          Wie zu Zeiten des „Häuserkampfs“

          An der Schumannstraße gibt es einen ähnlichen Fall. Alle Gebäude gehören dem Unternehmen City 1. Geschäftsführer Vassilios Farmakis bestreitet, dass er die Häuser entmieten will, um sie in Eigentumswohnungen aufzuteilen. „Das ist nicht unser Geschäftsmodell.“ Er vermiete die Wohnungen schlicht an Arbeiter, damit sie nicht leer stünden. Bald will er die Häuser komplett sanieren. Die Mieter könnten wohnen bleiben, sagt er. „Solange sie wollen.“

          Gerlinde Becker hat Zweifel an dieser Version. Sie fühlt sich wie auf einer Zeitreise: „Das ist genau das Gleiche, was in den Siebzigern im Westend ablief. Jetzt geht es wieder los“, sagt die Vorsitzende der AG Westend, die zu Zeiten des „Häuserkampfs“ den Protest gegen die Immobilienspekulation in dem Stadtteil anführte. Becker fürchtet um die Sozialstruktur des Westends, weil günstiger Wohnraum vernichtet werde. Auch der Ortsvorsteher des Stadtteils ist alarmiert. „Mit solchen Methoden die Leute mürbe zu kriegen, das geht einfach nicht“, sagt Axel Kaufmann. Der CDU-Politiker unterstützt eine maßvolle Modernisierung von Wohnraum. „Aber so geht man nicht mit Leuten um. Diese Methoden der Entmietung sind kriminell.“ Der Vermieter versuche, die Mieter „hinauszuekeln“.

          Stadt kennt das Phänomen

          Rolf Janßen, Geschäftsführer des Mieterschutzvereins, spricht von Wildwestmethoden. Das Phänomen sei relativ neu und nicht weit verbreitet. „Aber für die jeweils davon betroffenen Mieter sind das katastrophale Zustände.“ Eine Handvoll Vermieter versuche, mit bösartigen Methoden die Mieter loszuwerden. Er rät den Betroffenen, sich an die städtischen Ämter zu wenden.

          Der Stadt ist das Phänomen bekannt. Der Leiter der Bauaufsicht, Michael Kummer, sagt, seine Behörde sei tätig. Er will sich aber mit Blick auf laufende Ermittlungen nicht weiter zu dem Fall äußern. Strittig ist offenbar, ob es sich um eine gewerbliche Nutzung von Wohnraum handelt, die zu genehmigen wäre. In der Vergangenheit ist die Stadt schon mit dem gleichen Argument erfolgreich gegen die Vermietung von Ferienwohnungen vorgegangen. Umstritten ist aber offenbar, wie schnell die Mieter wechseln müssen, damit ein Gebäude als gewerblich vermietet gilt.

          Drei Bauarbeiter teilen sich ein Zimmer

          Die Vermietung an Monteure ist ein Geschäftsmodell: Im Internet inserieren Unternehmen, die Wohnungen an Bauarbeiter vermieten. Auch eine Adresse der City 1 ist dort aufgelistet. In den Wohnungen geht es spartanisch zu. Im Haus an der Fichardstraße sitzen in einer Wohnung sieben Bauarbeiter um einen Tisch. Sie kommen aus Bosnien und bauen ein Studentenwohnheim an der Hansaallee. Drei Mann teilen sich ein Zimmer.

          Die Mieterin aus der Fichardstraße hat sich einen Schrebergarten gemietet. „Ich fliehe“, sagt sie.

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