01.10.2003 · Der Jazz in Frankfurt hat eine ruhmreiche Tradition, aber wie aktuell ist die Szene heute, und wo spielen die Hoffnungsträger von morgen? Eine Spurensuche vom Main bis nach Woodstock.
Von Wolfgang SandnerDer Jazz in Frankfurt hat eine ruhmreiche Tradition, aber wie aktuell ist die Szene heute, und wo spielen die Hoffnungsträger von morgen? Eine Spurensuche vom Main bis nach Woodstock
Die "Frankfurter Schule des Jazz": Das Etikett gilt schon lange als Markenzeichen, Exportartikel und Aushängeschild, aber auch als Widerspruch in sich für all jene, die die "Frankfurter Schule" nur für herbe kulturphilosophische Zwischenrufe gelten lassen wollen, nicht jedoch für die ekstatischen Schreie, die aus dem Jazzkeller in der Kleinen Bockenheimer oder aus dem "Mampf" dringen, hartnäckig vom Hessischen Rundfunk ausgestrahlt werden oder gar zur Sommerzeit auf "Riverboat Shuffles" zu hören sind. Aber: Gibt es sie überhaupt noch? Besitzt Frankfurt eine wirkliche Szene, zehrt die Stadt nicht nur von ihrer Jazz-Vergangenheit und von herausragenden Figuren wie Albert und Emil Mangelsdorff, Heinz Sauer, Günter Lenz und Ralf Hübner - alle noch mit inspirierender Musik höchst aktiv, aber doch in einem Alter, in dem man sich, wenn man wollte und aus ökonomischen Gründen auch könnte, zur Ruhe setzte?
Wer so skeptisch den aktuellen Jazz in Frankfurt beurteilt, der sollte allerdings auch noch einmal etwas genauer auf die Vergangenheit zurückblicken. Denn so sicher es ist, daß von den fünfziger bis zu den siebziger Jahren der Jazzkeller und der Mangelsdorff-Kreis eine attraktive Szene bildeten und von hier aus das Klangbild des Jazz mitgeprägt wurde, so wenig exklusiv war dieser Club der Giganten. Für den Jazz in Frankfurt wie für den Jazz allgemein war schon immer die offene Szene und die Mischung von Generationen wie Nationalitäten typisch. Was hieß schon Frankfurter Jazz in den Jahren 1949, 1957 oder 1973?
Wo war der lokale Zungenschlag beim österreichischen Saxophonisten Hans Koller, beim dänischen Saxophonisten Bent Jaedig oder beim jugoslawischen Trompeter Dusko Gojkovic, beim ungarischen Gitarristen Attila Zoller oder beim amerikanischen Pianisten Bob Degen und seinem Landsmann, dem Komponisten und Hornisten Dave Amram, die alle in der Pionierzeit und auch später noch irgendwie zur Frankfurter Jazzszene gehörten? Wenn den Jazz etwas Soziales charakterisiert hat, dann das Verschwinden virtueller Grenzpflöcke in den Hirnen seiner Exponenten und die Vernachlässigung nationaler Tümeleien. "Deutscher Jazz", das klingt nicht nur in den Ohren von Jazzmusikern eigentlich so absurd wie "deutsche Chemie". Und "Frankfurter Jazz", das schmeckt so lokaltypisch wie "Frankfurter Grüne Soße", um den leicht ironischen Titel einer ZDF-Serie und eines Buches über Albert Mangelsdorff von 1990 zu paraphrasieren.
Was den alten und den aktuellen Jazz in Frankfurt unterscheidet, ist eher etwas, was mit einer veränderten, mobileren Gesellschaft zu tun hat: Heute kann Günter Lenz im Elsaß wohnen und noch immer in diversen Gruppen, etwa im Jazzensemble des Hessischen Rundfunks oder mit dem Schlagzeuger Thomas Cremer und dem Pianisten Olaf Polziehn, im "Frankfurt Jazz Trio" spielen. Daß Christof Lauer den Saxophonsatz der NDR-Big-Band bereichert, hat ihn nicht komplett von der Frankfurter Szene verschwinden lassen. Und umgekehrt: Niemand hindert den agilen ungarischen Tenorsaxophonisten Tony Lakatos daran, in der Frankfurt Jazz Big Band seine Töne zu setzen, bei den wöchentlichen Sessions im Jazzkeller mit jungen Musikern wie dem Gitarristen Jürgen Schwab oder dem Vibraphonisten Christopher Dell aufzutreten und daneben in New York mit George Mraz und Adam Nussbaum Musik von Hoagy Carmichael einzuspielen.
Im übrigen: Amerika. Es wäre verwunderlich, wenn das Mutterland des Jazz nicht stets aufs neue eine Herausforderung auch für die Frankfurter Musiker darstellte. Carlo Bohländer ist auch da in doppelter Hinsicht Pionier gewesen: Als Trimmer fuhr er 1939 schon mit dem Schiff nach New York und wurde später "Resident alien" der Vereinigten Staaten, nachdem er die Sängerin Anita Honis geheiratet hatte. Jutta Hipp und Attila Zoller blieben gleich in Amerika. Mangeldorffs Bassist Peter Trunk machte es ihnen später nach. Der Gitarrist Torsten de Winkel, der 1983 mit neunzehn Jahren ein Jazzrock-Album mit Alphonse Mouzon, Billy Cobham und Ernie Watts aufnahm und später mit Ravi Coltrane eine "New Yorker Jazz Guerilla" gründete, gehört lange schon zu den "Amerikanern" unter den Frankfurter Jazzmusikern. Karl Berger ist vielleicht die interessanteste Figur in dieser Hinsicht: Erst ging er nach New York, um dort seine "Creative Music Foundation" zu etablieren, dann kam er zurück und war einer der ersten Dozenten, die Jazz an Frankfurts Musikhochschule lehrten. Jetzt lebt er wieder in Woodstock, von wo aus er gelegentliche CD-Rauchsignale nach Europa sendet.
Die Klage über die fehlende Szene in Frankfurt, im Vergleich etwa zu Köln oder auch "zu früher", berücksichtigt einfach nicht, daß die Zeiten unübersichtlicher und damit besser geworden sind. Außerdem: Welche Stadt kann sich rühmen, mit der "Frankfurt Jazz Big Band" und der "hr Big Band" gleich zwei große Orchester zu besitzen? Wo spielen so viele Heroen der Jazzgeschichte mit so vielen jüngeren Musikern zusammen wie etwa hier in den Bands von Heinz Sauer der Bassist Stephan Schmolck und die Pianisten Michael Wollny und Markus Becker, in der Combo von Emil Mangelsdorff der Bassist Vitold Rek und der Drummer Janusz Stefanski, im Quintett von Albert Mangelsdorff der Bassist Dieter Ilg und der Schlagzeuger Wolfgang Haffner, um nur einige zu nennen?
Wo gibt es kontinuierlich Auftragskompositionen für Jazzmusiker wie beim Hessischen Rundfunk oder beim Deutschen Jazzfestival? Wo wird so akribisch dem Klang von New Orleans nachgehorcht wie bei der Barrelhouse Jazz Band? Wo treten so viele Exzentriker in Erscheinung wie hier mit dem alle Grenzen sprengenden Saxophonisten Alfred Harth, dem Avantgarde-Komponisten Heiner Goebbels, der Multi-Instrumentalistin Annemarie Roelofs, dem experimentierfreudigen Gitarristen Martin Lejeune, der preisgekrönten Pianistin Elvira Plenar oder dem seit Jahren kryptische Partituren vollschreibenden Trompeter Michael Sell? Was hat die "frühere Zeit" der "Jazzinitiative" entgegenzusetzen, was die einst so konservative Musikhochschule den Studiengängen für Jazz von Michael Sagmeister und Genossen jetzt? Wo vergibt eine Stadt Jazzstipendien? Wo wird ein ganzes Jazzjahr ausgerufen? Der Schluß liegtnahe: Frankfurt bleibt Hauptstadt des Jazz in Deutschland.