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Staatstheater Wiesbaden : Den Pöbel in die Schranken weisen

  • -Aktualisiert am

Männer sind Typen, keine Personen: Shakespeare des Wiesbadener Staatstheater im Destillat „Römische Trilogie“. Paul Simon ist abgebildet. Bild: Karl & Monika Forster

Mord und Totschlag: John von Düffels Shakespeare-Destillat „Römische Trilogie“ sieht am Staatstheater Wiesbaden in drei Dramen nur eine einzige Wahrheit.

          Nanu, wer hat denn für diese modisch verknappten Titel Pate gestanden? „Verachtung“, „Verschwörung“ und „Verführung“ hat John von Düffel mit unübersehbarem Schielen auf die Thriller-Bestseller von Stig Larsson und Jussi Adler-Olsen sein raumgreifendes Shakespeare-Projekt genannt. Ob er damit ein größeres Publikum gewinnen wollte? Denn „Coriolan“, „Julius Cäsar“ und „Antonius und Cleopatra“ zählen zu den zumindest in Deutschland eher stiefmütterlich behandelten Werken Shakespeares.

          Der aktuelle Diskurs, den von Düffel aus den drei Geschichtsdramen heraus- und mit Hilfe seiner eigenen Übersetzung zum Teil auch hineinliest, dreht sich um den Wert der Demokratie. Die Herrschaft des Volkes wird bei Shakespeare häufig gleichgesetzt mit der Diktatur des Pöbels über die Edlen. Die großen Männer, deren Interessen in den römischen Dramen genauso aufeinanderprallen wie in den Königsdramen, berufen sich je nach Bedarf auf die Volksmassen, vorwiegend um die Legitimität ihrer Herrschaft zu belegen. In Wahrheit sind sie den römischen Heroen herzlich egal.

          Tyrannenmord für das Gemeinwohl

          Am Unverhülltesten bringt Coriolan seine Volksverachtung zum Ausdruck. Sein Anspruch, diktatorisch über Rom zu herrschen, nachdem er es von Aufständischen befreit hat, ist die schlüssige Folge der Überzeugung, dass man die „Auswüchse der Volksherrschaft“ kappen und „den Pöbel in die Schranken“ weisen müsse. Demokratie, so sein Glaube, zersetze letztlich den Staat, woraus folgt: „Jagt die Tribunen aus der Stadt und reißt in Stücke die Verfassung.“

          In „Julius Cäsar“, der in John von Düffels Kurzversion nur mehr als Leiche auftaucht, berufen sich nun umgekehrt die Mörder Cäsars, der sich zum Alleinherrscher hatte aufschwingen wollen, auf das Notwehrrecht der Demokraten. Allen voran Brutus legitimiert den Tyrannenmord mit der Verantwortung der letzten Republikaner für das Gemeinwohl. Ihre Tat ist, wie sie unentwegt wiederholen, frei von allen persönlichen Zielen und ein edler Dienst am Volk. Es versteht sich von selbst, dass die Verschwörer danach die Herrschaft unter sich aufteilen.

          „Römische Trilogie“: Skeptisches Demokratiebild

          Greift in „Verachtung“ der glühende Elitemensch Coriolan nach der Macht und zeigen die angeblichen Retter der Republik in „Verschwörung“ ihr wahres Gesicht, bietet „Verführung“, der letzte und längste Teil des dreieinhalb Stunden langen Demokratiediskurses, einen eher melancholischen, zwischen Bitterkeit und Zynismus oszillierenden Abgesang auf die Macht. Er zeigt die angeblich so großen Männer Mark Anton und seine Gegenspieler als ihren Trieben ausgelieferte Kreaturen, wankelmütig, egomanisch und vom Ehrgeiz zerfressen. Das zuvor so häufig beschworene Volk kommt hier nicht einmal mehr in den langen Kriegsrechtfertigungstiraden vor. Die Macht-Männer zeigen ihr wahres Gesicht.

          Das Demokratiebild, das John von Düffel aus den drei römischen Staatsstücken Shakespeares herauspräpariert, ist durchweg skeptisch. Nicht sehr viel anders als wenig später sein Landsmann Hobbes sieht Shakespeare im Menschen des Menschen Wolf. Je ungehemmter das böse Triebwesen seine Unarten ausleben kann, desto katastrophaler für den Staat. Ruhe und Ordnung stiftet idealerweise eine über dem Plebs stehende Elite. Zu Shakespeares Größe gehört es, dass er auch deren Taten mit unbestechlicher Genauigkeit beschreibt.

          Figuren gehen ineinander über

          Im Kleinen Haus des Staatstheaters Wiesbaden hat Beka Savić aus von Düffels Bilderbogen einen handwerklich soliden, gedanklich anregenden, dramatisch aber etwas trockenen Abend gemacht – alles Herumrennen und Brüllen nützt da wenig. In Susanne Füllers und Matthias Schallers lediglich im dritten Teil minimal variierter Einheitsbühne dominiert rätselhafterweise eine zerborstene gotische Fensterrose. Eine Marienstatue unterstreicht die Mittelalterassoziation, die Kostüme machen Anleihen beim Militär oder beim abgerissenen Punk-Schlabber-Look der antikapitalistischen Bohème. Da passt nichts zu nichts, und das soll bis zum unter der Decke schwebenden Klavier womöglich auch so sein.

          Naturgemäß hat John von Düffels Textdestillat die Figuren reichlich rund geschliffen. Und obwohl gerade ein Könner wie Michael Birnbaum, der zu Beginn den Coriolan spielt und im dritten Teil Mark Anton verkörpert, alles unternimmt, um den Charakteren Eigenständigkeit zu verleihen, vermischen sich die Figuren beim Zusehen immer mehr miteinander. Bald meint man, es mit austauschbaren Typen zu tun zu haben. Auch Janning Kahnert (Brutus, Lepidus), Paul Simon (Oktavius, Cassius, Sicinius) und Thomas Jansen (Titus, Decius, Cisca) haben in ihren jeweiligen Rollen starke Auftritte, wirken aber zwangsläufig nur als vorübergehende Inkarnationen eines Ur-Typs. Noch schwerer haben es im Männer-Intrigenstadel die Frauen. Karoline Reinke (Oktavia, Agrippina) und vor allem Kruna Savić, die als zwischen Liebe und Machterhalt zerriebene Cleopatra berührt, sind schwache Gegenpole in dieser Virilitäts-Show, die vielleicht auch ein wenig simpel mit dem Vorurteil spielt, in Wahrheit gehe es allen Männern immer nur um Macht, alle Ideale dienten nur der Tarnung. Vielleicht sind wir da dann doch ein winziges Stückchen weiter, als der Skeptiker aus Stratford und John von Düffel meinen.

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